Will man den Charakter einer Stadt beschreiben, soll man erst hinter den Bahnhof schauen. In der Gentrifizierungsecke St.Gallens macht das nicht nur Spass, doch gibt es glücklicherweise Ausnahmen. Sonst müsste man ja gleich wieder auf den Zug.
Das Perronnord, ehemals Bierstübli, ist ein richtig guter Laden. Das Publikum ist durchmischt, Stammgäste von früher, jüngere Leute und Musikliebhaberinnen, gekommen, um das Konzert von «Café Deseado» zu besuchen. Auch Jean Genet zeigte sich an dem Abend, klaute ein Bier und zeigte sein Gebiss.
Café Deseado beginnt mit einer Interpretation von Happy Birthday (ein Gast hatte Jubiläum), worauf ein ziemlich betrunkener Ex-Matrose lautstark und falsch mitzusingen geruhte, der zuvor ebenso laut mitteilte, glücklicher Single zu sein. So holt man Gäste ab, nachher wird zugehört.
Das Trio (Martin Amstutz am Bandoneón, Julia Herkert an der Violine, Stefano Tisato am Kontrabass) spielt vor allem Eigenkompositionen von Martin Amstutz, «Musik aus dem Café, das es in Puerto Deseado nicht gibt». Irgendwo auf dem nicht-kürzesten Weg von Puerto Deseado (47.5° Süd) nach St.Gallen (47.5° Nord) sind dann auch die Melodien zu verorten, man vermeint Tango-Grooves, Volksweisen und Irisches zu erkennen. Das begehrenswerte Café zieht damit Fluchtlinien aus dem Containerkulturbegriff der gängigen Diskurse. Die dionysische Meditation schwingt zwischen Sehnsucht, Verzweiflung und unbedingter Lebensfreude und beschert dem Publikum Welt und Heterokosmos unlösbar verknotet.
Das legendenumrankte Café Deseado tauchte am Ende des letzten Jahrhunderts zum ersten Mal auf. Die Formation hat viel gewechselt, zuletzt war aber fast 8 Jahre lang Funkstille. Um so schöner die Überraschung, dieses neue Auftauchen des nomadisch fungierenden Projekts zu entdecken, mitten im Charaktergesicht der Stadt, dem Perronnord – hinter dem Bahnhof.
Bilder: Bobby Moor Plakat: Point Jaune Museum, Martin Amstutz
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.