«Darf ich fragen, ob Sie schon krank waren, als Sie Bis bald geschrieben haben?» Ich hatte mich fast nicht getraut und dann doch gefragt. Markus Werner störte die Frage überhaupt nicht. «Nein», antwortete er. Aber im Nachhinein erscheine es auch ihm unheimlich, wie viel er in seinem Buch vorweggenommen habe. Das war im Jahr 2010, sechs Jahre nach Erscheinen von Werners letztem und erfolgreichstem Roman Am Hang. Zu einer Zeit, als er aus gesundheitlichen Gründen unmöglich mehr schreiben konnte.
Nur gerade sieben schlanke Romane hat Werner verfasst, bevor seine Krankheit ihm und seiner Leserschaft einen Strich durch die Rechnung machte. Ein Lungenemphysem raubte ihm den Atem. Immer häufiger musste er an die Sauerstoffflasche, immer weniger Anstrengung bereitete ihm immer mehr Atemnot. Einmal, im Jahr 2013, schrieb er mir eine E-Mail. Nach neun Sätzen folgte der zehnte und letzte: «Und schon bin ich ermüdet.»
Sätze wie Bonbons
Nur gerade sieben Romane. Und doch sind wenige so kleine Lebenswerke so gross. Denn Werners Sätze sind unendlich viel mehr als die Summe ihrer Wörter. Die Bücher muten manchmal wie Aphorismensammlungen an. Man kann einen Satz wie ein Bonbon zerbeissen, schlucken und zum nächsten übergehen. Man kann ihn sich aber auch auf der Zunge zergehen lassen, und plötzlich, Stunden oder Tage später, merkt man, dass in einem Zahnzwischenraum doch ein Splitter steckengeblieben ist, den man hervorholen, dem man sich erneut widmen muss und darf.
Werners Figuren leiden. Sie bewegen sich in einer feindlichen Welt, die nicht für sie gemacht ist, die sie nicht verstehen. Aber sie verstehen es, ihr Unverständnis in betörende und verstörende Worte zu fassen. Der erste Abschnitt im ersten Buch (Zündels Abgang, 1984) zum Beispiel: «Schöne Kindheit im Warenhaus. Abhanden gekommen das einzig Vertraute, untergetaucht in neonhellen Schluchten. Der Kleine, in Tränen aufgelöst und ohne Fassung wimmernd: Mama, Mama. – Wie immer, viel Helferwille, Ersatzhände, vom Kinde abgeschüttelt, es rennt umher und schreit. Wird irgendwo hinter bunten Kulissen erhört: Da kommt sie, die Mama, das Kind ihr entgegen mit erhitztem Gesichtlein, verweint, doch erlöst, und sie lässt sich nieder vor ihm, breitet die Arme aus und schlägt zu, links rechts, links rechts, und zischt und schmäht.»
Die Mutter, Symbol für ein menschliches Urvertrauen, schlägt ihren verlorenen Sohn und macht ihm früh klar: Es gibt auf dieser Welt keine Geborgenheit. Und Zündel? Der eilt der Mutter mit einem Plastiksack zu Hilfe, nachdem das Kind ihr vor Schreck und Enttäuschung in die Hände erbrochen hat. Und wie richtet er über seine Tat? «Ein Verräter bin ich, ein Gaffer mit Faust im Sack. Windig. Gehandelt hab ich zwar, stimmt, ich regte mich, zu spät und falsch. Ein Nothelfer dieser Mama: Getilgt seien die Spuren ihrer Tat, denn sie stinken zum Himmel.» Werners Figuren erkennen die allgegenwärtige Zumutung. Sie erkennen sie als übermächtigen Feind, dem sie wenig anderes entgegenzusetzen haben als Scharfsinn, Verachtung, Ekel und entlarvenden Humor.
Klar sieht, wer von ferne sieht
In seiner Dankesrede zum Alemannischen Literaturpreis im Jahr 1990 sagte Markus Werner: «Man muss sich wieder einmal vergegenwärtigen, was zwar kein Alemanne, sondern ein dezidierter Chinese vor zweieinhalbtausend Jahren erkannt hat: ‹Klar sieht, wer von ferne sieht, und nebelhaft, wer Anteil nimmt.› – Da haben wirs. Das Randständertum als Voraussetzung für klare Sicht.»
Werner war ein stiller Beobachter. Was er zu sagen hatte, steht in seinen Romanen. Das machte er immer wieder deutlich und hatte bald den Ruf, ein zäher Interviewpartner zu sein. Als ich meine Lizentiatsarbeit über das Schweiz- und Schweizerbild in seiner Literatur schrieb, versuchte ich deshalb nicht, Kontakt aufzunehmen. Ich fürchtete, ein negatives Erlebnis mit der Privatperson Werner könnte meine Liebe zum Schriftsteller trüben. Ich kontaktierte ihn erst, als die Arbeit bereits gebunden und benotet war. Mit erheblicher Nervosität. Eine seiner ersten Fragen war, weshalb ich ihn denn nicht früher angerufen habe. Er hätte mir gern Auskunft gegeben.
Markus Werner war ein wahnsinnig netter und höflicher Mensch, der sehr wenig mit dem Bild gemein hatte, das ich mir aufgrund der spärlichen Interviews und Artikel mit ihm und über ihn gemacht hatte. Er sagte es aber auch deutlich, wenn er anderer Meinung war. Einen Geheimtipp hatte ich ihn in meiner Arbeit genannt, der erst mit dem letzten Buch wirklich in den Fokus der Öffentlichkeit getreten war. Er widersprach und verwies in aller Bescheidenheit auf die Bestsellerlisten, in denen sämtliche seiner Bücher vertreten waren.
Ungern im Scheinwerferlicht
Natürlich war Werner in Bezug auf die Verkaufszahlen einer der erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller überhaupt. Aber er war nie eine öffentliche Figur. Sein Name tauchte nur dort auf, wo Literaturliebhaber nach ihm suchten. Seinen Brief, in welchem er mich und meinen Geheimtippbegriff korrigierte, begann er mit dem Satz: «Ich schreibe diese Zeilen in meinem Toggenburger-Geheim-Refugium, wohin ich mich von Zeit zu Zeit für eine Weile zurückziehe.»
Markus Werner war in der Öffentlichkeit nie präsent. Insofern wird sich mit seinem Tod gar nicht so viel ändern, auch wenn er ihn vorübergehend ins Scheinwerferlicht rückt, wo er sich so unwohl fühlte. Was er sagen wollte, steht in seinen Büchern. Dort steht es auch heute, zwei Tage nach seinem Tod, und dort wird es noch lange stehen. Ebenso lange wird es sich lohnen, Markus Werner zuzuhören.
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