Kategorie
Autor:innen
Jahr

Das Klischee der zahlengenialen Autisten

Der St.Galler Autismusverlag leistet Pionierarbeit: Er gibt nicht nur Bücher über die Behinderung heraus, sondern beschäftigt auch betroffene Menschen. Und verhilft ihnen damit zu einem erfüllten Leben.
Von  Sarah Schmalz , 

Beim Autismusverlag an der Wiesenstrasse in St.Gallen arbeitet seit kurzem auch ein 3D-Zeichner. Er sei genial, sagt seine Vorgesetzte Simone Russi. Der Beweis für die Kreativität ihres neuen Angestellten liegt vor ihr auf dem Tisch: Ein Löffel – frisch ab Drucker, mit präziser Ausbuchtung. Das Werk zeigt aber auch auf, welches die Schwierigkeiten des Zeichners sind, der wie fast alle Mitarbeiter des Autismusverlages vom Aspergers-Syndrom betroffen ist: Löffel sind eigentlich nicht seine Kernaufgabe. Vielmehr wurde er engagiert, um nach Vorlage didaktisches Lernmaterial zu produzieren. Sich zu fokussieren, falle ihm aber noch etwas schwer, sagt Russi. «Er braucht ganz klare Anweisungen, damit er arbeiten kann.»

«Wir wollten eigentlich nie so gross werden»

Darauf reagiert haben Russi und ihr Partner Florian Scherrer mit Pragmatismus – wie immer eigentlich, seit das alles angefangen hat mit dem Verlag. Sie stellten ihm einen Assistenten zur Seite. «Dieser achtet auf die Genauigkeit», sagt Russi. «Während unser Zeichner seine Kreativität einbringen kann. Das ist doch eine optimale Aufgabenteilung.»

Sie lacht – weil es immer ähnlich abläuft: «Wir hatten nie vor, so gross zu werden, wie wir es heute sind», sagt sie. «Wir haben einfach immer auf die aktuellen Herausforderungen reagiert, und sind so immer weiter gewachsen.» Der 3D-Drucker eröffnet dem Autismusverlag ein neues Feld: Simone Russi, hauptberuflich als Heilpädagogin tätig, will die Materialen nicht nur selber bei ihrer Arbeit einsetzen, sondern bald auch vertreiben.

Hauptsächlich aber gibt der Autismusverlag natürlich Bücher heraus. Stolze 13 Titel zählt das Sortiment inzwischen. Es sind vor allem amerikanische Fachbücher, die in St.Georgen ins Deutsche übersetzt, gedruckt, ringgebunden und vertrieben werden. Auch zwei Autobiografien und ein Bilderbuch hat der Verlag veröffentlicht.

Dabei hatte es 2012 sehr bescheiden begonnen: Russis Freund Florian Scherrer wollte eigentlich nur ein Buchkapitel übersetzen lassen. «Ich brauchte den Text für ein Seminar», sagt er, der damals – bevor sich seine Arbeitsräume langsam in ein Verlagsbüro verwandelten – Sozialtrainings für Menschen mit einer autistischen Wahrnehmung leitete. Weil sich bei einem seiner Teilnehmer eine grosse sprachliche Begabung zeigte, beauftragte Scherrer ihn mit der Übersetzungsarbeit. Doch der Jugendliche liess es nicht bei dem einen Kapitel bleiben, sondern übersetzte gleich das ganze Buch. Was nun also anfangen mit diesem Manuskript? Ein Freund habe ihn ermutigt, die Übersetzung einfach gleich selbst herauszubringen, erzählt Scherrer. «Also haben wir uns um die Rechte gekümmert und dann einfach mal losgelegt, mit einfachsten Mitteln.»

Herumtappen im Dunkeln

So begann, was in der Beschäftigung von heute sieben Teilzeitangestellten mündete. Die Anstellung trägt für die vom Asperger-Syndrom Betroffenen, die eine eher leichte Form von Autismus haben, sehr viel zu einem selbstbestimmten und erfüllten Leben bei. Das zeigt sich etwa am Beispiel von Iris Köppel. Die 46-jährige ist ausgebildete Pädagogin; das Asperger-Syndrom diagnostizierte man bei ihr erst, als sie 39 war. Für die junge Frau bedeutete das: jahrelanges Herumtappen im Dunkeln – mit verheerenden Folgen.

iris_koeppel

Iris Köppel an der Ringbinder, Bild: zvg

Der Alltag als Primarlehrerin belastete Köppel stark, doch das ständige Gefühl der Überforderung wurde mit der falschen Diagnose – Depression – übersetzt. Köppel liess sich zur Rhythmik-Lehrerin ausbilden – und scheiterte nach einigen Jahren auch in diesem Beruf. Es folgten verschiedene Klinikaufenthalte. Vor sieben Jahren kam dann endlich die erlösende Diagnose.

«Menschen mit Asperger sind normal bis überdurchschnittlich intelligent», erklärt Scherrer. Sie verarbeiten Reize anders als ihre Umwelt. Hektische, unübersichtliche Situationen belasten sie deshalb übermässig, und flexibles Reagieren fällt den meisten Autisten schwer. «Deshalb brauchen Asperger-Betroffene eine Arbeitsumgebung, die ihrer Wahrnehmung entspricht. Von Vorteil sind kleine Teams und klare Aufgaben» – zwei Dinge, die der Autismusverlag seinen Angestellten bietet.

Als Fachmann ist Scherrer ein wichtiger Begleiter für die Menschen mit autistischer Denkweise. Bezahlt wird diese Unterstützung mit dem Assistenzbeitrag, den die Angestellten von der IV erhalten. Der Verlag wiederum bezahlt seinen Angestellten einen IV-ergänzenden Lohn.

Im ersten Arbeitsmarkt tätig

Eine Behinderten-Institution ist der Autismusverlag dennoch nicht: Die Löhne der Mitarbeitenden werden nicht subventioniert, sondern durch den Buchverkauf und die Übersetzungsaufträge erwirtschaftet. Der Verlag setzt sich damit zwar finanziellen Schwierigkeiten aus – Simone Russi leistet Gratis-Arbeit und in den Büroräumen ist es längst zu eng geworden – dennoch sind Scherrer und Russi von ihrem Konzept überzeugt.

«Wir wollen unsere Freiheiten behalten», sagt Scherrer, «und das Potential unserer Mitarbeiter voll ausschöpfen.» Als subventionierte Institution hätte der Verlag viele Auflagen zu erfüllen. «Wir dürften unsere Mitarbeiter etwa keine paar Stunden unbeaufsichtigt lassen. Das widerspricht unserer Vorstellung einer gleichberechtigten Zusammenarbeit.»

Schweizweit gibt es nur sehr wenige auf Autisten zugeschnittene Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt. Einzigartig ist der Autismusverlag aber noch aus einem anderen Grund: Vergleichbare Initiativen gibt es nur in der Technikbranche, vor allem in der Informatik. Dabei sei das verbreitete Bild der zahlengenialen Autisten falsch, sagt Russi. «Menschen mit einer autistischen Wahrnehmung haben genauso vielfältige Begabungen wie der Rest der Menschheit. Deshalb braucht es auch für sie verschiedenste berufliche Perspektiven.»

Iris Köppel unterstreicht diese Aussage: «Es braucht unbedingt mehr solche Projekte», sagt sie. Die Arbeit beim Autismusverlag habe ihrem Alltag die für sie so wichtige Struktur zurückgegeben – und sie wird wertgeschätzt: «Iris ist für uns unersetzbar», sagt Russi. «Sie ist pädagogische Fachperson und Betroffene in einem. Nennen Sie mir jemanden, der diese Arbeit hier besser machen könnte.»

 

Infos: autismusverlag.ch

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max