Als «Hexenjagd» 1953 zum ersten Mal aufgeführt wurde, barg das Stück einigen politischen Zündstoff. Es war die Zeit, als in den USA die Verfolgung von Linken und Kommunisten unter Senator McCarthy immer drastischere Dimensionen annahm. Gegen Intellektuelle und Künstler wurden ermittelt, viele wurden denuziert, es herrschte ein Klima der Angst.
In seinem Stück beschreibt Arthur Miller die individuell-psychologischen und politisch-strukturellen Mechanismen, die Misstrauen, Böswilligkeit und Verschwörungsangst in einem solchen Klima schaffen und antreiben. Der Clou dabei ist die Versetzung der Handlung in die Vergangenheit: Millers Stück nimmt Bezug auf die Hexenprozesse von 1692 in Salem, einem Dörfchen mitten im ländlichen Nirgendwo von Massachusetts.
Hysterie pur – das «Hexenjagd»-Ensemble.
Die Macht der Hysterie
Die Handlung setzt mit merkwürdigen Ereignissen ein, die das Dorf erschüttern: Einige Mädchen wurden bei seltsamen Tänzen mit dem Hausmädchen aus Barbados nachts im Wald ertappt. Seither befindet sich die Tochter des Pastors in einem seltsamen Wahnzustand. Für die Symptome wird keine Erklärung gefunden, und bald kommt der Verdacht auf, dass Hexerei am Werk sei. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Vermutung unter den puritanischen Dörflern und fällt in der vergifteten Stimmung auf fruchtbaren Boden.
Die anderen Mädchen beginnen aus Angst vor Bestrafung und Rache, Frauen der Hexerei zu bezichtigen. Schwelendes Misstrauen kippt in Hysterie: Willkürlich wird eine Frau nach der anderen denuziert, festgenommen und verurteilt. Wer das rigorose Vorgehen des Gerichts kritisiert, wird sofort verdächtigt, mit dem Bösen im Bunde zu sein. Und nur wer gesteht, entgeht dem Tod am Galgen.
Mechanismen der Angst
Im Zentrum der Inszenierung von Regisseur Krzysztof Minkowski steht das Grundgefühl der Angst, die solche Hysterie nährt und abergläubisches Misstrauen in schonungslose Taten kippen lässt. Dabei geht es ihm nicht um psychologischen Realismus. Die Figuren schreien ihre Angst heraus, brüllen, toben.
Die Angst der bornierten Dörfler verknüpft Minkowski mit Formen von Fremdenhass in der Schweiz im Jahr 2015: Das angeblich vom Teufel besessene Mädchen brüllt immer wieder rassistische Hass-Parolen auf Schweizerdeutsch ins Publikum. Der Rest des Ensembles sitzt währenddessen in einer Reihe auf der anfangs ganz leeren Bühne (Bühnenbild: Konrad Schaller), starrt misstrauisch ins Publikum und murmelt vor sich hin.
Es gibt also durchaus Gegenwartsbezüge, die aber nicht weitergesponnen werden, was spannend gewesen wäre. Die übrigen Figuren bleiben texttreu im Neuengland des 17. Jahrhunderts. Das Publikum soll sich dennoch einbezogen fühlen: Die Bühne spiegelt die Architektur des Zuschauerraums, und wenn das Stück beginnt, bleibt das Licht an. Einzelne Zuschauer werden der Hexerei verdächtigt, bei Predigten und Verhandlungen wird das Publikum immer wieder direkt angesprochen. Da fühlt man sich manchmal wie in einer Freikirche, manchmal wie in einem Gerichtssaal.
Mary (Media Georghiu-Banciu) und die Proctors (Boglarka Horvath, Marcus Schäfer).
Starkes Ensemble
Getragen wird das Stück von der ausgezeichneten schauspielerischen Leistung des ganzen Ensembles: Tobias Fend als fanatischer Pfarrer sowie Wendy Michelle Güntensperger, Boglárka Horváth, Danielle Green, Tim Kalhammer-Loew, Christian Hettkamp, Meda Gheorghiu-Banciu, Marcus Schäfer, Silvia Rhode, Luzian Hirzel und Oliver Losehand. Die Spannung hält allerdings nicht ganz durch, das Stück zieht sich in die Länge, es fehlen neue Einfälle der Regie, während immer mehr Bühnenelemente aufgefahren werden.
Dennoch lohnt die «Hexenjagd» einen Besuch – nur schon um zu merken, wie aktuell die Thematik sechzig Jahre nach dem Erscheinen des Stücks noch immer ist.
Nächste Vorstellungen: Freitag, 10. und Samstag, 18. April. www.theatersg.ch
Bilder: Tine Edel
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.