Was für ein fantastisches Konzert, was für eine An- und Aufregung, eine Befreiung in vielerlei Hinsicht: Die Goldenen Zitronen waren am Mittwoch im Palace.
Der Körper zuckt, aber das Hirn hält dagegen: Geht das, wild tanzen, wenn der Songtext von Neonazi-Mordanschlägen gegen Ausländer und Autonome handelt? «Das bisschen Totschlag» als Mitbrüll-Refrain, soweit kommt es nicht, aber einige entfesselte Sprünge müssen sein, Schorsch Kamerun macht sie auf der Bühne schliesslich selbst vor: Die Wut darf nicht lähmen, sie soll zum Handeln anstacheln. So war Punk auch gemeint, nicht nur als Chaos-Klamauk und nihilistische Absage an die Welt. Zuvor schon wurde in einem grandiosen Protest-Unterhaltungskonzert, wie es St.Gallen so noch nie erlebt hat, die Katastrophe von Lampedusa inszeniert: Kamerun singt das bereits vor Jahren entstandene Lied vom «Turnschuh», der übers Mittelmeer kommt – und erzählt dann, die Musik gestoppt, mit komischen Lampen vom grausigen Schicksal der Bootsflüchtlinge in der Dunkelheit. «Für eine Fahrt ans Mittelmeer, gäb ich meine letzten Mittel her…».
Ohne uns
Beklemmende Momente, Nachdenkliches im grossen Gelächter, ständige Brüche und Kippbewegungen. Wenn die Verzweiflung trotzdem überhand nimmt und man auf dem «Platz der leeren Versprechungen» ob all der «Scheinwerfer und Lautsprecher» keinen Ausweg mehr sieht, bleibt als Option die verschmitzte Verweigerung: Nein, netter «Investor», nein, beflissene «Kaufleute 2.0.1», mit uns könnt ihr eure Rechnung nicht machen. Das alles sind Songs der Goldenen Zitronen, quasi «Stimmungshochhalter» gegen «Angst und Bange am Stück», die vielen «Widersprüche» stets mitbedacht, «Menschen haben keine Ahnung», um es mit weiteren Titeln zu sagen, die das sechsköpfige Hamburger Bandkollektiv am Mittwoch im Palace spielte.
Das Echo wird lange nachhallen. Was für ein fantastisches Konzert, was für eine An- und Aufregung, eine Befreiung in vielerlei Hinsicht. Viele wussten nach dem eineinhalbstündigen Auftritt und dreifachem Zugabenblock nicht viel mehr zu sagen als: Wahnsinn! Besser geht’s nicht. Sehr dicht, sehr dringlich, eine Sprach- und Definitionsmacht, die im Moment sprachlos macht (Problem! Problem!), aber letztlich anspornt: Hey, hey, Leute, wir haben die Rhythmen und die Texte, ihr habt eure eigenen Mittel, nur bitte keine Selbstzerfleischung.
Ein Gefühl des Aufruhrs lag im Saal, verwirrende Spannung, das Publikum in euphorischer Bewegung, 200 Menschen aller Gattung im Alter von 19 bis 63 Jahren, eine erfreulich heterogene Versammlung von alten Hasen und Neu- oder Quereinsteigern, die Szenen von Musik, Kunst, Theater und Politik gut vertreten, ehemalige Häuserbesetzer und Anarchopunks neben manchen, die Rang und Namen haben. Und die Zitronen laufen an ihren variablen Positionen zur Höchstform auf: Ted Gaier, Julius Block und Mense Reents wechseln ihre Instrumente (Bass, Gitarren, Synthesizer, u.v.m.) wie Schorsch Kamerun seine Sprecher- und Sängerrollen, Schlagzeuger Enno Palluca und Perkussionist Stephan Rath treiben das kuriose Gefährt unverzagt an.
Auf dem, wie gehabt, vieles Platz findet: mitreissende Krautrock- und New-Wave-Discostampfer, auch mal flotte Beat- und Swingmusik, sperrige Free-Jazz-Ausflüge und dadaistisch-theatralische Einlagen, bis die Bude kracht. Manchmal denkt man an DAF und Abwärts, manchmal an Gang Of Four und The Fall (zumal mit Doppeltrommeln). Und in einer Ecke rattert ein Film über ein Leintuch, «Moses und Aron», die Schönberg-Oper in der politischen Version von Straub/Huillet, ein Verweis für Kenner. Von wegen Insidern: Bei «Munich» plötzlich ein familiärer Gastsänger, Hans Platzgumer, ehemaliges Gitarristenwunder (HP Zinker) und zwischenzeitlich Elektroniklieferant bei den Zitronen, der wohnt nah bei Lindau am Bodensee und feiert mit dem Auftritt seinen 44. Geburtstag. Der befreundete Albert Oehlen (Gais) ist nicht erschienen, mit ihm war Kamerun aber nachmittags in einem St.Galler «Oma-Café» noch Kaffee trinken.
Sicht auf den Bodensee
St.Gallen wird an diesem Abend in die Erzählungen eingeflochten, auch hier fände ein Investor lohnende Objekte, von der HSG ist aber nicht die Rede. Im giftigen Song über die Gentrifizierung von St.Pauli («Lecker Kaffee, lecker Kuchen») wird die Aussicht auf die Elbe zur «Sicht auf den Bodensee». Mit direkten Fragen ans Publikum läuft die Band aber ins Leere: St.Gallen sei «in Sachen Diskurs wohl ein unbeschriebenes Blatt», stellt sie fest, aber vielleicht «seid ihr und wir ein interessantes Treffen von Arroganten». Später wird Saallicht verlangt, weil die Zitronen ihrerseits «das Zielpublikum einschätzen» wollen – uff, Test bestanden, alles cool, Jung und Alt haben den Braten gerochen, «arrogant» ist niemand, aber amüsiert und stimuliert.
Sorry, hier ist (noch) einer überfordert, dieser Bericht wird jetzt viel zu lang und ist doch nur das Eingeständnis eines Scheiterns; längst nicht so schön auf den Punkt gebracht wie z.B. die Wiener Konzertbesprechung von Christian Schachinger im «Standard» (unbedingte Leseempfehlung); dort wird auch Kameruns Verkleidung («Ist das ein Priestergewand?», fragte einer im Palace) prima erklärt.
Was bleibt, sind die wichtigsten Anliegen der Zitronen: «Was könnte eine Demonstration sein? Wie kann ich mir Platz schaffen? Darum geht es doch immer», sagt Ted Gaier über das Stück zum Rave- und Stadtmarketing-Debakel von Duisburg. Man höre das neue Album, «Who’s Bad», zentral darauf die Platzbehauptung für afrikanische MigrantInnen und die melancholischen Ortsbesichtigungen von Industrie-, Einkaufs-, Freizeit- und Verkehrseinrichtungen in Europa. Die Schweiz kommt nicht vor. Aber natürlich gilt auch hier, was die Zitronen einfordern: «Gebt den Menschen mehr Zeit! Und schenkt ihnen viel mehr Raum!»
So, das wär’s, der Kopf rumort, der Körper ist erschlafft, ich tauche in die Badewanne, Dub, Dub, Dub… Auf dass die Zitronen bald wiederkommen, am liebsten mit FSK aus Munich.
Bilder: Dani Fels
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