Gambrinus war zu Ende des Mittelalters ein germanischer König, dem die Erfindung des Bierbrauens zugeschrieben wird. Kunststück, gab es einst viele Wirtschaften, die diesen Namen trugen. Und gewiss war der Name passend für eine Jazzbeiz. Hier die Geschichte im Zeitraffer: Im September 1995 eröffnen die beiden Jazzmusiker Suzanne Bertényi und Hector «Gato» Zemma sel. das «Gambrinus» als Jazzlokal und geben dem Verein «Jazz neb de Landstross» eine neue Bleibe. Von Beginn an dominiert hier aber das Musikniveau, nicht die Bierseligkeit; legendär, wie Suzi unliebsamen Plauderern das Schildchen «Ruhe» vor die Nase hielt…
Zick-Zack durch die Stadt
Weil die Liegenschaft dem Einstein-Kongresszentrum weichen muss, sind eine neue Lokalität und eine finanziell breitere Trägerschaft gefragt. Im Frühjahr 2004 wird der Verein «gambrinus jazz plus» (gjp) gegründet und man wechselt von der Wassergasse in den «Kastanienhof» bei der Kreuzbleiche, wo gjp Gastrecht geniesst. Das Lokal erweist sich als sehr stimmungsvoll, nur die etwas periphere Lage lässt den Besucheraufmarsch zuweilen unter die Schmerzgrenze sinken, was auch den Wirt nicht sehr freut. Neue Ausstrahlung erhofft man sich durch den grosszügigen Umbau, der aber jahrelang hinaus geschoben wird.
Stilblüte aus dem Ur-Gambrinus an der Wassergasse: Harald Haerter in kurzen Hosen und Hawaii-Hemd, passend zum geblümten Vorhang und der Schalldämmschaumstoffdecke…
Da ist es ein Glücksfall, dass Jazzliebhaber Bert Haag die Möglichkeit bekommt, ein eigenes Lokal zu eröffnen und gjp als Musikpartner im Boot haben will. Gambrinus Jazz ist damit in doppeltem Sinne «back to the roots»: Die neue Lokalität in den Arkaden an der Gartenstrasse ist zum einen nur einen Steinwurf vom Ur-Gambrinus entfernt, und zum zweiten ist damit endlich wieder eine richtige Heimat gefunden, was schon im Namen zum Ausdruck kommen soll: Gambrinus Jazzclub.
Mit der Eröffnung im November 2009 ist eine Programmausweitung möglich: Zu den ungefähr wöchentlichen «grossen» Konzerten gibts montags Auftritte der Hausband und jeden letzten Mittwoch Jamsessions. Doch divergierende künstlerische und kommerzielle Erwartungen und Interessen zwischen dem Verein (der wiederum nur Gastrecht geniesst) und dem Wirt führen schon nach einem Jahr zum vorzeitigen Ende der Partnerschaft.
Nach einem Jahr Pause entfaltet gjp seit Ende 2011 neue Aktivitäten in wechselnden Lokalitäten – gedacht als Interregnum, bis ein neuer Club gefunden ist. Mit dem Hauptpost-Keller eröffnet sich auch eine vielversprechende Perspektive; Pläne werden erstellt, die Finanzierung des Umbaus und der Einrichtung ist praktisch schon sichergestellt – doch die Aussicht auf untragbar hohe jährliche Betriebskosten zwingt zum Übungsabbruch. Stattdessen werden die wechselnden Konzertorte zum Konzept erhoben: Gambrinus als «stadtweiter Jazzclub von St.Gallen».
Zum 50er-Jahre Rock’n’Roll der Blue Flagships geht im Kastanienhof die Post ab (September 2005).
In den bisherigen dreieinhalb Jahren wurden über 20 Lokalitäten bespielt: Kugl, Lok, Tartar, Palace, Ortsbürgerkeller, Pfalzkeller, Tonhalle, Klubschule, Stickerei, Roter Platz, Katharinensaal, Einsteinsaal, Weinlokal 1733, Offene Kirche, St.Laurenzenkirche, Blumenmarkt, Kulturfestival, Grabenhalle, The Irish Pub, Kaffeehaus oder Klosterbistro.
Bassist Marc Jenny als «Aushilfe» bei Raphael Wressnig (September 2006)
Bluesprofessor Wale Liniger (April 2010) an der Gartenstrasse
Iiro Rantala in der Lokremise (Dezember 2011)
A.Spell eröffnen die Reihe «Live im 1733» (April 2013)
Jazz in der Stickerei mit Vinylist Valentin Butz (Mai 2013)
Plattentaufe von Sika Lobi im Palace (Januar 2014)
Gregor Hübner Trio mit Startrompeter Paolo Fresu im Pfalzkeller (September 2014)
Auch wenn die logistische Herausforderung gross ist, glaubt Gjp-Präsident Andreas B. Müller, dass sich der Mehraufwand lohnt: «Wir sind überzeugt, dass wir das Manko eines festen Clubs mit permanenter Ausstrahlung durch diese stadtweite Wahrnehmung mehr als wettmachen können.» Ist für Gambrinus ein fixes Lokal damit endgültig vom Tisch? «Wenn sich ein jazzaffiner Mäzen mit einem geeigneten Lokal meldet, sind wir sicherlich dabei», sagt Müller.
Stilvielfalt ist Programm
Der Verein gambrinus jazz plus (gjp) zählt gegenwärtig rund 200 Mitglieder. Ziel ist die «Pflege anspruchsvoller Musik aus verschiedenen Kulturen, insbesondere im Bereich des Jazz und artverwandter Musik». Für Stilvielfalt bürgt das Plus im Namen: Von Blues über Folk, Gipsy, World bis zu Poetry Slam hat unter diesem Label (fast) alles Platz. Für gewisse Genres wurden sogar eigene Serien initiiert, etwa Klassik Plus, Piano Nights oder neuerdings Voices.
Das Jubiläumsprogramm: 2. 11.: Yvonne Moore Bluesband, 1733 Weinlokal 3. 11.: Jazz Jam Session Special Edition, Offene Kirche 4. 11.: Mike Stern Band feat. Dennis Chambers, Tonhalle 5. 11.: Christian Scott Band, Palace 6. 11.: Rosset Meyer Geiger play Standards, Kaffeehaus 7. 11.: Jazz On Vinyl Only, Blumenmarkt 8. 11.: Konzert-Gottesdienst mit Claude Diallo, Kirche St.Laurenzen
Weitere Zwecke sind die Förderung junger Musikerinnen und Musiker und der Kulturaustausch. Talentförderung hat gjp immer wieder mit speziellen Plattformen betrieben, etwa dem LabOhr im Kugl, den Jam-Sessions, der Mittwochsreihe in der Stickerei und nun «Live im 1733» an der Goliathgasse. Seine Vermittlerrolle kann gjp mit dem Newsletter wahrnehmen, der zu einer überregionalen Jazzagenda avanciert ist.
Dass «Gambrinus» zum Markenzeichen für exzellente Jazzkonzerte geworden ist, beweist eine kleine Aufzählung arrivierter Namen, die hier in den zwei Jahrzehnten gastierten: Richie Beirach, Lee Konitz, BennyBailey, Red Holloway, Franco Ambrosetti, Irène Schweizer, Ed Neumeister, Tony Lakatos, Supercharge, Barbara Dennerlein, Wolfgang Muthspiel, Marc Copland, John Abercrombie, Erika Stucky, Thierry Lang, Jacky Terrasson, Roman Schwaller, Philipp Fankhauser, Glenn Ferris, Frank Möbus, Jojo Meyer, Heiri Känzig, Marc Ribot, Oregon, Iiro Rantala, Raphael Wressnig, Nils Petter Molvaer, Paolo Fresu und viele mehr.
Kyle Shepherd in der Klubschule / The Art of Piano II (Oktober 2012)
Oscar Petersons Easter Suite mit dem Jazz-Trio Kordes-Tetzlaff-Godejohann in der St.Laurenzenkirche (April 2014)
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.