Kategorie
Autor:innen
Jahr

Eine Theaterbeschwörung

Mit einer Uraufführung um die Figur der Paula Roth, der «Bellaluna»-Wirtin im Albulatal, verabschiedet sich Schauspieldirektor Jonas Knecht vom St.Galler Publikum. «Selig sind die Holzköpfe» ist eine bildstarke Hommage an eine eindrückliche Frau – und an das Theater.
Von  Peter Surber
Paula tanzt. Tabea Buser (vorne) und das Ensemble. (Bilder: Iko Freese)

Die Schafe kennen sich aus mit den Leuten, ääh, «mit de Lüüt». Die Leute, das sind die, die über die Leute reden, aber selber natürlich nicht zu denen gehören, über die sie reden, sagt das eine Schaf zum andern, und dieses nickt kauend, jo so sind s, d Lüüt, määh.

Die anderen Schafe blöken dazu so possierlich, dass man ewig weiter zuschauen und zuhören wollte. Die beiden Leitschafe Pascale Pfeuti und Anja Tobler und die ganze Ensemble-Herde gehen einem in dieser kurzen Szene wunderlich nahe. Samt ihren Schafsweisheiten, die auch Paula-Weisheiten sind.

Geisterbeschwörung schattenhalb

Sie hat es zeitlebens mit den Tieren eher als mit den Menschen. Paula Roth, die Wirtin der legendären «Bellaluna» unten schattenhalb im Albulatal, hält Hunde und Katzen, redet mit den Vögeln, manchmal kommt auch ein Geissbock in die Wirtsstube. «Roth, die war ihr eigenes Sonnensystem, die Sonne drin ihre Tiere», heisst es einmal im Stücktext.

Von den Menschen, zumindest von den Männern ist dagegen nichts Gutes zu erwarten. «Wenn man keinen Mann hat im Haus und keine Liebesver­pflichtungen – das ist halt recht schön», bilanziert sie am Ende. Immer haben sie Paula Roth ausgenutzt, einer macht ihr zwei Kinder und zahlt nichts, einer gibt sich als ihr Onkel aus und lässt sich von ihr aushalten. Bis sie das Männerpack endlich los wird. Und per Zufall das alte Haus, das Haus ihrer Träume unten im Albulatal findet.

Sie möbelt die heruntergekommene «Bellaluna» auf, hat die halbe Welt und auch die Halbwelt zu Gast, rauschende Feste werden gefeiert im knarrenden Haus, das Geld versteckt sie in Scheinen, bis es ihr die Mäuse wegfressen. 1988 wird sie von drei Männern umgebracht, erstochen für ein paar Franken.

Traurig, mit einer Art Requiem beginnt denn auch das Stück, mit einem Agnus Dei endet es. Zum Auftakt queren Menschen und Masken die Bühne im Hintergrund, schwarze Figuren hinter weissem Tüll, kommen mit der Zeit nach vorn und versammeln sich zum Gedenken, sie tragen jetzt glismete Katzen- und Schafsmasken und loben die Tote als einen Menschen, der «um das Ganze» gewusst habe.

Die «Geisterbeschwörung», als die Jonas Knecht und sein Team die Inszenierung angelegt haben, untermalen Anna Trauffer und Andi Peter mit sirrenden Gläsern und sphärischen Ober- und Untertönen. Paula Roth hätte es gefallen.

Seelenverwandte

Sowieso kann man ahnen, dass die Knecht’sche «Séance», seine letzte Inszenierung als St.Galler Schauspieldirektor, zwei Seelenverwandte zusammenbringt. Einmal gegen Schluss redet das alte Haus gleich selber, erzählt zwischen Kleiderbergen davon, dass man sich überall «hineinverstecken» muss in die Ritzen und die Gegenstände. Dass intensives Leben das Haus über die Jahre immer dichter macht, alles mit allem verbindet wie Aspik, wie Schlick, wie Patina oder: Atmosphäre.

Solchen «Paula-Zusammenhang» leistet auch die Inszenierung, mit ihren eigenen Theatermitteln, aber im selben, den Menschen und Tieren wie den Puppen, den Dingen wie dem Denken freundlich gesinnten Geist.

Die Bühne (von Michael Köpke, Licht Andreas Volk) ist ein Stoffparadies. Die Bilder prägen sich ein: Eine träumerische Zauberlandschaft, unter einem weissen Riesentuch versteckt liegen die Kleiderberge, bis sie zum Vorschein kommen. Im Hintergrund tauchen Baumsilhouetten auf und verschwinden, eine Treppe führt in den imaginären Keller hinab. Mit poetischen Bildern wird das «Bellaluna» so plastisch, wie dies keine Kulisse vermöchte.

Andi Peters und Anna Trauffers Live-Musik verschlickt, beschwingt und verdichtet das Spiel. Die Kostüme (Sabine Blickenstorfer), so schillernd wie die Hauptfigur, Schauspiel und Maskenspiel, alles passt passgenau ineinander. Die Texte des Autor:innen-Teams (Katja Brunner, Anja Horst, Ariane von Graffenried und Martin Bieri) sind teils lyrisch, teils lebenschronologisch, mal assoziativ, mal in Paula Roths eigenen träfen Worten.

Das siebenköpfige Ensemble (Anna Blumer, Tabea Buser, Birgit Bücker, Pascale Pfeuti, Anja Tobler, Tobias Graupner und Julius Schröder) spielt abwechselnd die Hauptfigur und alles sonstige Personal, trägt Masken, wie sie Paula Roth selber liebte und herstellte, mimt Schafe und Uhus, untermalt das Geschehen zurückhaltend pantomimisch (Choreografie Marcel Leemann), feiert Party und stapelt Kleider, kippt in den Wachtmeister-Szenen kurz in Slapstick und formiert sich gleich darauf zum schaurigschönen Chörli, von Schubert bis zum Vogellisi.

Auf dem Theaterhag

Klug balanciert die Inszenierung am Melodrama vorbei und vermeidet auch die Falle des Naturalistischen, in die einen das abenteuerliche Leben der Paula Roth locken könnte.

Was hier stimmungssicher beschworen wird, ist vielmehr exemplarisch: das Schicksal einer Frau, die sich in einer dumpfen Männerwelt behaupten musste, gewehrt hat, immer wieder den Kürzeren zog und sich dennoch nicht kleinkriegen liess. «Hexe» nannten sie die einen, ein «liebes Hexlein» nennt sie sich selber.

Nächste Vorstellungen im «Umbau»: 5., 13., 14., 16., 17. April

theatersg.ch

Die Hexe, «hagazussa», die auf dem Hag sitzt zwischen bürgerlicher und magischer Sphäre – sie ist am Ende auch ein Sinn-Bild für das Theater, das sich seinen künstlerischen Reim auf die Realität macht und dabei das Publikum und die Gesellschaft über den eigenen Zaun hinaus blicken lässt.

Mit Selig sind die Holzköpfe ist Jonas Knecht nochmal dieser Spagat geglückt, mit einem Ensemble und Leitungsteam, das seine Hommage an eine charismatische Frau auch zur Hommage an den scheidenden Schauspieldirektor werden liess. Langanhaltender Applaus.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4