Die Schafe kennen sich aus mit den Leuten, ääh, «mit de Lüüt». Die Leute, das sind die, die über die Leute reden, aber selber natürlich nicht zu denen gehören, über die sie reden, sagt das eine Schaf zum andern, und dieses nickt kauend, jo so sind s, d Lüüt, määh.
Die anderen Schafe blöken dazu so possierlich, dass man ewig weiter zuschauen und zuhören wollte. Die beiden Leitschafe Pascale Pfeuti und Anja Tobler und die ganze Ensemble-Herde gehen einem in dieser kurzen Szene wunderlich nahe. Samt ihren Schafsweisheiten, die auch Paula-Weisheiten sind.
Geisterbeschwörung schattenhalb
Sie hat es zeitlebens mit den Tieren eher als mit den Menschen. Paula Roth, die Wirtin der legendären «Bellaluna» unten schattenhalb im Albulatal, hält Hunde und Katzen, redet mit den Vögeln, manchmal kommt auch ein Geissbock in die Wirtsstube. «Roth, die war ihr eigenes Sonnensystem, die Sonne drin ihre Tiere», heisst es einmal im Stücktext.
Von den Menschen, zumindest von den Männern ist dagegen nichts Gutes zu erwarten. «Wenn man keinen Mann hat im Haus und keine Liebesverpflichtungen – das ist halt recht schön», bilanziert sie am Ende. Immer haben sie Paula Roth ausgenutzt, einer macht ihr zwei Kinder und zahlt nichts, einer gibt sich als ihr Onkel aus und lässt sich von ihr aushalten. Bis sie das Männerpack endlich los wird. Und per Zufall das alte Haus, das Haus ihrer Träume unten im Albulatal findet.
Sie möbelt die heruntergekommene «Bellaluna» auf, hat die halbe Welt und auch die Halbwelt zu Gast, rauschende Feste werden gefeiert im knarrenden Haus, das Geld versteckt sie in Scheinen, bis es ihr die Mäuse wegfressen. 1988 wird sie von drei Männern umgebracht, erstochen für ein paar Franken.
Traurig, mit einer Art Requiem beginnt denn auch das Stück, mit einem Agnus Dei endet es. Zum Auftakt queren Menschen und Masken die Bühne im Hintergrund, schwarze Figuren hinter weissem Tüll, kommen mit der Zeit nach vorn und versammeln sich zum Gedenken, sie tragen jetzt glismete Katzen- und Schafsmasken und loben die Tote als einen Menschen, der «um das Ganze» gewusst habe.
Die «Geisterbeschwörung», als die Jonas Knecht und sein Team die Inszenierung angelegt haben, untermalen Anna Trauffer und Andi Peter mit sirrenden Gläsern und sphärischen Ober- und Untertönen. Paula Roth hätte es gefallen.
Seelenverwandte
Sowieso kann man ahnen, dass die Knecht’sche «Séance», seine letzte Inszenierung als St.Galler Schauspieldirektor, zwei Seelenverwandte zusammenbringt. Einmal gegen Schluss redet das alte Haus gleich selber, erzählt zwischen Kleiderbergen davon, dass man sich überall «hineinverstecken» muss in die Ritzen und die Gegenstände. Dass intensives Leben das Haus über die Jahre immer dichter macht, alles mit allem verbindet wie Aspik, wie Schlick, wie Patina oder: Atmosphäre.
Solchen «Paula-Zusammenhang» leistet auch die Inszenierung, mit ihren eigenen Theatermitteln, aber im selben, den Menschen und Tieren wie den Puppen, den Dingen wie dem Denken freundlich gesinnten Geist.
Die Bühne (von Michael Köpke, Licht Andreas Volk) ist ein Stoffparadies. Die Bilder prägen sich ein: Eine träumerische Zauberlandschaft, unter einem weissen Riesentuch versteckt liegen die Kleiderberge, bis sie zum Vorschein kommen. Im Hintergrund tauchen Baumsilhouetten auf und verschwinden, eine Treppe führt in den imaginären Keller hinab. Mit poetischen Bildern wird das «Bellaluna» so plastisch, wie dies keine Kulisse vermöchte.
Andi Peters und Anna Trauffers Live-Musik verschlickt, beschwingt und verdichtet das Spiel. Die Kostüme (Sabine Blickenstorfer), so schillernd wie die Hauptfigur, Schauspiel und Maskenspiel, alles passt passgenau ineinander. Die Texte des Autor:innen-Teams (Katja Brunner, Anja Horst, Ariane von Graffenried und Martin Bieri) sind teils lyrisch, teils lebenschronologisch, mal assoziativ, mal in Paula Roths eigenen träfen Worten.
Das siebenköpfige Ensemble (Anna Blumer, Tabea Buser, Birgit Bücker, Pascale Pfeuti, Anja Tobler, Tobias Graupner und Julius Schröder) spielt abwechselnd die Hauptfigur und alles sonstige Personal, trägt Masken, wie sie Paula Roth selber liebte und herstellte, mimt Schafe und Uhus, untermalt das Geschehen zurückhaltend pantomimisch (Choreografie Marcel Leemann), feiert Party und stapelt Kleider, kippt in den Wachtmeister-Szenen kurz in Slapstick und formiert sich gleich darauf zum schaurigschönen Chörli, von Schubert bis zum Vogellisi.
Auf dem Theaterhag
Klug balanciert die Inszenierung am Melodrama vorbei und vermeidet auch die Falle des Naturalistischen, in die einen das abenteuerliche Leben der Paula Roth locken könnte.
Was hier stimmungssicher beschworen wird, ist vielmehr exemplarisch: das Schicksal einer Frau, die sich in einer dumpfen Männerwelt behaupten musste, gewehrt hat, immer wieder den Kürzeren zog und sich dennoch nicht kleinkriegen liess. «Hexe» nannten sie die einen, ein «liebes Hexlein» nennt sie sich selber.
Nächste Vorstellungen im «Umbau»: 5., 13., 14., 16., 17. April
theatersg.ch
Die Hexe, «hagazussa», die auf dem Hag sitzt zwischen bürgerlicher und magischer Sphäre – sie ist am Ende auch ein Sinn-Bild für das Theater, das sich seinen künstlerischen Reim auf die Realität macht und dabei das Publikum und die Gesellschaft über den eigenen Zaun hinaus blicken lässt.
Mit Selig sind die Holzköpfe ist Jonas Knecht nochmal dieser Spagat geglückt, mit einem Ensemble und Leitungsteam, das seine Hommage an eine charismatische Frau auch zur Hommage an den scheidenden Schauspieldirektor werden liess. Langanhaltender Applaus.
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.