Gleich kistenweise stapeln sich derzeit die Platten bei Nils Halter zu Hause. 300 sind es – die Vinyl-Auflage seines Doppel- Albums Mad World, das am 13. März in die Läden kommt. Daneben steht ein Bürotisch, begraben unter Controllern, Computern, Mixern, Boxen, Remix Decks und etlichen Metern Kabel. Halters Equipment.
Jetzt, drei Wochen vor der Plattentaufe in Wil, sitzt er mehrere Stunden täglich an seinen Geräten. Um zu üben, denn einfach nur dort stehen und auf Play drücken, das will er nicht. Er mixt live. Die 15 Tracks hat er demontiert, um sie dann in Echtzeit wieder zusammenzusetzen – mit Support: ZuB wird an Thedawns Seite sein. Zub, das steht für Zubkultur; Rapper, Träumer und Drummer aus Wil, wo auch Halter aufgewachsen ist. Isch bequem? heisst sein meinungsstarkes Album, das er seit letztem Herbst auf zubkultur.ch gratis zum Download anbietet.
Allerhöchste Zeit
Thedawn, die Dämmerung, das ist eben Nils Halter, 36, aus St.Gallen. Mad World ist sein erstes Solo-Album. Eine Frechheit eigentlich, immerhin ist er als DJ und Produzent schon seit Jahren fixer Bestandteil der erweiterten Ostschweizer Rap-Szene – seit 1998 um genau zu sein. Erweitert deshalb, weil sich Thedawn nur selten um Genre-Grenzen schert, erstens, und zweitens, weil er auch die geografischen Grenzen ziemlich früh überwunden hat. Aktuell hat der gelernte Tontechniker seine Finger in einem Londoner und in zwei südafrikanischen Projekten. Und was die Ostschweiz angeht, tja… hier reicht der Platz nur gerade für einen kleinen Auszug: fünf Alben mit Odium von Trilogy, allerlei Irres, unter anderem ein umwerfendes Mixtape mit seiner noch relativ jungen Bass-Crew, den Bass(t)art.os, Projekte mit Gunda Weeche von Madd Family, Rones von Topic One, Gloria Lama, Manuel Hobi. Und nicht zu vergessen: die gefühlten 100’000 Stunden hinter irgendwelchen Turntables in einem Club in irgendeiner Stadt.
Artwork: Luca Cellere
Es war definitiv Zeit für ein Album. «Allerhöchste Zeit», wie Thedawn selber zugeben muss, «langsam musste ich irgendwas anfangen mit all dem Material.» Und davon hat er massig. Das geht von Hip Hop und Soul über Reggae zu Dub, Dubstep und Drum’n’Bass nach Dancehall, Boogie und wieder zurück. So überrascht es auch nicht, dass die eigentliche Songauswahl das Schwierigste für ihn war: «Es dauerte ewig, bis die definitive Auswahl stand. Ich wollte ein genrebezogenes Album machen und durfte deshalb den Fokus nicht verlieren – was mir teilweise echt schwer fiel.»
Mad World ist genretechnisch, nun ja, nicht wirklich als «reinrassig» zu bezeichnen. Aber wer will das schon. Gerade deshalb ist das Album wohl so dawn-typisch und trotz oder auch wegen seines irren Titels recht ironisch herausgekommen. Das Artwork von Luca Cellere verrät übrigens einiges über den Sound im Innern: Es ist der Soundtrack eines 50er-Jahr-Science-Fiction-Streifens, dessen Endboss auf wacklige Orgeln steht und in der Karibik wohnt, wo er grosse grüne Seepferdspinnen züchtet. So irr, dass es 2015 sein könnte. Oder auch nicht. Thedawn packt jedenfalls so ziemlich alles drauf, was es für einen solchen Film bräuchte: Hip Hop, Twenties Jazz und Bläsersätze. Reggae, Drums, verdubte Bässe. Hasen, Ufos, Mani Matter. Italienische Elefanten im Gänsemarsch. Mit Laseraugen.
Eisgedubte Bässe
Das liest sich jetzt wohl schräger, als es sich anhört. Nämlich recht erfrischend. Kommt hinzu, dass es zur Abwechslung ganz wohltuend ist, mal nicht ständig mit Texten vollgespamt zu werden und sich einfach vom Sound forttragen zu lassen. Zwischendurch ziehen da schon ein paar Wortfetzen vorbei, aber nur wenn nötig. Und nie mehr als nötig. Einmal ist es Charlie Chaplin als Dictator bei seiner Rede in ebendiesem Film aus 1940 – grossartig. Ein andermal ist es Mani Matter, ein Reggae-Matter. Samt Eskimo und Cembalo. Aber wir wissen ja, wie die Geschichte endet: Er «isch ums Läbä chooo». Thedawn killt ihn nach etwa zweieinhalb Minuten – mit eisgedubten Bässen, die lange vorher schon von einem schaurig-schrägen Cembalo angekündigt werden.
Auf Mad World sind aber auch zeitgenössische Stimmen zu hören, etwa Morrison Ford aus London im Opener: still alive und bestens in Form. Oder auch der St.Galler Colin Davies aka Gunda Weeche, mit Showtime, einem Jungle-Tune, der auch auf oben genanntem Bass(t)art.os-Mixtape vertreten ist – geht voll in die Beine, aber sowas von.
Wer von Thedawn ein typisches Hip Hop-Album erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. Dafür spannt er den Genre-Bogen schlicht etwas zu weit. Wer aber offen ist für eine abgefahrene Portion Seepferdspinnen mit alles und scharf, darf sich auf ein paar musikalische Überraschungen freuen. Alles in allem gleicht Mad World in der Tat unserer Welt, in der wir leben: Nicht alles ist auf Anhieb durchschaubar und gerade deshalb wert, entdeckt zu werden. Was furchteinflössend ist, entpuppt sich vielleicht als Scherz, was angenehm flauschig daherkommt, kann in einem Drama enden. Und manchmal muss man zurückschauen, um das, was vorne liegt, zu erkennen.
Thedawn: «Mad World», ab 13. März im Handel, digital und auf Vinyl mit dl-Code, Fr. 40.–.
Plattentaufe: Freitag, 13. März, Gare de Lion, Wil. Support: DJ Pac-Man & Bass(t)art.os Weitere Konzerte: 21. März, Kaff Frauenfeld, 28. März, St.Gallen, tba
Dieser Text erschien im März-Heft von Saiten.
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