Wie einfach muss es damals gewesen sein, in den 1970ern! Als das Bünzlitum noch ungestört und vor aller Augen wüten konnte, als man die Konservativen und Machtgeilen noch auf den ersten Blick erkannte und noch nicht alles von greengewashtem, hierarchiefreiem und pseudoemanzipiertem Geschleime zersetzt war. Vor der Postmoderne hatten es die Utopien noch leicht. Bisschen Kommunenleben, bisschen Landleben, bisschen Genossenschaftsleben eben. So plakativ scheint es zumindest, wenn man sich mit Jahrgang 1984 Dokus von früher ansieht. Heute wird jede Bewegung, jede Form der Gegenkultur subito kapitalistisch vereinnahmt, realpolitisiert oder anderweitig zerredet. (Was bereits seit den 80ern kritisiert wird, schon klar.)
Dass früher freilich auch nicht alles so einfach und unbeschwert war, merkt man schnell, wenn man den Aktivist:innen dieser Zeit zuhört. Aber der Aufbruch war real. Man sieht es in ihren Lachfalten, wenn sie «von damals» erzählen. Gesellschaftliche Utopien wurden radikal erprobt und ausgelebt, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, aber scheinbar immer mit Verve. Pierre-Yves Borgeauds neuer Film Nos utopies communautaires – Die Kunst des Zusammenlebens erzählt davon. Vor allem aber geht er der Frage nach, wie die Aktivist:innen von damals ihre Utopien heute leben – entlang ihrer Wohnformen.
Keine Villen, keine Monogamie, keine Landlords!
Da sind Pierre-André und Marlène Pouly, seit 46 Jahren verheiratet und auf der Suche nach einer nachhaltigen, partizipativen Wohnform für ihren Ruhestand. 1971 hat Pierre-André mit Freunden eine alternative Gemeinschaft auf einem Bauernhof im Waadtland gegründet. «Wir fanden Villenviertel immer schrecklich», sagen die beiden lachend. Trotzdem haben sie die letzten Jahre zu zweit in einer 110 Quadratmeterwohnung verbracht. Jetzt ziehen sie aus, in ein Leben, das «frischen Wind» und mehr Gemeinschaft verspricht. Sie wollen gehen, bevor sie zu zweit allein sind. Ihr Ziel: das Ecovillage La Smala in Grandvaux.
Da ist Maya Schwan-Irniger, in Zürich geboren und in Sargans aufgewachsen. Zweierkisten sind ihr «zu eng». Nach der Trennung ihrer Eltern hat sie sich geschworen, nie zu heiraten. Es ist dann doch anders gekommen – davor hat sie aber zehn Jahre in einer Gemeinschaft der «Aktionsanalytischen Organisation» AAO gelebt: freie Liebe, kein Privateigentum und radikale Selbstdarstellung. Deren Gründer und Guru Otto Muehl, der die Kleinfamilie als Ursprung allen Übels verurteilte, wurde Anfang der 90er-Jahre wegen diverser Delikte verurteilt, unter anderem wegen «Unzucht und Beischlaf mit Unmündigen». Ihren Idealen ist Maya Schwan-Irniger dennoch treu geblieben. Heute lebt sie in einer genossenschaftlichen +55-Residenz.
Und da ist Hans Widmer alias P.M., ursprünglich aus dem Thurgau, eng verbunden mit der 80er-Protestbewegung und Autor zahlreicher Bücher übers utopische Zusammenleben, darunter Bolo’bolo. «Die Genossenschaftsgeschichte zeigt auf, dass sogar die armen Leute reich genug sind, um ihr eigenes Haus zu besitzen», sagt er – «wenn sie sich zusammentun». Mitte der 90er-Jahre hat Widmer die genossenschaftliche Stadtkommune Kraftwerk 1 in Zürich mitgegründet, in der er bis heute lebt und über die Schönheiten und Schwierigkeiten des organisierten Gemeinschaftslebens sinniert.
Keine Sorgen-, nur Lachfalten
Pierre-Yves Borgeaud erzählt diese Geschichten collagenartig, blickt zurück und fragt nach vorn. Die Einordnungen überlässt er seinen Protagonist:innen. Da fallen bedenkenswerte Sätze wie: «Der Kopf will besitzen» – «Eine Beziehung zu führen ist schwieriger als das Leben selbst» – «Macht ist Arbeit. Vorstandsmitglied in einer Genossenschaft zu sein bringt nur Ärger und Verdruss». Alle stehen fest im Leben, wirken abgeklärt, aber ohne an Idealismus verloren zu haben. Und sie sind sich auch nicht zu schade, einen Schritt zurückzugehen, wenn sie erkennen, dass ein Weg für sie nicht der richtige ist.
Nos utopies communautaires – Die Kunst des Zusammenlebens: ab 8. September im Kinok St.Gallen
kinok.ch
Die Vielfalt der Lebensentwürfe macht den Film aus, ist aber zugleich ein Wermutstropfen. Das Ehepaar Pouly, Hans Widmer alias P.M. und Maya Schwan-Irniger: Alle hätten einen eigenen Film verdient, Stoff gäbe es reichlich. Schade, dass Themen wie die polizeilich beförderte Einmittung der Hausbesetzer:innenszene, die toxischen Strukturen bei der AAO unter Otto Muehl oder die angeblich notwendigen Top-Down-Politiken aktueller Ökodorf-Projekte nur angekratzt werden. Hier hätte man sicher noch einiges lernen können, auch in Sachen Vorsorge für künftige Gegenbewegungen.
Lohnend ist der Streifen trotzdem. Nur schon wegen dem ungebrochenen Idealismus seiner Protagonist:innen, wegen ihrer Lust an der Veränderung und ihrem schier uneingeschränkten Commitment zur Gemeinschaftlichkeit und zur Kompliz:innenschaft. Und weil er nur widerwillig Antworten gibt, sondern vor allem Fragen stellt, was wir alle viel öfter tun sollten. Eine wesentliche, die immer wieder durchscheint, egal ob es um Zweierbeziehungen oder um die grossen Kisten geht: Wie viele und welche Regeln braucht es in der Kunst des Zusammenlebens?
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.