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Es braucht mehr Komplizinnen

Pierre-Yves Borgeauds Dokfilm Nos utopies communautaires – Die Kunst des Zusammenlebens erzählt von der Aufbruchstimmung der 1970er-Jahre und von der Suche nach Gemeinschaft im Alter. Und füttert den Idealismus.
Von  Corinne Riedener
Weiss, was sie will: Maya Schwan-Irniger. (Bild: Filmstill)

Wie einfach muss es damals gewesen sein, in den 1970ern! Als das Bünzlitum noch ungestört und vor aller Augen wüten konnte, als man die Konservativen und Machtgeilen noch auf den ersten Blick erkannte und noch nicht alles von greengewashtem, hierarchiefreiem und pseudoemanzipiertem Geschleime zersetzt war. Vor der Postmoderne hatten es die Utopien noch leicht. Bisschen Kommunenleben, bisschen Landleben, bisschen Genossenschaftsleben eben. So plakativ scheint es zumindest, wenn man sich mit Jahrgang 1984 Dokus von früher ansieht. Heute wird jede Bewegung, jede Form der Gegenkultur subito kapitalistisch vereinnahmt, realpolitisiert oder anderweitig zerredet. (Was bereits seit den 80ern kritisiert wird, schon klar.)

Dass früher freilich auch nicht alles so einfach und unbeschwert war, merkt man schnell, wenn man den Aktivist:innen dieser Zeit zuhört. Aber der Aufbruch war real. Man sieht es in ihren Lachfalten, wenn sie «von damals» erzählen. Gesellschaftliche Utopien wurden radikal erprobt und ausgelebt, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, aber scheinbar immer mit Verve. Pierre-Yves Borgeauds neuer Film Nos utopies communautaires – Die Kunst des Zusammenlebens erzählt davon. Vor allem aber geht er der Frage nach, wie die Aktivist:innen von damals ihre Utopien heute leben – entlang ihrer Wohnformen.

Keine Villen, keine Monogamie, keine Landlords!

Da sind Pierre-André und Marlène Pouly, seit 46 Jahren verheiratet und auf der Suche nach einer nachhaltigen, partizipativen Wohnform für ihren Ruhestand. 1971 hat Pierre-André mit Freunden eine alternative Gemeinschaft auf einem Bauernhof im Waadtland gegründet. «Wir fanden Villenviertel immer schrecklich», sagen die beiden lachend. Trotzdem haben sie die letzten Jahre zu zweit in einer 110 Quadratmeterwohnung verbracht. Jetzt ziehen sie aus, in ein Leben, das «frischen Wind» und mehr Gemeinschaft verspricht. Sie wollen gehen, bevor sie zu zweit allein sind. Ihr Ziel: das Ecovillage La Smala in Grandvaux.

Da ist Maya Schwan-Irniger, in Zürich geboren und in Sargans aufgewachsen. Zweierkisten sind ihr «zu eng». Nach der Trennung ihrer Eltern hat sie sich geschworen, nie zu heiraten. Es ist dann doch anders gekommen – davor hat sie aber zehn Jahre in einer Gemeinschaft der «Aktionsanalytischen Organisation» AAO gelebt: freie Liebe, kein Privateigentum und radikale Selbstdarstellung. Deren Gründer und Guru Otto Muehl, der die Kleinfamilie als Ursprung allen Übels verurteilte, wurde Anfang der 90er-Jahre wegen diverser Delikte verurteilt, unter anderem wegen «Unzucht und Beischlaf mit Unmündigen». Ihren Idealen ist Maya Schwan-Irniger dennoch treu geblieben. Heute lebt sie in einer genossenschaftlichen +55-Residenz.

Und da ist Hans Widmer alias P.M., ursprünglich aus dem Thurgau, eng verbunden mit der 80er-Protestbewegung und Autor zahlreicher Bücher übers utopische Zusammenleben, darunter Bolo’bolo. «Die Genossenschaftsgeschichte zeigt auf, dass sogar die armen Leute reich genug sind, um ihr eigenes Haus zu besitzen», sagt er – «wenn sie sich zusammentun». Mitte der 90er-Jahre hat Widmer die genossenschaftliche Stadtkommune Kraftwerk 1 in Zürich mitgegründet, in der er bis heute lebt und über die Schönheiten und Schwierigkeiten des organisierten Gemeinschaftslebens sinniert.

Keine Sorgen-, nur Lachfalten

Pierre-Yves Borgeaud erzählt diese Geschichten collagenartig, blickt zurück und fragt nach vorn. Die Einordnungen überlässt er seinen Protagonist:innen. Da fallen bedenkenswerte Sätze wie: «Der Kopf will besitzen» – «Eine Beziehung zu führen ist schwieriger als das Leben selbst» – «Macht ist Arbeit. Vorstandsmitglied in einer Genossenschaft zu sein bringt nur Ärger und Verdruss». Alle stehen fest im Leben, wirken abgeklärt, aber ohne an Idealismus verloren zu haben. Und sie sind sich auch nicht zu schade, einen Schritt zurückzugehen, wenn sie erkennen, dass ein Weg für sie nicht der richtige ist.

Nos utopies communautaires – Die Kunst des Zusammenlebens:
ab 8. September im Kinok St.Gallen

kinok.ch

Die Vielfalt der Lebensentwürfe macht den Film aus, ist aber zugleich ein Wermutstropfen. Das Ehepaar Pouly, Hans Widmer alias P.M. und Maya Schwan-Irniger: Alle hätten einen eigenen Film verdient, Stoff gäbe es reichlich. Schade, dass Themen wie die polizeilich beförderte Einmittung der Hausbesetzer:innenszene, die toxischen Strukturen bei der AAO unter Otto Muehl oder die angeblich notwendigen Top-Down-Politiken aktueller Ökodorf-Projekte nur angekratzt werden. Hier hätte man sicher noch einiges lernen können, auch in Sachen Vorsorge für künftige Gegenbewegungen.

Lohnend ist der Streifen trotzdem. Nur schon wegen dem ungebrochenen Idealismus seiner Protagonist:innen, wegen ihrer Lust an der Veränderung und ihrem schier uneingeschränkten Commitment zur Gemeinschaftlichkeit und zur Kompliz:innenschaft. Und weil er nur widerwillig Antworten gibt, sondern vor allem Fragen stellt, was wir alle viel öfter tun sollten. Eine wesentliche, die immer wieder durchscheint, egal ob es um Zweierbeziehungen oder um die grossen Kisten geht: Wie viele und welche Regeln braucht es in der Kunst des Zusammenlebens?

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