Saiten: Warum kamen Sie als Jugendliche ins Schlupfhuus St.Gallen?
Noémie Walser: Ich war damals 15 Jahre alt und in der dritten Sek. In meinem Umfeld kam es zu sexueller Gewalt. Ich fühlte mich nicht mehr sicher und wollte weg. Von den Vorfällen erzählen konnte ich niemandem, darum habe ich alles mit mir selbst ausgemacht. Die Folge war, dass ich nicht mehr schlafen konnte, mich selbst verletzte und düstere Gedanken hatte. Meine Schulnoten litten stark darunter. Das fiel meinem Lehrer auf.
Sprach er Sie darauf an?
Ja, das tat er. Aber ich sagte ihm nicht, was los war. Allerdings gab ich zu, dass etwas nicht stimmte, und er verwies mich an die Jugendberatung. So kam die ganze Sache ins Rollen. Über die Jugendberaterin und über «In Via», die Beratungsstelle des Kinderschutzzentrums, bekam ich einen Platz im Schlupfhuus.
Wusste Ihre Familie Bescheid, dass Sie ins Schlupfhuus gehen würden?
Nein. Obwohl meine Familie nichts mit den Übergriffen zu tun hatte, konnte ich es ihnen nicht sagen. Die Jugendberaterin von In Via organisierte alles. Sie regelte meine Abwesenheit in der Schule, informierte meine Familie und begleitete mich ins Schlupfhuus. Am 20. Juni 2006 trat ich dort ein.
Sie können sich noch an das genaue Datum erinnern?
Klar. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Ich feiere ihn jedes Jahr und nehme mir an diesem Datum immer frei. Er ist mir wichtiger als mein Geburtstag. Ohne das Schlupfhuus hätte es einen Knall gegeben, wie auch immer der ausgesehen hätte.
Wie war der Moment, als Sie im Schlupfhuus ankamen?
Ich erinnere mich noch daran, als ob es gestern gewesen wäre. Meine Beraterin von der In Via wartete dort auf mich. Sie hatte ihren Töffhelm unter den Arm geklemmt. Als sie mich sah, sagte sie: «Hoi, du Mutige!» Mir kam es in diesem Moment so vor, als ob die Sonne nur für mich schien, und ich wusste, es war der richtige Entscheid. Der Eintritt ins Schlupfhuus war der Startschuss für meine Genesung. Mir wurde eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.
Im «Schlupfhuus» St.Gallen finden Kinder und Jugendliche rund um die Uhr notfallmässig eine Unterkunft, etwa bei Fällen von Gewalt in der Familie oder in anderen Krisensituationen. Das Angebot des Kinderschutz-Zentrums hat acht Plätze. Der Kanton St.Gallen hat im Mai bekanntgegeben, das Schlupfhuus im Frühling 2020 zu schliessen. Mehr als 6000 Personen haben die Petition auf gegen die Schliessung unterzeichnet.
Wie ging es danach weiter?
Ich blieb drei Monate im Schlupfhuus. Anschliessend bekam ich einen Platz in der Jugendpsychiatrie. Mit 18 Jahren erhielt ich eine IV-Rente und lebte in einer betreuten WG. Etwa zu dieser Zeit konnte ich bei dem sozialen Unternehmen Dreischiibe in Herisau eine Lehre als Logistikerin beginnen und danach in den ersten Arbeitsmarkt zurückkehren. Heute arbeite ich als Logistikerin bei der Bioforce AG in Roggwil. Aktuell mache ich eine Weiterbildung zur Genesungsbegleiterin. Ohne die Hilfe damals hätte ich all das nicht geschafft.
Kinder und Jugendliche, die ins Schlupfhuus kommen, müssen in den ersten Tagen ihr Smartphone abgeben und dürfen das Haus nicht verlassen. Störte Sie das?
Nein. Das war super. Auf einmal war nichts mehr wichtig, was vorher wichtig war. Zu den Betreuerinnen und Betreuern des Schlupfhuus baute ich schnell Vertrauen auf. Wir unternahmen Ausflüge an den Bodensee und ich lernte das Leben kennen, wie es auch sein konnte. Rund um die Uhr war jemand da, wenn ich Unterstützung oder Austausch brauchte.
Noémie Walser schreibt für ihr Leben gerne, unter anderem auf ihrem Blog noemie-erzaehlt.ch. Dort berichtet sie über psychische Gesundheit. Der Blog soll Mut machen und neue Sichtweisen aufzeigen. Ausserdem möchte Noémie Walser mit Humor unterhalten, die Themen Depression und emotionale Instabilität auflockern und nicht zuletzt dazu beitragen, dass psychische Erkrankungen breiter akzeptiert werden. Via «Books on Demand» hat sie ausserdem das Buch Es kommt schon gut! veröffentlicht. Darin beschreibt sie die Reise aus einer tiefen Krise und wie schmal der Grat zwischen «gesund» und «krank» oft sein kann.
Sie bekamen im Schlupfhuus auch psychologische Betreuung. Wie war das für Sie, sich einer Fachperson anzuvertrauen?
Vor dem ersten Termin hatte ich natürlich Vorurteile und dachte, da gehen nur die Psychopathen hin. Oder ich stellte mir vor, dass sie dich mit dem gelben Wagen holen. Solche unrealistischen Dinge eben. Die Gespräche mit der Psychologin halfen mir allerdings sehr. Ich merkte, da ist jemand, der sich für mich interessiert und mir bei meinen Problemen helfen kann. In der ersten Zeit im Schlupfhuus konnte ich mich stabilisieren. Je näher der Austritt kam, desto grösser wurden allerdings meine Ängste, wie es weitergehen sollte. Ich blieb drei Monate lang im Schlupfhuus. Das ist der Maximalaufenthalt. Danach kam ich in die Jugendpsychiatrie.
Haben Sie noch Kontakte zu anderen Kindern und Jugendlichen, die zur selben Zeit im Schlupfhuus waren wie Sie?
Nein, ich zog mich damals meist zurück. Wann immer ein Einzelzimmer frei war, bevorzugte ich dieses. Abgesehen davon war mein Lieblingsort das Wintergärtli, eine kleine Übergangslücke zwischen Garten und Wohnbereich. Viele der Kinder und Jugendlichen blieben nicht gleich lang im Schlupfhuus wie ich. Das Haus war manchmal voll belegt, manchmal war ich die einzige dort. Es gab Dreijährige, aber auch 18-Jährige. Das alles führte dazu, dass ich keine Freundschaften mit anderen Kindern und Jugendlichen aufbaute.
Heute gehen Sie offen mit dem Thema psychische Erkrankung um. Sie betreiben einen Blog, haben ein Buch geschrieben, geben dieses Interview. Wieso haben Sie sich für diesen Weg entschieden?
Einerseits möchte ich mit meiner Geschichte aufzeigen, wie wichtig Orte wie das Schlupfhuus sind. Andererseits möchte ich die Diskussion über psychische Gesundheit in der Gesellschaft anstossen. Es ist wichtig, darüber zu reden und sich anderen Personen gegenüber zu öffnen. Nur auf diese Weise können die anderen einen verstehen. Und meist geben sie dann auch etwas von sich preis, erzählen beispielsweise, wie es ihnen selbst geht.
Wie haben Sie von der Schliessung des Schlupfhuus in St.Gallen erfahren?
Ich entdeckte auf Facebook die Petition für eine Nachfolgelösung des Schlupfhuus. Danach habe ich online die Zeitungsberichte gelesen. Mir wurde schlecht, als ich erfuhr, dass das Schlupfhuus schliesst. Es tat mir weh und ich fragte mich, was aus all jenen Kindern und Jugendlichen werden soll, die in Not sind. Dass der Kanton ein Nachfolgeprojekt versprochen hat, beruhigt mich. Allerdings frage ich mich auch, wie dieses aussehen wird. Etwas beruhigt mich diesbezüglich: Die Nachricht über die Schliessung des Schlupfhuus hat extrem hohe Wellen geschlagen. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Gesellschaft weiss, dass es eine solche Notunterkunft für Kinder und Jugendliche weiterhin dringend braucht.
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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