Kategorie
Autor:innen
Jahr

Frontex ist nicht reformierbar

Soll die europäische Grenzschutzagentur Frontex künftig mehr Geld aus der Schweiz erhalten? Carola Rackete und Selam Habtemariam erklärten am Dienstag im Palace St.Gallen, warum die Antwort darauf nur «Nein» lauten kann.
Von  Corinne Riedener
Selam Habtemariam, Kaspar Surber und Carola Rackete. (Bilder: hrt)

«Man unterstützt einfach keine kriminellen Organisationen, basta. Der Mafia gebe ich ja auch kein Geld, wenn ich sie bekämpfen will.» Das ist die deutliche Antwort eines Gasts an der Palace-Bar am Dienstagabend nach der Erfreulichen Universität, auf die Frage, wie man denn jenen gegenüber argumentieren soll, die das Schengen-Abkommen aus Schweizer Sicht in Gefahr sehen bei einem Nein zur EU-Grenzschutzagentur Frontex.

Am 15. Mai wird in der Schweiz über eine Aufstockung der Frontex-Gelder von bisher 24 auf neu 61 Millionen Franken jährlich abgestimmt. Dieser Parlamentsbeschluss wäre gar nicht an die Urne gekommen, hätte nicht ein Netzwerk von Geflüchteten letzten Herbst das Referendum ergriffen. Dank ihnen muss sich spätestens jetzt auch die Mehrheitsgesellschaft mit der Schweizer Beteiligung am europäischen Grenzregime und dessen Auswirkungen beschäftigen.

Die Skandale um Frontex reissen seit Jahren nicht ab. Im August 2019 kündigte die EU eine Untersuchung an, nachdem grobe Misshandlungen von Migrant:innen an den EU-Aussengrenzen bekannt wurden. Im Dezember 2020 führte das Europäische Amt für Betrugsbekämpfung (Olaf) eine Razzia im Büro des Frontex-Chefs Fabrice Leggeri durch. Der 200-seitige Olaf-Bericht zu Frontex, der letzte Woche erschienen ist, wird zwar leider geheimgehalten, Leggeri musste jedoch unverzüglich den Tisch räumen.

Demokratiepolitische Premiere

Was Frontex ist und tut, was diese sogenannte Grenzschutzagentur zu verantworten hat und wie eine alternative Migrationspolitik aussehen könnte, darüber wird am Dienstagabend im prallvollen Palace diskutiert. Zu Gast sind Selam Habtemariam vom Migrant Solidarity Network, welches das Referendum angestossen und gestemmt hat, und Naturschutzökologin Carola Rackete. In die Schlagzeilen gekommen ist sie im Juni 2019, als sie in ihrer Funktion als Kapitän der «See-Watch 3» mit über 50 Geflüchteten an Bord nach 21 Tagen auf See in Lampedusa eingelaufen ist und dafür vor Gericht gestellt wurde.

Das Migrant Solidarity Network will die Solidarität fördern zwischen (geflüchteten) Migrant:innen und mit anderen Personen und Gruppen. Es will informieren und für Themen einstehen, die (geflüchtete) Migrant:innen betreffen.

migrant-solidarity-network.ch

Für Selam Habtemariam war das Referendum ein völlig logischer Schritt. «Wir haben nur das gemacht, was in einer Demokratie vorgesehen ist», erklärt sie. «Die etablierten Parteien und Verbände haben ja keinen politischen Willen gezeigt, also sind wir aktiv geworden.» Trotzdem sei das Referendum «eine doppelte demokratiepolitische Premiere», hält Moderator Kaspar Surber fest. Einerseits sei es das erste Referendum in der Schweiz, das von Menschen ohne Stimmrecht ergriffen wurde, andererseits sei es das erste Mal überhaupt in Europa, dass Frontex an einer Abstimmung thematisiert und diskutiert werde.

«Aus aktivistischer Sicht eine fantastische Chance», findet Rackete. Es reihe sich ein in eine ganze Reihe europäischer Initiativen. Und es zwinge die Menschen, sich zumindest damit befassen zu müssen, «was diese Agentur ist, wie intransparent sie ist, wie sie regelmässig Menschenrechtsverletzungen verschleiert, immer mehr militarisiert wird und auf rassistische Weise die Grenzen abschottet».

Menschenrechtsverletzungen und Korruption

Frontex wurde 2004 gegründet und war ursprünglich als eine Art Vernetzungstool für die Europäischen Grenzwachen gedacht, mit einem anfänglichen Budget von 6 Millionen Euro pro Jahr. Doch die Agentur – eine von vielen in der EU – wurde zunehmend operativ eigenständig und entwickelte sich zu einer eigenen, privatisierten Grenztruppe, die in den kommenden Jahren weiter aufgerüstet werden soll. 2027 soll Frontex ein eigenes Corps mit 10’000 Polizist:innen und ein Budget von 1,2 Milliarden haben.

Dieses Geld wird hauptsächlich in die Ausrüstung fliessen, erklärt Rackete. In Drohnen, Überwachungstechnologie und Waffen. «Damit setzt das Organ Frontex die rassistische Abschottungspolitik der EU um, man kann es nicht beschönigend sagen. Das Mittelmeer ist ein Massengrab, und wer nicht zufällig vom Himmel fällt in einem Schengen-Land, hat kaum eine Chance, irgendwo in Europa ein Asylgesuch zu stellen.»

Carola Rackete: Handeln statt Hoffen: Aufruf an die letzte Generation. Droemer Knaur, München 2019

Rackete ist Mitgründerin von #AbolishFrontex, einem dezentralen, autonomen Netzwerk von mittlerweile über 100 Gruppen, Privatpersonen und Organisationen. Es setzt sich nicht für die Reformation oder eine Verbesserung von Frontex oder einer vergleichbaren Institution ein, sondern gegen die Politik und das System, das Organisationen wie Frontex aufrechterhält.

abolishfrontex.org

Die Verantwortung wird systematisch umhergeschoben. Ein Beispiel: Frontex sagt, man sei nicht am illegalen Pushbacks von Geflüchteten in der Ägäis beteiligt. Eine Datenanalyse zeigt jedoch, dass Frontex innerhalb von wenigen Monaten sehr wohl an Pushbacks von fast 1000 Personen beteiligt war, und zwar indem man Luftaufklärungsdaten weitergibt. So findet etwa ein Helikopter der deutschen Grenzpolizei ein Boot in der Ägäis, berichtet dies der griechischen Küstenwache, die dann die Menschen zurück in die Türkei schiebt. Und Frontex schreibt dann in die Berichte, dass dieses Boot niemals in Griechenland gewesen sei. Laut Rackete nachweislich auch in Fällen, wo die Menschen bereits auf den griechischen Inseln an Land waren.

Abgesehen von den Menschenrechtsverletzungen, in die die Beamten immer wieder verwickelt seien und die auch gut dokumentiert seien, habe Frontex auch ein massives Korruptionsproblem, betont sie. «Es geht um Rüstungsdeals mit der Militärlobby, das ist zumindest der Kern des Olaf-Berichts.»

Böhmermann über die geheimen Dates von Frontex und der Rüstungsindustrie

Das Hauptproblem liegt aber schon in der Anlage von Frontex: Die Agentur ist nicht reformierbar. «Weder das EU-Parlament noch die EU-Kommission sind weisungsbefugt», erklärt Rackete. «Nur der Verwaltungsrat kann darüber bestimmen, was die Agentur tut. Das ist ein undemokratisches Modell, das es sonst in keinem Nationalstaat in der EU geben würde.»

«Die Politik hat keine Vorstellungskraft mehr»

Man muss auch nicht primär Frontex reformieren, sondern die Asyl- und Migrationspolitik als Ganzes, darin sind sich alle einig. Es braucht sichere Wege. Die herrschende Migrationspolitik sei alles andere als durchdacht, sagt Selam Habtemariam, sondern «ein Kontrollsystem, das es der Arbeiter:innenklasse nicht erlaubt, sich global zu bewegen.» Migration existiere seit Menschengedenken, man müsse wegkommen vom ewigen Bedrohungsnarrativ. «Bei weitem nicht alle haben diesen exotischen Wunsch, in die Schweiz zu kommen und eine neue Sprache und so weiter zu lernen.»

«Die Politik hat keine Vorstellungskraft mehr», kritisiert sie. Antikapitalistische Ansätze für eine humanere Welt würden stets als Utopie oder zu wenig pragmatisch abgetan, trotzdem müsse man radikal umdenken, gerade auch im Hinblick auf die Klimagerechtigkeit. Der globale Süden trage die Hauptlast im Moment, deshalb müsse man das Wirtschaftssystem als Ganzes verändern – «dann wird Migration zur Nebensache.»

Auch Rakete spricht von einer «Krise der globalen Gerechtigkeit». Das kapitalistische System sei ausbeuterisch, zerstöre die Umwelt und zwinge immer mehr Menschen zur Flucht. «Dafür müssen wir Verantwortung übernehmen, die Umweltzerstörung und die Industrien, die diese verursachen, stoppen. Es geht um Lebewesen, das ist unsere Aufgabe.»

Hoffen auf das «Window of Opportunity»

Habtemariam und Rackete setzen keine grossen Hoffnungen mehr in die Politik, sie erhoffen sich Ideen und Lösungen aus der Zivilgesellschaft. Aus aktivistischer Sicht sei möglicherweise gerade ein «Window of Opportunity» offen. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass Verbesserungen möglich sind, wenn Menschen Verantwortung übernehmen und sich strukturell organisieren. Oder wie Habetemariam sagt: «Die Welt ist zu wertvoll, um sie Politiker:innen zu überlassen.»

Das Referendum war ein Anfang, der Weg ist aber noch weit, darin ist man sich im Palace einig. Das lukrative Geschäft mit dem Grenzschutz wird weitergehen, und dass Leggeri seinen Tisch räumen musste, hat auch eine unschöne Seite: So wird es kein Disziplinarverfahren gegen ihn geben. «Wir dürfen damit nicht zufrieden sein», sagt Rackete.

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB