Unter diesem Titel veröffentlichte der «Tagesanzeiger» heute einen Artikel über Jake Adelstein, der in Tokio als Polizeireporter über die Yakuza berichtet, sich einen Ex-Yakuza als Bodyguard (s. Bild) zugelegt hat und nicht ungefährlich lebt. Nun kennen wir zufälligerweise die beiden ehemaligen Mitbewohner von Jake Adelstein und seinem Leibwächter Mochizuki-san. Barbara Signer und Michael Bodenmann haben uns im Februar letzten Jahres eine Flaschenpost aus eben jenem Haus geschickt, wo bei schlechtem Wetter die Vorhänge gezogen werden, weil die Yakuza nur bei Regen zuschlagen.
Wer sie damals verpasst hat, kann sie hier nochmals nachlesen:
Yakuza-Rock
«Erschreckt nicht. Ich bringe meinen Bodyguard mit, einen riesigen, tätowierten Ex-Yakuza», sagte Jake, unser Landlord, am Telefon, als Michael und ich ihn Ende September vom Bahnhof in Shimokitazawa aus anriefen, damit er uns abholen kommt. Jake übertreibt zwar stets ein wenig, denn er ist ungemein stolz auf seine Geschichten und sein Wissen über die Yakuza. Doch würde man Mochizuki-san, dem erwähnten Leibwächter, begegnete man ihm Nachts in einer dunklen Gasse, ungern widersprechen.
Entschuldigung für Unentschuldbares
Ein einziges winziges Wölkchen bedeckt den strahlend blauen Himmel. Doch vom schönen Wetter merkt man nicht das Geringste, kein einziger Sonnenstrahl dringt in die verqualmte, in Neonlicht getauchte Stube, während Mochizuki-san im Wohnzimmer amerikanischen Filterkaffee kocht und eine Hope-Zigarette nach der andern raucht. Vom Tatamiraum nebenan tönt unaufhörlich die nervtötende Melodie eines Plastikspielzeugs herüber, das seinem einjährigem Sohn Jin gehört. Mochizuki-san hat ohne Zweifel spannendere Zeiten hinter sich. Gerne und stolz erzählt er davon, wie er sich qualvolle Stunden lang tätowieren liess und betont immer wieder, dass das eigenhändige Abschneiden des kleinen Fingers seiner linken Hand bedeutend weniger schmerzte. «Please accept a token of my apology», sagte auch Robert Mitchum alias Harry Kilmer in Sydney Pollaks Film «The Yakuza» von 1975 und überreicht seinen Finger in ein Taschentuch gewickelt dem Yakuza Takakura Ken – als Entschuldigung für Unentschuldbares. Danach war alles Vergessen. Mit Gitarrespielen war für Ta-chan, so Mochizuki-sans Übername, hingegen Schluss. 1975 war er für kurze Zeit Bandmitglied bei Gedo, den japanischen Led Zeppelin. Allen voran sieht man ihn im Videoclip auf einer Harley. Aber Yakuza und Rockband passe nicht recht zusammen, meint er. Er sei schon immer ein wenig zu durchgeknallt gewesen, für so eine ernste Sache wie die Yakuza. Dabei fährt er sich mit der Hand über die Wange, als würde er sie mit einem Messer filettieren.
Einsame Neonröhren
Anfang November fahren wir nach Aburatsubo, an die Spitze der Miura-Halbinsel südlich von Tokyo. Dort bekommt man den besten Negitoro-don, gehacktes Thunfischfleisch mit Frühlingszwiebeln auf Reis, dazu Meersicht und Ruhe, denn in Aburatsubo steht die Zeit still, während der Rost nagt. An der Endstation steigt ein einziger Fahrgast aus, dem wir wenig später an einem einsamen Flecken unten am Meer wiederbegegnen. Er trägt einen schwarzen Anzug, einen Aktenkoffer in der Rechten, und blickt gedankenverloren aufs Meer. Ein seltsames Bild inmitten der Natur. Ob er sich wohl des Lebens müde in die Wogen stürzen möchte? Später begegnen wir ihm noch einmal, während er von einer Tafel die Telefonnummer einer Firma abschreibt, die Land verkauft. Möglicherweise hat ihn Aburatsubo vor dem Tod durch Ertrinken gerettet. Oberhalb des stillen Plätzchens am Strand ragt das Hotel Aburatsubo aus dem Unterholz. Ein stattliches Hotel aus den Sechzigern, das vor kurzem noch in Betrieb gewesen sein muss, mittlerweile jedoch von wucherndem Unkraut in Besitz genommen und von der salzigen Meeresluft zerfressen wird. Als ich die Fotos später Mochizuki-san zeige, sagt er überrascht, dass in ebendiesem Hotel Zeremonien seiner Yakuza-Familie, der Mochizuki-gumi des Inagawa-kai, stattgefunden hätten. Genau da. In Aburatsubo. Am Ende der Welt. Vielleicht mag er deshalb das Meer auf den Fotos nicht. Überhaupt scheint er meine Bilder seltsam zu finden. Wieso ich die Neonröhre im Gang eines alten Industriegebäudes fotografiere, möchte er wissen. Ob das Bild eine Bedeutung habe. Es sei irgendwie einsam und traurig. Ja, einsam ist es. Gibt es etwas einsameres als die Existenz einer Neonröhre?
Die Schönheit anonymer Architektur
Gleichzeitig ist das alte Industriegebäude eines der schönsten Bauwerke in Tokyo. Mein Lieblingsgebäude sozusagen, in dem sich die Galerie befindet, in der ich zurzeit arbeite. Es steht in Kiyosumi-Shirakawa, umgeben vom Sumida-Fluss, der pastellorangen Asano-Zementfabrik und der Toto Musen Taxizentrale mit ihren beigen Taxis, in denen die Fahrer vor sich hin dösen, die Sitze heruntergelassen, die Füsse aufs Armaturenbrett gelegt. Das Gebäude selbst ist im Grunde genommen interessanter als der Grossteil der sich darin befindenden Kunst. Die eigenwillige Geometrie der Gebäude, die in diesem Stil gebaut wurden, ist bemerkenswert. Die ungewollte Kombination der Farben in ihren feinen Nuancen. Die gewachsten, petrolfarbenen Linoleumböden. Das Licht, das durchs Fenster fällt, um ein helles Rechteck an die mintgrüne Wand zu werfen, als sei es ein Bild. Das Treppenhaus, das zu einer kantigen Spirale wird, wenn man vom siebten Stock nach unten blickt. Die einsamen Neonröhren. Jedes Mal wenn ich vom sechsten in den siebten Stock renne erwartet mich ein neues Spektakel. Ein Meisterwerk des Zufalls oder die subtile Inszenierung eines unbekannten japanischen Innenarchitekten? Die Schönheit alltäglicher Dinge. Auf der Busfahrt durch Shinjuku sieht man die riesigen Bürowolkenkratzer in der Nacht. Auf jedem Stock machen die Angestellten Überstunden und leuchten die Neonröhren aus den Fenstern. Sie bilden geometrische Muster, die sich wie Ornamente über die gesamte Häuserfassade legen. Die flackernde Melancholie einer defekten Strassenlaterne, die nicht aufgibt, während eine japanische Katze mit ihrem weisen Gesicht durch ihr letztes Licht huscht. Dieselben weisen Katzen legen sich an einem sonnigen Dezembertag im Aoyama-Friedhof um Michael herum in die Sonne, während er «Ich der Kater» von Natsume Soseki liest.
Mordende Tigerzüchter
Ich hätte gerne einen Koi in der Badewanne. Ich würde duschen und er würde neben mir in der Badewanne schwimmen. Jedenfalls wäre dies um einiges besser als Jakes Shabu-Shabu-Bad. Jake, der «Representative Director and President» seiner Ein-Mann-Firma «Japan Subterranean Economy Research LLC», der vier Mal am Tag badet und in seinem dunklen Zimmer, das wunderschön wäre, machte man die Schiebetüren auf und liesse etwas Licht herein, Polizeigeschichten schreibt. Über Mätressen von ermordeten Yakuza-Bossen, die sich in heissen Sommernächten angenehm kühl anfühlen, weil sie am ganzen Körper tätowiert sind. Und über mordende Tigerzüchter. Ich hätte lieber einen Koi in der Badewanne.
Barbara Signer ist Japanologiestudentin und Künstlerin aus St.Gallen.
Michael Bodenmann ist Fotograf und Grafiker in Waldtstatt AR.
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