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In den Tiefen des Materials die Performance

Der verstorbene Künstler Hermann Reinfrank und Filmemacher Jan Buchholz pflegten eine lange künstlerische Freundschaft. Eine gemeinsame Filminstallation ist ab Donnerstag im Projektraum Auto zu sehen.
Von  Michael Felix Grieder
Hermann Reinfrank kommt heim. (Bilder: Jan Buchholz)

Es klingt nach einer Art Wunderland, wenn der Filmemacher Jan Buchholz erzählt: «Das Gefühl war, in eine Installation hineinzugeraten. Dass da irgendetwas dahinter war. Ich versuchte also herauszufinden, was es war.» Die Situation, um die es geht, liegt knapp zwei Jahrzehnte zurück und ereignete sich an der St.Galler Wassergasse, wo heute ein Kongresszentrum steht und sich damals das «Gambrinus» befand.

Buchholz in seinen frühen Zwanzigern, zu jener Zeit mit den Arbeiten an seinem Klassiker Auf- und Abbruch in St. Güllen beschäftigt, besuchte seinen Nachbarn, den Konzeptkünstler Hermann Reinfrank zum ersten Mal in seiner Wohnung – und die war einigermassen voll mit Material.

Reinfrank in seinem Büro

In jenem Moment beginnt eine langjährige künstlerische Freundschaft und Zusammenarbeit, ein Dialog zwischen Künstler und Filmemacher, Kamera und Material. Das eindrückliche Ergebnis dieses Prozesses kann man nun als 3-Kanal-Videoinstallation im Projektraum Auto im Linsebühl betrachten: Konzipiert als gemeinsame Arbeit, nahm sich Buchholz nach dem überraschenden Tod Reinfranks im Mai 2023 der nicht leichten Aufgabe an, sie fertigzustellen.

Eine Kunst des Wohnens

Die Motive stammen aus der Wassergasse, wo sie beide wohnten, und den zwei späteren Wohnungen Reinfranks, einem Keller in der Lachen und einer Dachwohnung in St. Fiden. 17 Jahre lang besuchte Buchholz, in jener Zeit wohnhaft in Luzern, Bern und Biel, den Künstler mit seiner Kamera. Gefilmt wurde mit den Vorgaben, dass der Plan beim Machen entstehen und dass es kein klassisches Künstlerporträt werden soll.

Mit dem Eintauchen in die materialreiche Installation arbeitete sich die Kamera den Blick frei für die andere grosse Facette des Reinfrank’schen Werks: die lebenslange Performance. In diesem komplexen Sinne kann von Inszenierungen gesprochen werden. Zwar sind da intime (und für Freund:innen leerer Wohnungen herausfordernde) Bilder, aber die Performance ist auch nicht für eine Agora reserviert. Sie bricht nicht mit dem Durchschreiten der Wohnungstür, misst sich womöglich exakt daran, diese Trennung zu invertieren und auf der Schwelle zu tanzen. Eine Realität der Inszenierung in Szene gesetzter Wirklichkeit, ontologische Performanz.

«Material» von Jan Buchholz und Hermann Reinfrank: 7. März bis 4. April, Projektraum Auto, Linsebühlstrasse 13, St.Gallen. Zudem im Juni im Gepard 14,Bern, und im Herbst im Espace Libre, Biel.

Vernissage: 7. März, 19 Uhr

Lesung mit Julia Kubik: 14. März, 19.30 Uhr

Linsebühlspaziergang mit Richard Butz und der Association Verdre: 28. März, 18 Uhr, Start im Point Jaune Museum,

Finissage: 4. April, 20 Uhr, mit Green Rock ’n’ Roll mit Naurasta Selecta.

autosg.ch

Performance des Alltags

Kunst und Leben sind nicht zu trennen. Das galt auch in der Gründungsphase der St.Galler Kunsthalle, der Reinfrank zeitlebens als Vorstand verbunden blieb: Kunst soll nicht bloss im etablierten Rahmen gezeigt werden, man soll näher zusammenkommen, diagonale und wilde Linien durch die Gesellschaft ziehen. Heute spricht bei allem Exhibitionismus in der Gegenwartskunst selten jemand ohne Filter über das nackte Dasein, und auch die Kunsthalle provoziert schon länger nicht mehr: Sie ist zu einer etablierten Institution geworden.

Zeitgenössisch ist Reinfrank nicht zuletzt, wo er mit der Seichtigkeit gewisser Selbstbehauptungen in Kunstmarkt und Kreativindustrien in Konflikt tritt. Seine Performance des Alltags, die zugleich Performance im Alltag meint, ist radikaler, aber auch viel feiner als solche Begriffshülsen. Sein Werk zeigt, wo die Gegenwart hingehen könnte, würde sie sich für ihre eigenen Begriffe interessieren.

Buchholz dokumentiert mit seiner Kamera einen Abschnitt von Reinfranks Lebenswerk, wie er betont. Die 1980er, 90er und frühen Nullerjahre, (punkto Öffentlichkeit) die intensivste Schaffensperiode, tauchen nur in Form materieller Zitate auf: Ohne mehr zu verraten, ist der Versuch, Zeit zu materialisieren, eine wesentliche Komponente des Werks.

Die gemeinsame Filminstallation lässt nun die Betrachtenden selbst räumlich in eine performative Installation eintreten. Ein philosophischer Dialog über das Wesen und die Notwendigkeit der Kunst: das Unfassbare und Aleatorische, das vor den Füssen Liegende und unerwartete Manipulationsfehler, das Relationale und die Gastfreundschaft. Zu entdecken im «Material».

Die Association Verdre (Martin Amstutz, Jan Buchholz und Michael Felix Grieder), Abteilung des Institut de ’Pataphysique Appliquée, startet am 28. März die erste Runde einer dreijährigen Veranstaltungsreihe (grüne Donnerstage) zur Erforschung des Werks von Hermann Reinfrank. Nach dem Auftakt im Point Jaune Museum und im Auto mit Veranstaltungen im Textilmuseum, Open Art Museum, Gepard 14 Bern und in der Vadiana. Mehr dazu im «Wochenblatt» No. 1356 vom Aschermittwoch, bestellbar unter: postpost.ch/wochenblatt

verdre.ch

Der Film Auf- und Abbruch in St. Güllen ist am 21. März am Palace-Fest zu sehen. palace.sg

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

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03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

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Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
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Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2