Die Zürcher Kultband Baby Jail hat nach der überraschenden Reunion vor zwei Jahren eine neue Platte gemacht. Grüsse aus dem Grab macht genau dort weiter, wo die Band vor zwanzig Jahren aufhörte – mit Anarchie, grossartigen Texten und viel Freude.
Es muss irgendwann Anfang der 90er-Jahre gewesen sein, als mir eine Skifahr-Freundin ein Mixtape zusteckte. Da ich wusste, wie verschieden unsere Musikgeschmäcker waren – sie stand eher so auf Mundart-Rock, ich hatte gerade Metallica entdeckt und hörte aus pubertärer Abgrenzung heraus aus Prinzip keine Mundartmusik – hörte ich die Kassette wohl nur gerade einmal aus Freundlichkeit durch, aber zwei Songs stachen heraus: Katzenklo von Helge Schneider und ein Song einer mir bis dahin völlig unbekannten Schweizer Band, die sich in breitestem Zürcher Dialekt darüber aufregte, dass die St.Galler schon in Rapperswil stehen. Nicht, dass mir die politische Dimension des Songs damals klar war – ich kannte Rapperswil nur als den Ort, wo der Zirkus Knie zu Hause war – aber der Song und der Nonsens-Name der Band – Baby Jail – blieben mir im Gedächtnis.
Es dauerte zehn Jahre, bis die Band meinen Weg wieder kreuzte. Metallica waren inzwischen mainstreamiger, als es Mundartrock je gewesen war, und ich hatte mich statt der Musik sowieso dem Poetry Slam verschrieben. Und dort begegnete mir Baby Jail plötzlich wieder – in Form von Boni Koller, des Baby Jail-Frontmanns, der in der Frühzeit dieses Bühnenformates wie viele Figuren der Schweizer Musikszene (Suzanne Zahnd, Bubi Rufener oder Tom Combo) die Slambühne ausprobierten. Wir lernten uns beim Slam in Konstanz kennen, wo er (unbeirrbar von kulturellen Differenzen) einen Text über Globi zum Besten gab, der mich schier aus den Schuhen kippen liess vor Lachen. So lernte ich den vielleicht besten Texter der Schweiz kennen – und durfte endlich eine lange herumgetragene Bildungslücke schliessen. Baby Jail war da als Band schon längstens von der Bildfläche verschwunden – zehn Jahre zuvor hatten sie sich aufgelöst, die Mitglieder waren in alle Richtungen verstreut, Boni Koller war unterdessen vor allem mit Schtärneföifi auf Schweizer Bühnen zu sehen. Was mir als Nachzügler blieb, war ein «Best of»-Album, bei dessen Hören mich das Gefühl überkam, dass ich etwas unwiederbringlich verpasst hätte. Ein Hauch der 80er-Jahre, für die ich einfach noch zu jung gewesen war. Anarchie, dadaistische Texte und eine unbeschwerte Freude am Spielen, die man der Band auf der legendären Live-Aufnahme aus der St.Galler Grabenhalle (nachhörbar auf Auf Wiedersehen) an jedem Akkord anhörte.
Keine Nostalgie-Shows
Und plötzlich tat sich die Band wieder zusammen. Aus dem Nichts. Mit einer Reunion-Tour 2012. Das Frontduo Koller und Bice Aeberli wurden ergänzt mit Helsinki-Haus-drummer Aad Hollander und dem Schaffhauser Gitarristen Nico Feer. «Es kamen immer wieder Anfragen von den Clubs, wo wir früher gespielt hatten, ganz besonders zu runden Jubiläen, und die wurden eher mehr als weniger. Und ich merkte plötzlich, dass ich Lust hatte, wieder einmal etwas anderes zu machen als Schtärneföifi», erzählt Boni bei einem Kaffee im Zürcher Hauptbahnhof. Die Konzerte funktionierten, die Band fühlte sich wohl damit. Und als noch mehr Anfragen kamen, kamen die neuen Songs. «Am Anfang war es noch okay, das alte Material wieder zu spielen. Aber wir wollten nicht eine Nostalgie-Show totreiten wie Gary Glitter.» «Das wäre eine ‹Wiederaufnahme› gewesen, wie im Theater» ergänzt Bice. «Da wäre dann auch klar gewesen, das machen wir jetzt eine Saison und danach ist das fertig. Im Moment wissen wir noch nicht, wie lange es uns wieder gibt, aber es gibt uns.» Und Boni meint: «Die Platte ist also eigentlich auch aus Freundlichkeit zum Publikum entstanden. Klassischer Service Public.»
Dafür allerdings ist Grüsse aus dem Grab (gleichzeitig Titel eines der Songs und augenzwinkernde Botschaft einer totgesagten Band) verdammt gut geworden. Baby Jail hauen unbeschwert in die Instrumente, als wären sie nie weg gewesen. Punkig (Get on the Truck), poetisch (Schwamedinge), etwas irr (Schöne Kellnerin) – und ohne Konzessionen an all die Fans, die bei ihren Konzerten herumstehen und auf die Mundarthits warten, damit sie bierselig mitgrölen können. Und wer Baby Jail heute fälschlicherweise als Mundartband abgespeichert hat, wird gleich schon zu Beginn korrigiert: Die Platte eröffnet mit einem Selbstcover – einer kantonesischen, verpunkten Version der ehemaligen Blockflöten-Bühnennummer Jede Tag. Danach folgt eine wilde Mischung aus Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und Englisch – wie immer bei Baby Jail.
War da keine Versuchung, doch noch auf die Mundartwelle aufzuspringen und auf einen Mainstream-Hit zu hoffen? «Das hat man uns früher schon immer nahe gelegt und uns dann den ganz grossen Durchbruch eingeredet. Aber wir haben damals nur das gemacht, worauf wir Lust hatten – wieso sollen wir das heute anders machen?» sagt Boni.
Tanz mit dem Sensenmann
Musikalisch springt die Platte ebenso wild hin und her, vom Ländlerworkshop zur fast Die Ärzte-mässigen Düsternummer Sensenmann über das NDW-Cover Schwein bis hin zur Folk- Nummer Punkparadies, einer Hommage an den Traditional Big Rock Candy Mountain. Und natürlich immer mit den herausstechenden, beissenden Texten von Boni Koller, wenn er bei Kühl dem Zeitalter der Gefühlsduselei eine Absage erteilt oder (Achtung: hidden track!) Stand by Your Man zur Hymne auf saufende Ehemänner umfunktioniert. Und nicht zuletzt das vielleicht beste Soldatenlied, das jemals geschrieben wurde: der Albisgüetlimarsch – «es isch automatisch unsympathisch, wer Soldat isch», eine ehrlichere Zeile über die Schweizer Armee wurde bisher nicht geschrieben. Dass die Band dabei zwischendurch ein bisschen klingt wie die Aeronauten ohne Bläsersatz, kommt nicht von ungefähr: Produziert und aufgenommen wurde Grüsse aus dem Grab von Olifr M. Guz, dem Schaffhauser Universalgenie. Zugegeben: Das Rad neu erfunden haben Baby Jail nicht gerade. Aber das hat von ihnen auch niemand erwartet. Spass macht das allemal – der Band und sicher auch dem Publikum.
«Grüsse aus dem Grab» von Baby Jail ist am 31. Januar erschienen. Ihre Jubiläumsgrüsse (aus dem Grab) überbringen sie der Grabenhalle gleich selbst: am Freitag, 14. Februar um 20.30 Uhr.
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