Es dürfte das Konzertereignis des Klassikjahrs gewesen sein: Pianist Grigory Sokolov in der St.Galler Tonhalle. Charles Uzor war drei Stunden lang hingerissen.
Warum hört man drei Stunden einem Pianisten zu, der apathisch vor sich hinspielt, nie zum Publikum blickt geschweige denn ein Wort von sich gibt? Das Klavierrezital ist ein Relikt des Bildungsbürgertums, wo eine Bohème in romantischen Salons sich selbst zelebrierte. David Foster-Wallace beschreibt in einer seiner zynisch-brillanten Passagen ein Keith-Jarrett-Konzert und spricht respektlos vom «monkey», zu dem Tausende Fans strömen, um ihn beim Spiel grunzen zu hören.
Montagabend in der St.Galler Tonhalle: Grigory Sokolov kommuniziert nicht, er spielt nur. Kein Wort, kein Lächeln, kein Grunzen. Er gibt alles und nimmt alles, er gibt ein fast dreistündiges Programm mit langen Stücken von Schubert, die einen in ihrer Intensität auf die Folter spannen – er fordert schönste und schwierigste Musik von Beethoven auswendig und fehlerfrei heraus, er erzwingt höchste Aufmerksamkeit und Hingabe. Die physische Erscheinung Sokolovs erinnert an eine Figur Becketts. Er deliriert und setzt gleichzeitig alles ins richtige Mass, er baut Häuser voll Musik, wartet nicht zwischen den Sätzen, setzt den Schlussakkord und tritt ab, kommt wieder und spielt, verzieht keine Miene, tritt ab und taucht wieder auf, unermüdlich, gespannt, fast mechanisch. Es könnte stundenlang so weitergehen, das Publikum ists, das nicht mehr kann, diese intensive Schönheit nicht mehr aushält.
Drei Werke, alle zwischen 1818 und 1828. Schubert «Vier Impromptus» D 899 und «Drei Klavierstücke» D 946. Die Oktaven in der Melodie des ersten Impromptus setzen den Ton, mit leiser Wucht geht es hier ums Existenzielle. Die Melancholie im Anschlag steigert sich zur Wut und zur Resignation. Erstaunlich wie Sokolov die Akkorde bündelt, wie die linke Hand die Klangblöcke auftürmt und verankert. Das zweite Impromptu legt einen fliegenden Teppich, Töne, die wie Wolken in unendlich grossem Abstand dahin gleiten. Keine zwei Takte sind gleich lang. Wie macht er das, ohne den Puls zu verlieren? Im dritten Impromptu treten die Nebenstimmen hervor, manchmal wie Geröll, das sich in den Weg stellt, Blumen im Schutt – dann wie Donnergrollen, zerberstende Berge oder Knurren wilder Tiere. Im Impromptu No.4 wird der Klangaufbau im Diskant durch die matten und schlecht intonierten Oktaven gestört.
Die 1828, in Schuberts Todesjahr geschriebenen «Drei Klavierstücke» wirken teilweise verflattert und etwas verrückt. Die rhythmischen Manien, endlosen Tonrepetitionen und formalen Zwänge, dies alles zeigt Sokolov schonungslos.
Dann Beethoven. Die Wucht des Anschlags wird in der «Hammerklavier-Sonate» noch vergrössert, das Zusammenspiel der Stimmen und die dynamischen Abstufungen noch orchestraler. Sokolov spielt eine zärtliche Musik, dann eine böse, in ihrer Logik unerbittliche. Gleichzeitig bricht er Gräben des Unkalkulierbaren auf. Das «Adagio sostenuto» ist ein Labyrinth, jeder Ton, jeder Monolog im Bass und Sopran ist losgelöst. Lange wird die Melodie zurückgehalten, dann kommt endlich das rostige Gondellied – und alles kann kippen.
Eine eisige Ruhe und fast unerträgliche Spannung erfüllt den Saal: der endgültige Stillstand, als wolle Sokolov durch die Reduktion alles Lebendigen eine letzte Schönheit zeigen, einen musikalischen Nihilismus, den er in der irrwitzig schweren Fuge transzendiert.
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