Wenn man dieses Buch gelesen hat, mag man die Trudi-Gerster-Märli erst recht nicht mehr hören. Und man versteht zugleich besser, was den frappanten Erfolg und die Langzeitwirkung der «Märlitante» ausgemacht hat, die sich selber stets dagegen gesträubt hat, sich als «Tante» bezeichnet zu sehen. Märchenerzählen war für die ausgebildete Schauspielerin vielmehr eine Kunst, schreibt Franziska Schläpfer, ihre Biografin, im Buch Trudi Gerster. Ein facettenreiches Leben. «Märchen sind keine Angelegenheit für Tanten, sondern eine Königsdisziplin! Ich bin kein Kinderhütedienst, ich erzähle keine Gschichtli. Ich gebe eine Vorstellung, trete auf», zitiert sie.
Alle Rollen selber spielen
Fast wie ein Märchen fängt es an: Für die Landi 1939 in Zürich wird eine «Märchenfee» gesucht. Trudi Gerster, eben die Matura an der Kanti St.Gallen hinter sich, bewirbt sich und erobert den Job mit der Geschichte «Wie s’Säuli zu sim Schwänzli cho isch». Von Mai bis Oktober erzählt sie im Nestlé-Märchenparadies Geschichten, 78’000 Kinder hören ihr zu.
Damit verdient sie sich ihr Schauspielstudium. Sie gehört einige Jahre dem Ensemble des St.Galler Stadttheaters an, dann kommen die Kinder, die Familie zieht nach Basel, der Mann trennt sich von ihr, mit Schauspielerei lässt sich das Leben als alleinerziehende Mutter nicht mehr vereinbaren, und so entdeckt sie das Märchen neu. Hier kann sie alle Rollen selber spielen, hier findet sie ihre Berufung. Und dieser muss sich alles unterordnen.
Franziska Schläpfer: Trudi Gerster. Ein facettenreiches Leben, Stämpfli Verlag 2016, Fr. 39.90 Buchpräsentation: heute Mittwoch, 16. November, 19.30 Uhr, Diözesane Kirchenmusikschule St.Gallen
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Franziska Schläpfer beschönigt nicht: Sie schildert Trudi Gerster als egozentrische Person, für die der Applaus, das Scheinwerferlicht alles war. Trudi sei schon als Kind sich selbst am nächsten gewesen, sagt ihre Schwester Dora. «Alles drehte sich um sie und ihre Karriere», erinnert sich ihre Tochter Esther Jenny, die der Autorin ausführlich Auskunft gegeben und Zugang zum Familiennachlass der 2013 gestorbenen Trudi Gerster gewährt hat. Jahrzehnte später erlebt der St.Galler Musiker Rudolf Lutz, der selber Gerster gerne parodiert, dasselbe. 2002 regt er ein gemeinsames Projekt mit Trudi Gerster an und darf am Ende ein paar Töne spielen, während sie den Abend dominiert. «Sie braucht gar keine Orgel, sie ist eine Orgel», sagt Lutz.
Auch als Selbstvermarkterin und Geschäftsfrau hat Trudi Gerster mannigfache Talente. Wo immer ein Interview oder eine Homestory lockt, ist sie zur Stelle. Sie erzählt in Schul- und Warenhäusern, am Radio, auf Schallplatte, im Fernsehen. Auftritte im ganzen Land festigen ihren Ruf und ihre Allgegenwart in den Kinderzimmern. Trudi Gerster hat über Jahrzehnte gleichsam das Märchen-Monopol inne; Generationen lernen mit ihr grunzen und grochsen und gigelen.
Original oder «vergerstert»?
Märchen als lebendiges Volksgut zu erhalten verstand sie als ihre Lebensaufgabe. Dabei habe sie es mit dem Wortlaut der Märchen nicht immer genau genommen, wird die Erzählforscherin Barbara Gobrecht zitiert: Sie habe manche Märchen ihrem Publikum angepasst, sie «vergerstert», gelegentlich Figuren verharmlost und die Moral verstärkt.
Warum Märchen? Trudi Gerster war in dieser Hinsicht auf der Höhe der Zeit, sie hielt es mit Forschern wie Bruno Bettelheim: Märchen konfrontierten die Kinder mit grundlegenden menschlichen Nöten und sprächen sie auf dem Niveau ihrer seelischen und emotionalen Existenz an. Auch Grausamkeiten gehörten dazu. Den Frosch etwa, schreibt Schläpfer, habe sie als Erzählerin ohne Zögern an die Wand geknallt. Mit dem Argument, der «Froschkönig» sei «eines der seltenen emanzipatorischen Märchen: Die Frau muss den Mann, der zu ihr ins Bett will, zuerst strafen, bevor er sich in einen Prinzen verwandelt». Kinder müssten wissen um das Böse, Grausame, Hinterlistige, sonst wären sie diesem hilflos ausgeliefert.
In späterer Zeit habe sie allerdings blutige oder grausame Passagen weggelassen, auch Stiefmutter-Geschichten und solche mit tragischem Ausgang. Aber an den herrschenden Geschlechter- und Rassenverhältnissen in den Märchen wollte sie nicht rütteln. Das umstrittene Märchen «Vom dumme Negerli» musste sie zwar umtaufen in «Wumbo Wumbo» – aber das «Afrikanerli», zu dem der Bub jetzt geworden war, wenn ihr nicht gerade die alte Fassung «herausrutschte», blieb «eso dumm, dass mes gar nöd beschriebe cha». Die Biografin erzählt die Episode unkommentiert, zitiert aber Linard Bardill, der sich über solche Art «modernen Kinderschutz» öffentlich aufregte. Das kann man auch anders sehen.
Das Krokodil sanktgallert
Trudi Gersters Kunst bestand gemäss ihrer Biografin darin, in alle möglichen Rollen zu schlüpfen dank ihrer ungeheuer wandlungsfähigen Stimme. «Das lag mir bereits als Kind im Blut. Wenn ich vom Wolf erzähle, dann spüre ich den Wolf in mir, der kommt quasi in mich hinein, und es beginnt einfach wölfisch zu reden. Und wenn ein Krokodil schon spricht, kann es doch gut sankt-gallisch sprechen.» Der Dialekt ist ihr heilig.
Dass sie in St.Gallen wenig Resonanz hat, kränkt sie. «Die St.Galler könnten mir auch mal einen Preis geben», sagt sie im Tagblatt-Interview. Mit der «Märlikarawane» von Gerold Huber zieht sie noch im hohen Alter durch die Ostschweiz. Posthum hat ihr die Stadt zumindest eine Reihe von Märlistationen auf Spielplätzen gewidmet. Und jetzt wird sie noch einmal lebendig im lustvoll geschriebenen Buch von Franziska Schläpfer.
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