, 9. November 2020
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noch einmal, langsam

Die Rorschacher Autorin Anna Stern hat mit ihrem Roman «das alles hier, jetzt» den Schweizer Buchpreis 2020 gewonnen. Die Schweizer Medien reagieren überrascht, aber genau damit hat es seine Richtigkeit. von Eva Bachmann

Asketische Preisfeier in Coronazeiten: Anna Stern bekommt in Basel den Schweizer Buchpreis 2020. (Bild: sbvv)

Die 30-jährige Rorschacherin Anna Stern hat den Schweizer Buchpreis gewonnen. Sie überflügelt die im Vorfeld als Favoriten gehandelten Dorothee Elmiger und Charles Lewinsky, beide waren schon zum dritten Mal für den Preis nominiert. Gratulation!

Der Roman das alles hier, jetzt hat viele Qualitäten (die Besprechung hier): Er geht mit seinen zwei nebeneinanderlaufenden Erzählebenen ein formales Wagnis ein. Er bearbeitet ein relevantes Thema, den Tod einer nahestehenden Person, sehr persönlich und sprachlich überzeugend. Und er erzählt von Beziehungen – Freundschaft und Familie, aber auch Geschlechterbeziehungen – in einer Art und Weise, welche die Lebenswirklichkeit einer jüngeren Generation aufnimmt und spiegelt.

Der Preis für Anna Stern ist verdient. Damit will aber nicht gesagt sein, dass die anderen Nominierten den Preis nicht verdient hätten. Was kann, was soll das sein: das beste Buch des Jahres? Das muss sich jede und jeder selbst erlesen.

Gekauft und gelesen werden

Der Schweizer Buchpreis funktioniert nach dem Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie. Er wird vom Verein LiteraturBasel und dem Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband vergeben. «Ziel ist es, die öffentliche Diskussion über Bücher von deutschsprachigen Schweizer Autorinnen und Autoren zu animieren und mit der aktiven Werbung im Buchhandel sowie mit einer Lesetour durch die Schweiz und Nachbarländer dazu beizutragen, dass diese stärker wahrgenommen, gelesen und gekauft werden.» Diese Selbstdarstellung spricht Klartext.

Streams:

Dorothee Elmiger, Tom Kummer und Karl Rühmann im Gespräch im Literaturhaus Berlin.

Dorothee Elmiger, Charles Lewinsky, Karl Rühmann und Anna Stern an den Digitalen Buchtagen Schweiz.

Die fünf Nominierten auf dem Blauen Sofa der Frankfurter Buchmesse.

Aufmerksamkeit ist die Währung der Gegenwart, und sie ist ein knappes Gut. Seit Monaten schon wird sie absorbiert von Corona-Fallzahlen, seit Wochen von den Wahlen in den USA. Kultur hingegen landete auf der Liste des Verzichtbaren. Der Buchhandel versucht, mit roten Aufklebern auf den nominierten Büchern durch die maskenbedingt beschlagenen Brillen vorzudringen. Die letzten Veranstalter behelfen sich notgedrungen mit Videostreams (s. Links).

Die Buchpreisverleihung selbst fand im kleinen Rahmen statt – nette Geste am Rand: Das Geld für den ausgefallenen Apéro wird an die Nominierten verteilt. Wenn unter solchen Vorzeichen ein Preis von der Nachrichtenagentur sda als «überraschend» eingestuft wird, dann ist das genau richtig.

Passt doch!

Die NZZ beurteilt den Entscheid der Jury als «eher unerwartet», das «Tagblatt» spricht von einer überraschenden Ehre für Anna Stern, das Schweizer Fernsehen titelt: «Überraschungssiegerin Anna Stern schlägt die Favoriten», der «Tages-Anzeiger» meint: «Die Entscheidung für Stern eine Überraschung zu nennen, wäre noch stark untertrieben. Es ist eine merkwürdige, ja fragwürdige Entscheidung.»

Passt! Lasst uns von den «Verlierern» sprechen. Von Dorothee Elmiger, die in Aus der Zuckerfabrik Zucker und Kolonialismus, Geld und Liebe in ihren vielfältigen und komplexen Beziehungen auslotet und in eine lesbare Form bringt. Von Charles Lewinsky, der mit Der Halbbart unterhaltsam und auf der Höhe unserer Zeit die Schlacht am Morgarten noch einmal erzählt. Oder auch vom Aussenseiter Karl Rühmann, der in Der Held zwei Kriegsverbrecher in einem Briefroman über Schuld und Gerechtigkeit nachdenken lässt, und den SRF in einem Publikumsvoting zum Sieger kürte. So erhalten alle ihre Aufmerksamkeit, bestens.

Hier die Lesung aller Nominierten, im Oktober im Literaturhaus Zürich:

 

Wiederlesen, mit einer neuen Aufmerksamkeit

Lesen lenkt die Aufmerksamkeit auf anderes: Nämlich darauf, wie man die Welt abseits von Fall- und Stimmenzahlen auch noch wahrnehmen könnte. Gerade Anna Stern, die sich in ihrem Roman so intensiv mit den Belastungen und der Belastbarkeit von persönlichen Beziehungen auseinandersetzt, richtet den Blick auf den sozialen Nahraum und also auf etwas eminent Wichtiges. Ihr Nachdenken und Fragen verlangt aufmerksames Lesen.

Anna Stern: das alles hier, jetzt. Roman. Salis Verlag, Zürich. Fr. 32.–.

Ihrem preisgekrönten Text soll denn auch das letzte Wort gehören. Es ist eine Passage, in der Ichor über die von Ananke hinterlassenen 27 Bände Modiano schreibt: «du liest die bücher noch einmal, langsam, mit einer neuen aufmerksamkeit. immer wieder markierst du seiten oder unterstreichst ganze passagen mit bleistift, zum beispiel est-ce que nous avons le droit de juger ceux que nous aimons? si nous les aimons, c’est bien pour quelque chose, et ce quelque chose nous défend de les juger. non?»

 

 

 

 

 

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