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Stockentengrün und eissturmvogelgrau

Anna Sterns Roman «Wild wie die Wellen des Meeres» spielt in Rorschach und Schottland und erzählt von Ava, die mit ihrem grauen Auge in die Vergangenheit und mit dem grünen in die Zukunft blickt. Am 24. Januar ist Buchvernissage im Treppenhaus.

Von  Eva Bachmann
Seite 101. (Bilder: pd)

Avis heisst Vogel. Ava mag Vögel, schon als Kind erkennt sie ihren Ruf und weiss ihre Namen. Ava ist eine Vogelfrau, sie nimmt sich Raum und Zeit; sie fliegt sich frei, wann sie es will. Am Anfang des Buchs verlässt sie Paul, um für ein Praktikum zum Vögelzählen und Samensammeln in eine Forschungsstation nach Schottland zu fahren. Was war das für ein Paar, fragt man sich. Sie ist einige Jahre jünger, studiert Naturwissenschaften und stellt Fragen wie: Woher weiss der Kompass, wo Norden ist? Wird es wirklich stiller, wenn Schnee fällt? Er ist Polizist und stellt sich Fragen wie: Gibt es einen freien Willen? Sind Körper und Bewusstsein unabhängig voneinander? Ava aber gibt keine Antworten, schon gar nicht zu ihrer Vergangenheit. Also bleibt Paul allein in Rorschach zurück mit allen seinen Fragen.

Das geht der Leserin nicht viel anders: Ava ist ein Rätsel. Sie hat zwei verschiedenfarbige Augen, stockentengrün und eissturmvogelgrau. Sie isst am liebsten Brot, Frischkäse, Marmelade und Bananen. Ihr Totemtier ist Hermes, eine weiss gefiederte Taube. Um ihren Hals trägt sie einen irisierenden Labradorit. Sie liest lieber, als dass sie spricht. «Du darfst nicht alles glauben, was du siehst», klingt als Echo aus einer früheren Zeit nach. Was ist ihr Geheimnis?

Montage aus Text, Songs und Fotos

Anna Stern erzählt in ihrem Roman von der Trennung her vorwärts und rückwärts. Wir reisen nach Schottland, lernen Leute und Orte wie Eoghain und Clodagh, Dàibhidh und Coire Mhic Fhearchair kennen, schauen den Forschern beim Arbeiten zu. Andererseits führt der Roman schrittweise zurück in die Jugend und Kindheit von Ava. Allmählich setzt sich das Familien-Patchwork zusammen und schliesslich gelangt man auch zum traumatischen Ereignis. Das Erzählverfahren ist raffiniert. Wohl ist der Text ein ruhiger Fluss, aber es bleibt immer eine latente Spannung auf diesen einen dunklen Punkt hin.

Anna Stern hat einen nüchternen, rein äusserlichen Blick auf ihre Figuren. Die Tiefe des Gemütszustands lotet sie anders aus: Es gibt zahlreiche Zitate aus Gedichten und Songs. Zudem enthält das Buch eine Reihe von Polaroids von Avas Notizbuch, in das sie in akkurater Schrift Fundstücke einträgt, als handle es sich um ein Laborjournal. «Found you. Lost myself.» Über die Texte und Fotos kann man lange nachsinnen – die verdichtete Form setzt Lichtpunkte in die Romanprosa, legt Fährten und bleibt doch Erklärungen schuldig.

Anna Stern: Wild wie die Wellen des Meeres. Roman. Salis Verlag, Zürich

Buchvernissage:
24. Januar, 19.30 Uhr, Treppenhaus, Rorschach

Anna Stern ist 1990 in Rorschach geboren, doktoriert an der ETH Zürich in Umwelt-Naturwissenschaften und hat im November 2018 einen Förderpreis der st.gallischen Kulturstiftung erhalten. Nach den Romanen Schneestill (2014) und Der Gutachter (2016) sowie dem Erzählband Beim Auftauchen der Himmel (2017) veröffentlicht sie mit Wild wie die Wellen des Meeres bereits ihr viertes Buch innert weniger Jahre. Viele ihrer Texte sind naturkundlich grundiert, was sie angenehm erdet. Von den anfänglichen Krimi-Plots hat Stern sich indes mehr und mehr entfernt, auch wenn die Auflösung des «Falls» ein Treiber der Handlung bleibt. Der neue Roman überzeugt vielmehr durch seine Komposition: die sorgsam gesetzten Wechsel der Zeiten, Orte und Perspektiven wie auch das Dosieren von Anspannung und Ruhe.

Das Rätsel des grauen Auges

An den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt hat Stern im Sommer 2018 einen Auszug aus dem Roman gelesen und dafür den 3sat-Preis gewonnen, obwohl die Juroren zuvor viel kritisiert hatten: «rätselhaft», «zu viele Leerstellen». Sie hatte ein Stück von weit hinten gewählt, in dem Ava im Koma liegt und diverse Personen aus dem Roman sich an ihr Bett setzen und diesen Körper be-sprechen. Es ist eine starke Szene, aber tatsächlich fast nur aus dem Vorhergehenden zu erschliessen. Sie gehört zum Finale, in dem arg viel Filmreifes herbeigeschrieben wird, um die ausgelegten Fäden zusammenzubinden: Tod und Geburt, Unfall und Rettung, Medizin und Poesie, ja sogar ein mysteriöser alter Mann, der sich in einer Pfütze verflüchtigt.

Dieser Ira Redpoll ist eine Figur zwischen Realität und Phantasie und verkörpert damit ein zentrales Motiv, das schon früh angesprochen wird: «Hast du gewusst, sagt Ava, dass Erinnerung und Vorstellung die gleichen Hirnareale aktivieren. Wir brauchen die Vergangenheit, um in der Gegenwart die Zukunft zu üben.» Was das graue Auge gesehen hat, gehört in das trügerische Areal. Man darf ihm nicht glauben und trotzdem beeinflusst es, was das grüne Auge sieht. Davon handelt der Roman, der am Schluss offen bleibt. Avas Zukunft mit Paul bleibt ein Übungsfeld. Und als Leserin wartet man gespannt darauf, wie es weitergeht – mit Anna Stern, dieser kraftvollen literarischen Stimme aus der Ostschweiz.

 

Leseprobe:

«Wie der Atlantik vor Brest»

Paul steht auf der Plattform des Panoramalifts und sieht den Sturm kommen. Der Himmel ist grau, und der See ist schwarz, und auf den Wellen, die heftig gegen das Ufer und die Hafenmauer klatschen, sitzen weisse Schaumkronen; Deutschland ist längst nicht mehr zu sehen. Als Paul nach Nordwesten blickt, wo die Sturmwarnungslaternen entlang des Ufers sich wie verrückt drehen – das leuchtende Orange ihres Signals wirkt unwirklich im Weiss und Grau und Schwarz, das sie umgibt –, peitschen ihm erste Regentropfen horizontal ins Gesicht. Er nimmt sein Telefon aus der Tasche und lehnt sich über das Geländer, um ein Foto zu machen, doch der Wind verfängt sich in der Kapuze seiner Regenjacke und zerrt so heftig daran, dass er den Versuch wieder aufgibt. Unter ihm fährt ein Zug langsam in den Bahnhof ein, und Passagiere hasten aus dem Wartehäuschen. Paul blickt noch einmal auf den See hinaus – wild wie ein Meer, denkt er, wild wie der Atlantik vor Brest – und geht dann über die Galerie zur Promenadenstrasse. Der Regen ist jetzt heftiger, schwer fallen die Tropfen in der noch warmen Luft auf den dunklen Asphalt. Als Paul seinen Regenschirm öffnet, fährt eine Bö in seine Kuppel und dreht sie um, und Paul stopft das verbogene Metallgestell in den nächsten Abfalleimer, zieht den Gummizug seiner Kapuze enger und stemmt sich gegen den Wind und gegen die Steigung und macht sich auf den Nachhauseweg.

Aus: Wild wie die Wellen des Meeres

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2