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Auf der Suche nach Publikum

Am 12. Januar lädt die neue Reihe «Wortklang-Klangwort» zum fünften Abend, einer Lesung mit der jungen Autorin und Älplerin Noëmi Lerch. Trotz wenig Publikum bisher im St.Galler Theater 111 sagt Mit-Organisator Gallus Frei-Tomic: «Wir machen weiter».
Von  Peter Surber

«Wir machen weiter! Auch wenn uns die zum Teil leeren Sessel im kleinen Theater 111 schmerzten und der verdiente Applaus satter hätte ausfallen können.» So steht es in der Ankündigung zum letzten von fünf Literaturabenden der neuen Reihe.

Die Grundidee von «Wortklang – Klangwort»: Die Autorin liest, das Duo Stories improvisiert dazu. Stories sind der Gitarrist und Oud-Spieler Christian Berger und der Schlagzeuger Dominic Doppler. Berger hat zusammen mit dem Literaturvermittler Gallus Frei-Tomic die Reihe ins Leben gerufen.

Musikalischer «Begleitschutz»

Künstlerisch, sagt Gallus Frei, habe das Projekt funktioniert, und auch die Autorinnen hätten beglückt reagiert. «Ich, die auf der Bühne sitzend in der Musik sass und vergass, dass ich auf einer Bühne war. Die Musik, die sich unter und auf und zwischen meine Worte legte»: So umschrieb etwa Julia Weber ihre Erfahrung mit «Wortklang». Und Yaël Inokai sagt: «Ich grübelte nicht einen Moment, ob man versteht, was ich hier lese. Ich konnte diesem Text blind vertrauen. Christian und Dominic boten Begleitschutz.»

Hingegen kam das Publikum nur sehr spärlich. Einerseits sei das im intimen Raum des Theaters 111 nicht tragisch, andrerseits aber doch betrüblich – umso mehr als die eingeladenen Autorinnen klingende Namen haben. Yaël Inokai hat 2018 für den Roman Mahlstrom, aus dem sie im Juni in St.Gallen las, den Schweizer Buchpreis gewonnen. Julia Webers Roman Immer ist alles schön ist ebenfalls mehrfach ausgezeichnet worden, und auch Dana Grigorcea, Arja Lobsiger und Noëmi Lerch wurden gelobt und besprochen.

Dass die Reihe dennoch bisher zuwenig «Wellen geschlagen» hat, führt der Initiant zum einen darauf zurück, dass die Anlässe weit auseinander lagen, von Juni bis Januar – und entsprechend schwierig zu bewerben waren. Zum andern sei bekanntermassen kulturell viel los, und Literatur habe es im Wahrnehmungswettbewerb traditionellerweise schwer. «Ich mache mir keine Illusionen – aber wir lassen uns auch nicht entmutigen», sagt Frei.

Die Zeit ist eine Wand

Unbeirrt wie die Organisatoren von «Wortklang-Klangwort» sind auch die Hauptfiguren im Roman Grit von Noëmi Lerch. Allen voran Grit selber, die Älteste im archaisch anmutenden, bäuerlichen Frauenkosmos, den die gut 30jährige Autorin nach ihrem Erstlingsroman «Die Pürin» hier fortschreibt. Lerch kennt sich aus: Sie hat Literatur studiert und arbeitet als Älplerin auf der Greina.

Noemi Lerch liest aus Grit, begleitet von Christian Berger und Dominic Doppler: Samstag, 12. Januar, 20 Uhr, Theater 111 St.Gallen

theater111.ch

Grit, die Titelfigur, im viel zu grossen Offiziersmantel, in dem sie in den Augen ihrer Töchter Iwa und Wanda immer kleiner wird, kommt im Alter und krank zurück in das Familienhaus. Sie ist, wie man aus knappen Andeutungen erfährt, Tierärztin, eine Autorität als Tiereflüstererin und Herrin über ein geheimnisvolles Zimmer, in das die Kinder nie Zutritt hatten und in dem sie offenbar vor allem telefoniert hat.

Trotz knappen Sätzen, schmalen hundert Seiten und einer vordergründig einfachen ländlichen Welt steckt Lerchs Zweitling voller Geheimnisse – das verschlossene Zimmer, Grits Krankheit, der Unbekannte, der sich im Haus einnistet, wie überhaupt die Männer auftauchen und wieder verschwinden; ein Lastwagen voller Glas, den Wanda vererbt bekommt, oder Grits unablässiges Stehen am Fenster.

In der Grit-Welt sind zwar die Brüche der Gegenwart und die Wunder wie die Ängste der Kindheit präsent, aber, so stand es in der NZZ: «Jeder Schrecken, jeder Verlust wird hier mit unerschütterlicher Widerborstigkeit verwandelt in eine stille Zuversicht.»

Die Grit-Geschichte scheint aus der Zeit herausgefallen zu sein. «Die Zeit war kein Kreis, sie war eine Wand, woran es von hell zu dunkel und wieder zu hell ging.» Sätze wie dieser haben eine Kraft und karge Poesie, die beim Lesen einen eigentümlichen Sog erzeugt oder besser, in der Sprache der Grit-Welt gesagt: in Bann schlägt. Wie dies im Dialog mit der Musik funktioniert, kann man am Samstag hören.

Fortsetzung mit Lyrik

2019 im Herbst soll es dann zu einer weiteren Runde «Wortklang – Klangwort» kommen, dann unter dem Titel «Lyrik 111». Gallus Frei-Tomic glaubt an das Format. «Aber es braucht Biss.»

 

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