«Warum ist die Welt in Büchern nicht eine bessere als in der wirklichen Welt?»
Mein ganz persönliches literarisches Jahr beginnt mit den St.Galler Literaturtagen – jedes Jahr. Im Vorsommer dann die Solothurner Literaturtage, die Nabelschau der CH-Literatur, und im Sommer das Literaturfestival in Leukerbad mit einem literarischen Blick weit über die Landesgrenzen hinaus. Es sind aber wie an jedem Bücher- und Literaturfest nicht so sehr die Bücher, die mich locken, sondern die Schöpferinnen und Schöpfer selbst. Vor allem jene, bei denen ich spüre, wie neugierig sie sind, was ihre Bücher mit mir machen.
«Warum hat die Literatur so viel Lust, den Antihelden scheitern zu lassen?»
Die diesjährigen Literaturtage begannen in der Provinz, mit einer Prologlesung des jungen Schriftstellers und Saiten-Journalisten Frédéric Zwicker im Kulturforum Amriswil. Er las aus seinem ersten Roman Hier können sie im Kreis gehen, der Geschichte des 91-jährigen Johannes Kehr, der sich im Altersheim hinter einer vorgetäuschten Demenz vor den Menschen versteckt. Ein Unterfangen, das mit Bedacht und Vorbereitung angegangen werden muss, wenn Kehr sich nicht durch die Wirkung eines Medikaments oder eine unglückliche Äusserung verraten will. Und zugleich ein Abenteuer, das ihm ungeahnte Freiheiten eröffnet, weil niemand, nicht einmal seine Enkelin, sein Doppelleben erahnt. Die Lesung und das Gespräch setzten sich mit wichtigen Fragen auseinander: Was tun, wenn einem nichts mehr am Leben hält? Und wie viel Freiheit braucht der Mensch, selbst dann, wenn er unberechenbar wird?
«Literatur mag Personal, das etwas riskiert.»
Bei der eigentlichen Eröffnung im Raum für Literatur las Max Küng, bekannt durch seine Kolumnen im Tages-Anzeiger-Magazin, ein letztes Mal aus seinem Roman Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück. Er handelt davon, was hinter der Fassade eines Zürcher Stadthauses passiert, wenn alle im Haus gleichzeitig die Kündigung ihres Mietverhältnisses zugeschickt bekommen. Max Küng ist gewiefter Beobachter, Journalist und Schriftsteller. Max Küng tut, was er wirklich kann: Er blickt mit dem Brennglas auf Grossstadtmenschen, Menschen, die nur dort leben können, bunte Kampffische im Aquarium. Ganz offensichtlich verlief die Dernière mehr nach den Vorstellungen des Autors als die Buchtaufe im vergangenen Herbst auf dem Dach seines Zürcher Verlags. Damals ass man Biosandwiches unmittelbar unter der Sonne, ein kleiner Haufen. Das Buch kam unter all den Kulturlöwen kaum zu Wort.
«Figuren die allzu positiv besetzt sind, interessieren die Literatur nicht.»
Am Samstag, dem Haupttag des Festivals, waren es nicht die grossen Namen, die mich überzeugten. Dafür umso mehr jene, die es verstehen, aus Beobachtungen fein ziselierte Literatur zu schaffen. Die noch junge Franziska Gerstenberg sagt über ihren Erzählband So lange her, schon gar nicht mehr wahr: «Die Figuren sind alle ich, mit allen Fragen, allen Zweifeln.» Sie gehe langsam vor, versuche sich psychologisch anzunähern, hineinzuhören, nicht auszuleuchten, sei nicht gewillt, einer Pointe nachzurennen. Es reize sie, die Perspektive zu wechseln und sich nicht wie bei Romanen über Jahre mit dem gleichen Personal herumschlagen zu müssen. Franziska Gerstenberg , zierlich, fast zerbrechlich, las in Lederstiefeln mit drei grossen Schnallen übereinander, als müsse sie wenigstens in ihnen Halt finden. Sie las von Menschen in Not, wie dem stillen Dichter Stoll, der in der Orangerie an der Kasse hinter der Theke sitzt und mit seinem Lächeln auf Besucher wartet. Stoll, der mit seinem Schreibzimmer zuhause den einzigen Ort besitzt, in dem und für den es sich zu leben lohnt.
Oder die noch immer junge Anna Weidenholzer: In ihrem neusten Roman Weshalb die Herren Seesterne tragen erzählt sie von Karl. Karl fährt weg in einen Winterort ohne Schnee. Ein Mann, der nur forschen will und kann, sich auf dieser Reise ganz vom Zufall leiten lässt, davon überzeugt, dass es für alles und jedes mindestens zwei Möglichkeiten gibt. Bloss nicht für die Stimme in seinem Kopf, für die Stimme seiner Frau, die alles kommentiert, von der er stets weiss, wie und was sie sagen wird, wenn er etwas tun oder sagen will. Eine Stimme, die immer nur das «Richtige» kennt. Anna Weidenholzer webt in ihren Roman Sätze, die haften bleiben, Sätze wie Schnappschüsse einer Meisterfotografin. Sätze, die klingen, Sätze, die man irgendwie kennt. Kehr bei Frédéric Zwicker, Stoll bei Franziska Gerstenberg und Karl bei Anna Weidenholzer: Männer, die zu verschwinden drohen.
«Wir leben in einer postheroischen Gesellschaft.»
Und dann noch Nico Bleutge, ein Dichter aus dem Norden, aus Berlin, den ein Stipendium nach Istanbul an den Bosporus schickte, eine Stadt, die er bereits aus früheren Besuchen kennt, eine Stadt, in der es brennt. Eine Stadt zwischen Zeiten, Fronten und Kulturen. Nico Bleutge schreibt Lyrik in langen, farbigen Bändern, in Nachts leuchten die Schiffe sind es Wortgemälde mit Sicht auf die grossen Kähne, die durch die Meerenge ziehen. Auch wenn zu dieser Lesung im sonst gut besetzten Raum für Literatur in der Hauptpost nur wenige Neugierige dem Dichter ihre Aufmerksamkeit schenkten, waren für mich diese 45 strahlenden Minuten einer der Höhepunkte der diesjährigen St.Galler Literaturtage.
Was bleibt? Ich hörte zu und es taten sich Horizonte auf!
Die eingefügten Zitate sind Fetzen eines sonst missratenen Literaturgesprächs am Wortlaut-Festival, zwischen Sabine Gruber, Jonas Lüscher und Andrea Gerster. Bilder: Frédéric Zwicker, Max Küng, Franziska Gerstenberg, Anna Weidenholzer, Nico Bleutge. (Quelle: Wortlaut)
Gallus Frei-Tomic ist Literaturvermittler und Herausgeber des Literaturblatts in Amriswil. literaturblatt.ch
Richi Küttel: «Rundum positiv»
Zufriedenes Publikum, zufriedene Autorinnen und Autoren, keine Absagen, reibungslose Organisation: Am Montagabend, eine Woche nach Schluss des Festivals, hat das Wortlaut-OK eine rundum positive Bilanz gezogen. 2400 Besucherinnen und Besucher wurden gezählt, leicht mehr als im Vorjahr, viele davon waren mit Tagespässen unterwegs – um die 100 Zuhörer bei «Stars» wie Jonas Lüscher, Manuel Stahlberger oder Nora Gomringer, und im Schnitt 40 bis 50, das sei zufriedenstellend.
Am wenigsten Zulauf fand – ein Phänomen, das nicht nur bei Wortlaut auftritt – die Lyrik. Aber auch die «Ostschweizer Bühne» im Splügeneck mit Kurzlesungen blieb unter den Erwartungen; ein Indiz dafür, dass die einheimische literarische «Community» sich zu wenig mobilisieren lässt, wenn ihre eigenen Leute lesen? Oder dass man den hiesigen Autorinnen und Autoren neben Gästen aus Deutschland und Österreich ebenfalls die grosse Bühne in der Hauptpost zur Verfügung stellen müsste? Küttel würde sich jedenfalls mehr Zuspruch erhoffen; vielleicht sei das mangelnde Interesse am einheimischen Schaffen «auch typisch sanktgallisch».
Was die Besucherzahlen betrifft, lasse sich St.Gallen natürlich nicht mit den Solothurner Literaturtagen vergleichen. Diese seien umfangreicher im Programm – aber auch schon vier Jahrzehnte lang am Werk, sagt Küttel. Wortlaut feiert nächstes Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. Das OK sei daran, Ideen zu sammeln.
Viel Volk gab es jedenfalls hier, beim lauten Finale am Samstagnacht: dem Gassenhauer mit Diana Dengler und Marcus Schäfer vom Theater am Tisch und Saiten, zum letzten Mal aus dem Pelikanerker auf die Schmiedgasse in St.Gallens Altstadt gehauen. (Su.)
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.