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Die Eigenlogik des Schalenmenschen

Frédéric Zwickers Debut «Hier können Sie im Kreis gehen» ist eine groteske Demenzstudie. Und ein Bucherfolg, inzwischen in dritter Auflage. Heute und morgen liest der Autor in St.Gallen und Amriswil. Die Buchbesprechung von Claire Plassard.
Von  Gastbeitrag

Johannes Kehr entscheidet sich mit 91 Jahren, ins Pflegeheim zu gehen. Es ist nicht so, dass Kehr auf Hilfe angewiesen wäre, zumindest noch nicht: Er täuscht seine Demenz vor, um selbst, quasi als letztes Stück Autonomie seines Lebens, auch über seine letzte Station zu entscheiden und gleichzeitig nur ja keinem Familienmitglied zur Last zu fallen, am allerwenigsten der geliebten Enkeltochter.

Die Marseillaise auf dem Xylophon

Was Kehr fortan im Kreis der tatsächlich dementen Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims erlebt, ist tragisch, unterhaltsam und nicht selten beides zusammen. Saitenredaktor und Buchautor Frédéric Zwicker, 1983 geboren und auch als Sänger der Band Knuts Koffer bekannt, mag manche Szene aus seinem Debutroman aus eigenen Beobachtungen zusammengetragen haben, zumal er seinen Zivildienst im Pflegeheim leistete. Der spürbare erzählerische Respekt gegenüber dem Hauptprotagonisten selbst und allen alternden Figuren, die Kehrs Weg durch die Gänge, Aufenthaltsräume und Privatzimmer des Pflegeheims kreuzen, zeugt von einer tiefen Auseinandersetzung mit der Schonungslosigkeit des Alters, wie sie wohl nur durch direkte Konfrontation mit ihr entstehen kann.

Frédéric Zwicker hat mit Hier können Sie im Kreis gehen ein Buch vorgelegt, das gut 160 Seiten in 119 kürzere und längere Sequenzen unterteilt. Sie beinhalten Lebenserinnerungen des Ich-Erzählers Kehr, die er gerne einer Fotografie seiner Enkelin Sophie oder der flanierenden Pflegeheimkatze vorträgt, aber auch etliche Momentaufnahmen sowie Gesprächsfetzen im Heim, in welchen immer wieder eine unglaubliche Situationskomik an den Tag gelegt wird.

Fréderic Zwicker: Hier können Sie im Kreis gehen. Nagel & Kimche, Zürich, 2016. Fr. 27.90.

Lesungen: Mittwoch, 29. März, 20 Uhr, Buchhandlung zur Rose St.Gallen; Donnerstag, 30. März, 19.30 Uhr, Kulturforum Amriswil als Prolog zum Literaturfestival Wortlaut.

Was für ein wunderbar groteskes Bild etwa in Sequenz 41, wenn die Tür zum Gymnastik- und Musikzimmer aufgeht und Kehr, seine Demenz vortäuschend, auf einem Xylophon die Marseillaise spielt: Da braucht Autor Zwicker auch nicht mehr, als dem Hauptprotagonisten Kehr ein «Hallihallo» in den Mund zu legen, wenn die erstaunte Pflegerin ins Zimmer eintritt, damit die Leserin des Buches in Gelächter ausbricht und im Zugabteil maximal entgeisterte Blicke erntet.

Fingerzeig auf ein gewaltvolles Drama

Szenen wie die beschriebene Sequenz 41 finden sich in Hier können Sie im Kreis gehen zuhauf, ohne dass Zwickers Buch dabei in irgendeiner erzählerischen Hinsicht an Ernst und Ernsthaftigkeit der Lage, wenn sich ein Menschenleben seinem Ende zuneigt, einbüssen würde. Im Gegenteil: Respektvoll, wenn auch schonungslos werden diejenigen Menschen um Hauptprotagonist Kehr porträtiert, die beim Essen sabbern und ihr Glas verschütten, andere, deren sexuelle Potenz auch im hohen Alter nicht nachgelassen hat, und wieder andere, ja Traurigere, die im Heim mehr oder weniger still vor sich hinvegetieren und auf den Tod warten.

Autor Frédéric Zwicker. (Bild: pd)

Zwickers facettenreicher Fingerzeig ins Pflegeheim ruft die schmerzhafte Erkenntnis aus Simone de Beauvoirs Roman Une mort très douce wach: dass ein sogenannt «sanfter Tod» oder ein «sanftes Sterben» als Euphemismus für etwas dient, das in Tat und Wahrheit ein gewaltvolles Drama ist. Bei aller Situationskomik ist Hier können Sie im Kreis gehen als Ganzes eben keine leichtlebige Lektüre. Die eindrückliche und wiederkehrende Beschreibung des «Schalenmenschen» – eine grossartige Wortschöpfung Zwickers für einen dementen Menschen – der nach eigener, für Aussenstehende unverständlicher Logik und Gesetzgebung funktioniert, lässt mich leer schlucken und evoziert während der Lektüre mehr als ein Mal Erinnerungen an einen nasskalten Berliner Abend, an dem ich nach einer Aufführung von Michael Hanekes Amour den Kinosaal mit einem Herzen, das schwerer als ein vollgesogener Schwamm war, verliess.

Die grossen Momente der Zerrüttung

Hauptprotagonist Kehr spielt sein Spiel im Pflegeheim bis zu einem einschneidenden Moment, bei dem er aufzufliegen droht; das Spiel wird dabei von Sequenzen gerahmt, in denen Kehr sein Leben retrospektiv betrachtet. Der Tod, und das ist die Erkenntnis Kehrs, war immer schon präsent: Es sind vor allem Suizide und andere Todesfälle, die sich Kehr besonders ins Gedächtnis eingebrannt haben. Aber eben auch die Liebe, die Kehr als tiefe Verbundenheit zu Enkelin Sophie bereits am Tag ihrer Geburt spürt oder schmerzhafter, in Form von brennender Leidenschaft für eine, wenn nicht die grosse Liebe des Lebens, die nie ganz werden durfte.

Was sind die Erinnerungen, die am Ende eines Lebens bleiben? Möglicherweise sind es weniger die harmonischen, von Stabilität geprägten Perioden, als punktuell jene grossen Momentaufnahmen, welche die Seele zerrütteten, im Schlimmsten wie im Schönsten. Hier können Sie im Kreis gehen bietet eine bewegende Lektüre über einen Aspekt des Lebens, mit dem wir alle, früher oder später, in irgendeiner Weise, konfrontiert werden.

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft 2016.

 

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