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«Literatur ist immer ein soziales Ereignis»

Wo sollen wir denn üben, miteinander zu reden und uns Geschichten anzuhören? Hildegard Elisabeth Keller hat eine Antwort: zum Beispiel an Festivals wie Wortlaut. Hier hält die Literaturwissenschafterin heute die Eröffnungsrede. Das Interview zum Literaturbetrieb.
Von  Peter Surber , 

Sie lehrt an Universitäten in den USA und der Schweiz über mittelalterliche Mystik und macht Filme darüber, sie debattiert über neuste Bücher am Fernsehen, und sie lobt das St.Galler Festival Wortlaut, weil es Literatur ohne Berührungsängste unter die Leute bringe. Hildegard Elisabeth Keller, St.Gallerin mit weltläufiger Biographie, hält heute abend die Eröffnungsrede am Wortlaut. In der Literatur, ob im Mittelalter oder heute, steckt für sie ein Vitalisierungsanspruch: «Der Text sagt: Ich will Fleisch werden.»

Hier das Interview mit Hildegard Elisabeth Keller – die vollständige Fassung ist im Aprilheft von Saiten zu finden.

Hildegard Elisabeth Keller. (Bilder: Susanne Schleyer)

Saiten: Sie haben unter anderem über Ihre Namens-Vorgängerin, die Mystikerin Hildegard von Bingen geforscht. In erster Linie kennt man Sie aber vom Fernsehen, als Mitglied des Literaturclubs und der Jury von Klagenfurt. Ist Mystik mit ihrer Haltung, dass «eins in allem» ist, gesellschaftlich heute noch relevant?

Hildegard Elisabeth Keller: Mehr denn je! Es ist eine gigantische Sehnsucht nach einem solchen umfassenden Weltverständnis vorhanden. Die Menschen sind ausserhalb des gesellschaftlich Vorgegebenen auf der Suche, sie hoffen auf Weite, auf Gestaltungskraft fürs eigene Leben. Daran erinnern uns die Mystiker, indem sie sagen: «Ich bin kein Opfer, ich bin verantwortlich, mit meinem Denken kreiere ich die Welt mit.» Der Mensch als Ko-Kreator der Welt: Diese Haltung hat Zündstoff für heute. Die mediendominierte Gegenwart arbeitet stark mit Polarisierungen, macht aus Menschen Opfer oder Täter. Ich sehe das als grosse Herausforderung, sich nicht manipulieren und auch nicht in Emotionen hineinmanövrieren zu lassen. Die Kultivierung der Wut, des Ressentiments, des Grolls, all das ist hoch im Kurs: «Man hat mir etwas gestohlen, ich komme zu kurz…». Es geht darum, die Mitgestaltungskraft, die wir haben, bei uns zu behalten und nicht aus der Hand zu geben.

Allerdings war dies damals nur einer kleinen Schicht zugänglich, während die meisten Leute ihre Autonomie an Gott abgegeben haben – abgeben mussten.

An die Kirche vor allem. Man muss sich bewusst sein, dass Glaubensinhalte nicht frei wählbar waren, sondern von einem gewaltigen Imperativ vorgegeben waren. Ein Meister Eckhart scheiterte am Ende mit seinem Widerstandsversuch gegen die totalitäre Macht der Kirche. Das bleibt im Kern aktuell bis heute: der Konflikt zwischen Fremd- und Selbstbestimmung, zwischen Konformität und individuellem Weg. Eckhart ist hier knallhart und sagt sinngemäss: «Was gehst du aus dir heraus und bittest Gott um etwas? Geh in dich. In dir ist alles.» Das ist seine ganze Lehre: «Mach Gott nicht zu einer Kuh, die du melken kannst.» Es ist die Lehre vom demütigen Menschen.

Demut, Insichgehen: Das tönt nicht sehr zeitgemäss.

Demut vielleicht nicht. Aber die Idee und das Geschäft mit der Innerlichkeit boomen. Es gibt zahllose Angebote, die ich nicht qualifizieren will. Wie salonfähig Spiritualität ist, sieht man auch an den Dimensionen von Gedenkaktivitäten – aktuell etwa zur Reformation oder zum Jahrestag von Niklaus von Flüe. Spiritualität im Management, Selbstcoaching, Self-Empowerment, überall da tönt diese Forderung mit: Geh in dich!

Das Ziel ist dabei aber oft ein äusserliches: die Optimierung des Menschen für die Ansprüche der Wirtschaft.

Ja, das kann man so sehen, und es steckt oft viel Ego-Orientierung drin. Selfbranding: How do I stick out? Wie werde ich noch besser wahrgenommen? Das ist dann tatsächlich weit weg von Eckharts Konzeption von Demut, von «Abgeschiedenheit». Aber die Kernbotschaft bleibt: Ich bin in die Welt gekommen mit der Lizenz, mich selber zu sein. «Sei die du bist». Da ist ein Original in mir, das ich im Lauf des Lebens hoffentlich immer mehr freilege, eine eigene Stimme, die das Leben stärkt. Darin ist eine Lebensbejahung, wie sie die Moderne ermöglicht, ein Ja zur Diversität, zur Individualität, zur phänomenalen Fülle. Die US-Schauspielerin Viola Davis hat genau dies jüngst in einer Preisrede zugespitzt auf die Kunst: «To be an artist means: to live out loud». Erhebe deine Stimme, sei die du bist, im Konzert mit allem, was lebt… Das ist eine Ichbezogenheit, die nicht egoistisch ist.

Das St.Galler Wortlaut-Festival, an dem Sie die Eröffnungsrede halten, sieht das offenbar ähnlich: Es macht Literatur laut, mit Spoken word, mit Kabarett und anderen «lautstarken» Sparten.

Weg von der Wasserglaslesung: Das finde ich wichtig, egal ob in Zürich, New York, Berlin oder St.Gallen. Leser, die schon lesen, müssen ja nicht bekehrt werden, aber solche, die noch nicht viel mit Literatur am Hut haben, kann man vielleicht verführen, durch die Präsenz eines Autors, die Stimme einer Autorin. Literatur ins Leben zu bringen: Damit das erfolgreich ist, muss man die Arme weit öffnen. Das Festival Wortlaut vertritt einen weiten Literaturbegriff. Und es ist damit nicht allein. Klagenfurt etwa ist offener geworden, «more inclusive», wie es in Amerika hiesse. Es gibt viele neue Subgenres, wenn Multitalente am Werk sind, wenn sich Tanz, Zeichnung, Film, Musik und das gesprochene Wort verbinden.

Wortlaut Festival St.Gallen: bis 2. April, diverse Orte.

Heute Freitag 31. März um 19.30 Uhr im Raum für Literatur St.Gallen spricht Hildegard Elisabeth Keller, anschliessend liest Max Küng. Saiten ist am Samstag 1. April wortlaut dabei: mit dem Gassenhauer des Theaters am Tisch um 23 Uhr in der Schmiedgasse.

Alle Infos: wortlaut.ch

Ist das Wort allein nicht stark genug? Oder nicht mehr hörbar genug?

Man muss zwischen der öffentlichen und der privaten Rezeption unterscheiden. Zum einen tritt schon Anfang des 20. Jahrhunderts in der Lyrik eine neue Bewegung auf, die Rezitationsbewegung. Ganze Abende werden von Star-Rezitatoren gestaltet, zu denen übrigens auch Franz Kafka gehört hat – lange bevor Poetry Slam aufgekommen ist. In der spanischen Welt hat das Gedicht als öffentliche Manifestation bis heute überlebt, samt Politikern, die Gedichte schreiben. Zum andern gibt es die private stille Lektüre aber nach wie vor, und da ist das Wort natürlich stark genug und offeriert Bilder für die Innenreise, die Reise in die Imagination. Ich würde das eine nicht gegen das andere ausspielen. Das private Lesen ist im übrigen gar nicht so alt, es setzte sich erst im Bürgertum des 18. Jahrhunderts durch. Literatur war stets ein soziales, ein performatives Ereignis, in der Antike ebenso wie im Mittelalter.

Literatur ist ein Begegnungsraum?

Ja, und auch ein Festanlass, schliesslich feiern wir die menschliche Kreativität. Ich freue mich immer, wenn ich mit Autorinnen und Autoren Gespräche führen kann, die Lust haben, zu erzählen, die ein Funkeln, eine Aura entfalten können vor dem Publikum. Literatur kann verzaubern.

Aber nochmal: Das Wort allein, ein guter Roman, ein gutes Gedicht wäre doch  auch genug. Braucht es die Eventisierung des Literaturbetriebs?  Muss immer noch ein Saxofon dabei sein, weil man Lyrik allein nicht mehr aushält?

Das ist tatsächlich eine Gefahr. Werden junge Autoren auf die Bühne gezerrt, nur weil sie hübsch sind? Wird Zweitrangiges aufgemotzt? Sind es Texte, die nichts wären ohne die Performance und den Apéro? Da gibt es sicher Auswüchse, aber die gab es immer. Und was literarisch nicht standhält, was nicht empfunden ist, was keine Kraft hat und nur Pose ist, das geht wieder unter. Auch darin sehe ich letztlich die Herausforderung an den einzelnen Leser, sich zu fragen: Sagt mir das etwas, oder like ich etwas bloss, weil es auf Facebook schon so viele Likes bekommen hat?

Was macht gute Literatur aus?

Sie muss mich ansprechen, vom Thema und von der Sprachgestalt her. Sorgfältige und empfundene Sprache ist das Entscheidende, und ob sie das ist, spürt man oft schon nach zwei Sätzen, ob schriftlich oder mündlich.

Gute oder schlechte Bücher: Da sind wir beim Werten, beim Rating, beim Wettlesen wie in Klagenfurt. Was halten Sie von dieser Wettbewerbs-Mentalität, von der die Literatur nicht ausgenommen ist?

Wettbewerbe sind ein Teil des Förderinstrumentariums. Es gibt sie noch immer, die stille Arbeit in Kommissionen und Jurys, die nichts an die Öffentlichkeit lassen, sich nicht exponieren und keine Diskussion ermöglichen. Der Gegensatz dazu sind die extrem öffentlichkeitswirksamen, auch grellen Formate mit grosser Medienpräsenz, Klagenfurt ist eines der traditionsreichsten Beispiele dafür. Aber: Als Autorin oder Autor entscheidet man, ob man sich bewerben und sich dem Spektakel aussetzen will. Man kann das bleiben lassen, oder man kann mitmachen. Man wählt seinen Weg.

Und wenn man nicht mitmacht?

Dann muss man schauen, wie man sein Leben finanziert. Das schafft umgekehrt auch eine Freiheit.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Stillen untergehen?

Natürlich. Vielleicht bekommen sie die Aufmerksamkeit, die ihr Tun verdienen würde, trotzdem. Oder sie hören vielleicht auf zu schreiben. Die Frage der «gesunden Auslese» und die Frage der Über-Förderung in der Kunstszene, das sind heikle Fragen. Es hat sicher etwas Gesundes, wenn Kunstschaffende Kontakt zu anderen Arbeitswelten haben – ich jedenfalls geniesse es, nicht nur in einer Welt unterwegs zu sein. Ich würde auch den Vorwurf, den man der Kulturförderung gelegentlich macht, nicht von vornherein entkräften wollen: dass Dinge gefördert werden, die noch vor wenigen Jahren nie gefördert worden wären, weil jetzt halt das Geld da ist. Ich sage das sehr vorsichtig, weil das Thema nur am Einzelfall seriös diskutiert werden kann. Aber was Rating und Wettbewerbswesen betrifft: Darüber kann ich eigentlich nur lachen. Wir sind dem in den USA ja ausgesetzt wie sonst nirgendwo.

Der Kanton St.Gallen hat gerade die Kulturausgaben bis 2020 plafoniert. In vielen Köpfen hat Kultur offensichtlich immer noch einen Freizeitstatus: nett, aber nicht nötig…

Es ist schwierig, etwas dazu zu sagen, weil Aufmerksamkeit und Wertschätzung nicht immer von finanziellen Giesskannen abhängen. Aber Kultur ist zentral für die Vitalisierung der Gesellschaft. Bloss müsste man diese Vitalisierung auch deutlicher zeigen. Da sehe ich noch viel Potential, etwa indem Autorinnen und Autoren Personen zum Erzählen animieren. Und so bis anhin stummen Stimmen zum Selbstausdruck verhelfen. Der Wert erstmals erzählten Lebens ist für mich sehr hoch. Mich interessiert weniger der abstrakte Zugriff als vielmehr die geistig-seelisch-körperliche Gesamtheit, das existentielle Nachdenken darüber, was war, was hätte sein können und was noch werden könnte.

St.Gallen, Bloomington, Zürich, Berlin: Sie kreuzen quer durch die Welt. Was zeichnet einen literarischen Ort aus? Was macht einen Ort zur Buchstadt?

Das müssten die St.Galler eigentlich selber wissen, die das Label erfunden haben. Aber vielleicht ist das Hauptproblem der St.Galler – wie überhaupt der Deutschschweizer – die zu grosse Bescheidenheit. St.Gallen ist Herkunftsort von zugegebenermassen sehr guten Würsten und einer fast abgestorbenen Textilindustrie. Und St.Gallen ist ein Kondensationspunkt einer dynamischen und tiefgründigen Reflexionskultur. Ich getraue mich, die Namen Josef Felix Müller, Vadian, Niklaus Meienberg, Konrad Hummler, Wiborada, Kurt Furgler durcheinander zu wirbeln. Was nun die Buchstadt betrifft: Literatur ist eine Ausdruckskunst; ein Ort für Literatur muss Vielstimmigkeit mögen, muss offen sein für verschiedene Diskurse, für neue Ideen, und er braucht Leute mit Tatkraft. St.Gallen hat das meiner Erfahrung nach, und zudem ist das Dreiländereck nahe. Die Vielgestaltigkeit des Kantons ist anregend, Richtung Zürich, Richtung Vorarlberg, Richtung Bodensee, Richtung Rheintal und Südalpen: Das sind gute Voraussetzungen, im Durchzug zu sein. Durchzug muss auch in den Köpfen sein, dann kann sich Gesprächs- und Geselligkeitskultur regen. Diese Kultur muss man enorm pflegen, mit Selbstbewusstsein. In den öffentlichen Verkehrsmitteln sieht man nur noch Menschen, die verplugged sind. Wo sollen wir denn üben, miteinander zu reden und uns anzuhören, was ein anderer für eine Geschichte zu erzählen hat? Dafür ist Literatur und ein Festival wie Wortlaut ganz zentral.

Hildegard Elisabeth Keller, geboren in St.Gallen und aufgewachsen in Wil und im Toggenburg, ist Germanistin und Hispanistin. Sie ist Professorin für deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700 an den Universitäten Bloomington Indiana/USA und Zürich sowie Kritikerin beim Literaturclub SRF (seit 2012) und als Jurorin beim Bachmann-Preis ORF/3SAT (seit 2009). Keller veröffentlichte zwei Bücher zur mittelalterlichen Mystik (Wort und Fleisch, 1993, My Secret Is Mine, 2000) und im Rahmen der Ausstellung Sehnsucht nach dem Absoluten im Museum Rietberg, Zürich die Trilogie des Zeitlosen (2001), drei Bücher mit Hörspielen, bei deren Produktion sie auch Regie geführt und als Sprecherin mitgewirkt hat. Darin treten acht Protagonisten, von Zhuangzi über Hildegard von Bingen und Meister Eckhart bis zu Etty Hillesum, in einen Dialog. Seit 2009 forscht Keller zu Leben und Werk der aus dem Tessin stammenden Argentinierin Alfonsina Storni (1892-1938).

hildegardkeller.ch

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Chil­len am Steinach­strand

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Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

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Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

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Lang­sam­keit als Mo­tor

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