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Aufschlag Schnyder – Aufschlag Vogt

Gleich zwei Romandebüts von Ostschweizerinnen innert weniger Wochen und ein (fast) gemeinsamer Auftritt am Wortlaut-Festival: Mit Rebecca C. Schnyder und Laura Vogt betreten zwei junge Autorinnen mit Ambitionen die Bühne. 

Von  Eva Bachmann , 

Rebecca C. Schnyder, geboren 1986 in Zürich, aufgewachsen in Wald AR, hat Germanistik und Theaterwissenschaft studiert – Laura Vogt, geboren 1989 in Speicher, hat Kulturwissenschaften und Literarisches Schreiben studiert. Beide leben als freie Autorinnen in St.Gallen.

Lassen wir sie nicht gegeneinander antreten, sondern im Doppel: Im Tennis wäre Rebecca C. Schnyder die Spielerin vorne am Netz. Sie ist die Spezialistin für die kurzen, scharfen Ballwechsel. Die Schlagfertige zeigt keine Scheu, auf die blossen Stellen zu zielen. Laura Vogt hingegen bewegt sich lieber an der Grundlinie, sie braucht etwas mehr Anlauf. Von hinten überblickt sie das Feld mitsamt dem Publikum und platziert den Ball gern nah am Aus.

In diesem Frühling haben die beiden den Aufschlag, beide präsentieren ihre ersten Romane. Und sie servieren stark. Mit Schnyder und Vogt treten zwei Neue auf den Platz, die punkten wollen und können. Jawohl, die Ostschweiz hat nicht nur Hingis und Bencic… Aber fertig Tennis. Hier geht es um Literatur.

Rebecca C. Schnyder

Rebecca C. Schnyder

In der Dunkelkammer

Alles ist besser in der Nacht ist Rebecca C. Schnyders erster Roman, als Dramatikerin ist sie allerdings schon länger in der Öffentlichkeit präsent: Schiffbruch 2014 in Herisau, Erstickte Träume 2015 im Theater St.Gallen, und für Mai 2016 ist die Uraufführung von Und wenn sie gingen des Theaters Konstanz auf dem Säntis angesagt. Die Theatererfahrung färbt vor allem in den Dialogen auf den Roman ab: Sie sind knapp und sitzen passgenau. Beim Personal und den Schauplätzen erlaubt Prosa etwas mehr Auslauf als ein Stück, Schnyder setzt trotzdem auf den Nahbereich: Sie zeichnet die enge Welt einer jungen Frau, die in sich selber gefangen ist.

«Die Sonne, das Arschloch, stand am Himmel.» Das mag Billy gar nicht. Sie ist ein Schattenwesen, das sich selber nur nachts mit Alkohol und Zigaretten erträgt, ihre Freundschaften zerstört sie mutwillig. «Scheiss», «verflucht» und «fick dich» gehören zu Billys Standardvokabular. Die Sprache ist das Aufregende an diesem Roman, im schlechten wie im guten Sinn. Man muss sie ertragen, doch die gnadenlose Zuspitzung mancher Aussagen bereitet auch Vergnügen. Schnyder entwickelt sehr konsequent ihren Tonfall, und sie hält ihn durch bis zum bitteren Ende. Als Billy sich aus Versehen in einen Theologiestudenten verliebt, scheint etwas in Gang zu kommen – doch Fehlanzeige, Alles ist besser in der Nacht ist definitiv kein Entwicklungsroman.

Laura Vogt

Der Körper ist auch politisch

Laura Vogt legt mit So einfach war es also zu gehen sozusagen ihr Gesellenstück vor, 2015 hat sie den Bachelor am Literaturinstitut in Biel abgeschlossen. Formal ist die Ich-Erzählung recht konventionell gebaut: Nach einem Prolog setzt der Roman in der Vergangenheit ein und erzählt chronologisch, wie es so weit kam. Inhaltlich aber traut sich Vogt viel zu: Der Prolog spielt nämlich am 25. Januar 2011 in Kairo. 500’000 Menschen demonstrieren auf dem Tahrir-Platz, die Revolution beginnt. Helen und ihre Schwester Naomi reisen fluchtartig zurück in die Schweiz. Ganz so einfach ist es diesmal nicht zu gehen. Sie lassen zurück: einen Lover und den Plan, den eigenen Vater, der vor Jahren einfach gegangen war, zur Rede zu stellen. Mit der Überlagerung von politischen, familiären, individuellen, gar eminent körperlichen Sehnsüchten spannt Laura Vogt einen weiten Kosmos auf.

Beeindruckend ist, wie der Roman, der als schnelle Liebesgeschichte zwischen der Schweizerin Helen und dem Ägypter Khaled in Hamburg beginnt, zunehmend an Tiefe gewinnt und sich allmählich auf immer grundsätzlichere Fragen ausweitet. Und schliesslich die Gelassenheit, all diese Fragen doch offen zu lassen. Die Perspektive von Helen erlaubt es der Autorin, Begegnungen und Erlebnisse zu schildern – und gleichzeitig das Unverständnis dessen, was da vor sich geht. Erzählt wird zuweilen sehr handfest und direkt, Emotionen werden mit Sex, Fressorgien und Erbrechen ausgelebt. Die Entspannung im Nachdenken und in poetischen kleinen Momenten beherrscht Laura Vogt allerdings auch.

Grüsse aus der Randregion

St.Gallen bietet seinen zwei Jungautorinnen am Festival Wortlaut eine Bühne. Zu hoffen ist, dass die frische Luft aus der selbsternannten kulturellen Randregion auch anderswo gewittert (und getwittert) wird: Immerhin war Rebecca C. Schnyder auf die Buchmesse Leipzig eingeladen, und Laura Vogt liest an den Solothurner Literaturtagen. Die einzigen Debütantinnen sind sie nicht, aber erste Punkte sind damit schon gewonnen.

Rebecca C.Schnyder: Alles ist besser in der Nacht, Dörlemann Verlag Zürich 2016, Fr. 27.–. Wortlaut-Lesung: 2. April, 15 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen

Laura Vogt: So einfach war es also zu gehen, Edition Literatur Ostschweiz, Verlagsgenossenschaft VGS St.Gallen 2016, Fr. 23.–. Buchvernissage: 3. April, 13 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost St.Gallen, wortlaut.ch

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.

 

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