Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Auf den Mainstream zu schielen wäre langweilig»

In zwei Wochen startet das St.Galler Literaturfestival Wortlaut zu seiner zehnten Ausgabe. Mitorganisator Richi Küttel über St.Galler Spezialitäten, Konkurrenz und die Vorlieben des Publikums.
Von  Peter Surber
Richi Küttel, 1973, hat Wortlaut mitbegründet und gehört mit Rebecca C. Schnyder, Eugen Brunner und Silja Munz zum Organisationskomitee des Festivals. (Bild: Andri Bösch)

Saiten: Wie geht es Wortlaut im zehnten Jahr?

Richi Küttel: Es kommt frisch daher, mit neuer Grafik. Und das Festival ist inzwischen weitherum bekannt, auch über St.Gallen hinaus. Wir haben Ticketreservationen aus Schaffhausen, Konstanz, Winterthur, aus dem Appenzellerland sowieso.

Das ist immer noch ein relativ kleines Einzugsgebiet. Wie steht es um die nationale Wahrnehmung?

Wortlaut spielt, wenn man es sportlich nehmen will, etwa in der Liga wie die Festivals Literaare in Thun oder das Literaturfest Luzern. Die Solothurner Literaturtage sind dagegen eine eigene Kategorie, sie sind mehrsprachig und international angelegt und seit 35 Jahren eine Institution. Noch einmal ganz anders funktioniert das Festival Leukerbad. Womit Wortlaut wahrgenommen wird und was es auszeichnet, sind die Reihen. Wir sind, wie ich glaube, zeitgenössischer und näher am Publikum als zum Beispiel Solothurn.

Zeitgenössisch inwiefern?

Mit dem Schwerpunkt auf Spoken Word, auf Comic und Graphic Novel und auf Kabarett-nahe Formen. Das sind Entwicklungen, die Solothurn etwas verpasst.

Gerade wegen diesen St.Galler Spezialitäten müsste das Publikum doch von weit her ans Wortlaut kommen.

Dem steht vermutlich entgegen, dass das Angebot riesig ist. Slams gibt es zahlreich an vielen Orten auch unter dem Jahr. Und die Schweiz ist dann doch zu gross, als dass man für einen solchen Anlass die Reise auf sich nimmt – erst noch in den Osten… Was uns bisher nicht so recht gelungen ist, ist, den Bodenseeraum besser einzubinden. Da sind die Grenzen noch erstaunlich undurchlässig.

Impressionen vom Wortlaut 2017. (Bild: Kasimir Höhener)

Eine Kooperation mit der lebendigen Literaturszene etwa in Vorarlberg war nie ein Thema?

Bisher haben wir übermögliche Kooperationen nicht diskutiert.

Wie wichtig sind klingende Namen für den Erfolg des Festivals?

Wir haben uns das natürlich überlegt, gerade jetzt im Hinblick auf das Zehn-Jahr-Jubiläum. Und wir haben uns dagegen entschieden, um jeden Preis mit prominenten Namen auftrumpfen zu wollen und dafür das Gagenbudget hochzuschrauben. Wir haben programmiert wie immer, mit dem Ziel, eine vielfältige Mischung anzubieten und das Publikum zu den unterschiedlichen Genres zu locken, vom Comic in eine Lesung, in einen Slam und so weiter. Zudem müsste man fragen,was denn ein «klingender Name» sei. «Dr. Lüdi» Andres Lutz ist für mich ein solcher Name, sein neues Programm ist grossartig, durchgeknallt…

10. Literaturfestival Wortlaut: 22. bis 25. März.
wortlaut.ch

2. Weinfelder Buchtage: 8. bis 11. März.
buchtage.ch

Peter Stamm fehlt am Wortlaut, trotz neuem Buch.

Ein Peter Stamm, ein Arno Camenisch, eine Melinda Nadja Abonji oder Eveline Hasler lesen in St.Gallen auf Einladung des Rösslitors. Das ist verständlich, eine Buchhandlung setzt auf sichere Werte.

Auch die jetzt im März zum zweiten Mal stattfindenden Buchtage Weinfelden programmieren so: Peter Stamm, Arno Camenisch, Charles Lewinsky, Linard Bardill oder Mitra Devi lesen dort.

Wenn Arno Camenisch liest, ist der Saal voll. Aber als Programmidee würde es mich langweilen, auf den Mainstream zu schielen. Bei einer Lesung von Peter Stamm sind zu 80 Prozent Leute im Publikum, die ihn kennen und schon einmal an einer Lesung von ihm waren. Wir machen bei Wortlaut wie andere Veranstalter Jahr für Jahr auch die Erfahrung, dass es nicht leicht ist, das Publikum dazu zu bringen, sich auf Stimmen und Bücher einzulassen, die es noch nicht kennt. Die Leute gehen gern auf Nummer sicher. Und die populären Autoren haben ja auch deshalb Erfolg, weil sie einfach gut sind. Ich sehe es trotzdem und gerade bei einem Festival als unsere Aufgabe an, das Publikum mit Entdeckungen zu konfrontieren, es auch mal herauszufordern. Man muss das eine nicht gegen das andere ausspielen.

Neben den Buchhandlungen bietet auch die Hauptpost-Bibliothek literarische Veranstaltungen an. Es ist viel los in der Stadt…

Das stimmt, und hinzu kommen weitere Anlässe der PH, der HSG, Lesungen im Kultbau, Buchpremieren etc. Mein Eindruck ist: Es wurde noch kaum je so viel Literatur veranstaltet in St.Gallen wie jetzt. In der Summe ist man schon fast versucht zu sagen, St.Gallen sei tatsächlich eine Buchstadt. Allerdings sind Verlage dünn gesät.

Feiert am Wortlaut 10 Buchpremiere: Lika Nüsslis Vergiss Dich Nicht.

Auch hiesige Autorinnen und Autoren kann man an einer Hand abzählen. Am Wortlaut-Festival treten sie nur auf der «kleinen» Ostschweizer Bühne auf, abgesehen von der Buchpremiere der Zeichnerin Lika Nüssli. Bei den Werkbeiträgen sind literarische Eingaben ebenfalls eher rar. Steht es schlecht um die Autorenförderung?

Es gibt eine ganze Reihe guter Stimmen in der Region; auch wenn sie über die Ostschweiz hinaus weniger wahrgenommen werden. Ich stelle jedoch auch bei der Kulturvermittlungsplattform kklick fest, dass literarische Angebote seltener sind und von den Schulen weniger nachgefragt werden als Programme aus den Bereichen Musik und Theater. Das mag daran liegen, dass bei einer Lesung vordergründig weniger «Action» ist als bei einem Theaterstück. Aber gerade das Reduzierte könnte in unserer unruhigen Zeit ja auch attraktiv sein. Vielleicht ist Literatur einfach zu diskret, und zudem haben Bücher eine langwierige Entstehungszeit. Wenn Kinder dann aber eine Autorenlesung erlebt haben, sind sie in aller Regel hell begeistert, und die Ausleihen in der Schulbibliothek schnellen in die Höhe.

Hat Literatur ein Generationenproblem?

Die Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur GdSL als Trägerin des Wortlaut Festivals ist als Verein tatsächlich in die Jahre gekommen. Es ist schwierig, jüngere Mitglieder zu finden. Lesungen sind in der Regel eine Sache für ein Publikum Ü40. Für Slams gilt das natürlich nicht, aber das sind zwei verschiedene Interessenkreise. Am Wortlaut allerdings kommen sie zusammen, da klappt der Brückenschlag zwischen den Genres und Generationen.

Was sind deine Favoriten für die Jubiläumsausgabe?

Ich bin sehr gespannt auf den Eröffnungsabend mit «Kosovë is everywhere». Und auf die Comicreihe, bei der ich jedes Jahr viel dazulerne. Beim Slam freue ich mich auf die Astronauten, in der Literatur besonders auf Jens Steiner, der ein grossartiger Leser ist, und auf die Literaturdebatte mit Dana Grigorcea und Nicol Ljubic. Und eben: Dr. Lüdi:

Dieser Text erschien im Märzheft von Saiten.

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2