Geduld, um das sanfte Messer der Hoffnung zu schärfen: Vor 20 Jahren begann der Aufstand der Zapatisten in Chiapas. An Neujahr erinnerten Kaspar Surber und Maurus Bieler im Palace an die Botschaften aus dem lakandonischen Urwald. Hier die Rede.
Damen und Herren:
Beeilt Euch! Sagt den Mazahuas Bescheid, den Amuzgos, den Coras, den Huicholes, den Yaquis, den Tarahumaras, den Mixtecos, den Zapotecos, den Mayas, den Chontales, den Seris, den Triquis, den Kumiai, den Cucapa, den Paipai, den Chimi, den Kliwa, den Tequistlatecos, den Pamen, den Chichimecos, den Otomies, den Mazatecos, den Matlazincos, den Ocuiltecos, den Popolaca, den Chochopopolaca, den Cuicatecos, den Chatinos, den Chinantecos, den Huaves, den Papagos, den Pimas, den Tepehuanos, den Guarijos, den Huastecos, den Chuj, den Jacaltecos, den Mixes, den Zoques, den Totonacos, den Kikapus, den Purepechas und den O’Odham aus Caborca!
Alle Banden sollen es wissen! Es soll den Arbeitern und landlosen Bauern zu Ohren kommen! Die vom Barzon sollen zuhören, die Hausfrauen, Siedler, Lehrer und Studenten! Die Mexikaner im Ausland sollen diese Botschaft hören! Die Bankers und Dinosaurier aus Atlacomulco sollen sie hören! In den Gängen der Aktienbörse und in den Gärten Los Pinos soll sie wiederhallen! Die Stimme soll die Mapuchen und die authentischen Farabundos erreichen. Alle Brüder und Schwestern dieser Länder sollen einen Ort in ihrem Herzen für diesen Schrei öffnen! Die Trommeln und Fernschreiber sollen erklingen! Die Satelliten sollen durchdrehen! Was? Wie lautet die Botschaft? Es gibt nur eine:
Die Zapatisten. Stop. Ergeben sich nicht! Stop. Sie leisten Widerstand. Stop und Ende.
Aus den Bergen des mexikanischen Südostens
Subcomandante Insurgente Marcos
Fragend gehen wir voran
In der Silvesternacht heute vor zwanzig Jahren haben die Zapatistinnen und Zapatisten in Chiapas ihren Aufstand begonnen. Der Silvester ist ein guter Abend für einen Aufstand, auch die Mächtigen feiern dann.
Und die Mächtigen hatten mächtig etwas zu feiern, zum Jahreswechsel 1993/1994: Die nordamerikanische Freihandelszone Nafta tritt in Kraft: Kanada, die USA und Mexiko wurden zu einem gemeinsamen, neoliberalen Markt.
Die zapatistische Befreiungsarmee EZLN nimmt in einem Überraschungscoup neun Provinzstädte in Chiapas ein.
Ihr Sprecher ist Subcomandante Marcos. Sub, weil über ihm die Bevölkerung steht. Er trägt, wie alle Zapatisten, eine Wollmütze über dem Kopf, dazu eine Pfeife im Mund. Die Patronen, die er trägt, sind zu gross für sein Gewehr.
Die Zapatistinnen und Zapatisten fordern: Arbeit, Land, Obdach, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Frieden. Die Regierung schlägt sogleich zurück und bombardiert die indianischen Gemeinden, dabei kommen Militärflugzeuge zum Einsatz, die in der Schweiz hergestellt sind. Den Zapatistinnen und Zapatisten gelingt es dennoch, über die Jahre eine basisdemokratische Verwaltung aufzubauen, die bis heute besteht.
Ein Motto lautet: Todo para todos, nada para nosotros! Alles für alle, nichts für uns! Ein anderes: Preguntando caminamos! Fragend gehen wir voran.
Die Botschaften, die der Subcomandante aus dem lakandonischen Urwald verschickt, inspirieren Bewegungen in der ganzen Welt zur Kritik an der herrschenden Wirtschaftsordnung. Zweimal lädt die EZLN zu einem intergalaktischen Treffen gegen Neoliberalismus und für Menschlichkeit, zu denen Menschen aus aller Welt nach Chiapas kommen.
Der Neoliberalismus, aus dem Urwald gesehen
In den Botschaften von Marcos taucht immer wieder ein kleiner rauchender Käfer namens Durito auf. Er ist sehr belesen und hat sich selbst die Aufgabe gestellt, seinem Soldaten, dem Sub, Gesellschaft zu leisten. Die zweite Begegnung des Subcomandante mit dem Käfer trägt den Titel: Der Neoliberalismus, aus dem lakandonischen Urwald gesehen.
Durito sagt, nachdem er vom Subcomandante Tabak bekommen hat:
«Du siehst ziemlich abgeschunden aus.»
«Das ist das Leben. Die Wahrheit ist, dass wir einen Rückzug vornehmen, denn die Regierung hat eine Offensive gegen uns gestartet …»
«Du bist abgehauen!»
Ich versuchte ihm zu erklären, was ein strategischer Rückzug ist, ein taktisches Zurückweichen, und was mir sonst noch in diesem Moment einfiel.
«Du bist abgehauen.»
Durito schlüpfte unter ein Blatt. Kurz danach kam er mit seinem kleinen Schreibtisch wieder hervor. Danach suchte er ein Stühlchen, setzte sich, holte einige Papiere heraus und schaute sie mit besorgter Miene durch.
«Aufgepasst. Du hast dasselbe Problem wie viele andere auch. Es betrifft die Wirtschafts- und Gesellschaftsdoktrin, die als Neoliberalismus bekannt ist.»
«Das hat mir gerade noch gefehlt … Vorlesungen über politische Ökonomie.»
«Psst, das ist keine x-beliebige Vorlesung! Das ist ein metatheoretisches Problem! Ihr geht davon aus, dass der Neoliberalismus eine Lehre ist. Eine Doktrin des Kapitalismus, um die Wirtschaftskrisen zu überwinden. Richtig?»
Durito liess mich nicht antworten.
«Natürlich ist das richtig! Es ist nämlich so, dass der Neoliberalismus keine Theorie ist, um die Krise zu überwinden oder zu erklären. Er ist die zu Theorie und Wirtschaftslehre gewordene Krise. Das bedeutet, der Neoliberalismus hat nicht die geringste Köharenz, weder Pläne noch historische Perspektiven. Kurz und gut, nicht als theoretische Scheisse.»
«Komisch … Diese Auslegung habe ich noch nie gehört oder gelesen.»
«Klar! Sie ist mir auch eben in diesem Augenblick eingefallen!»
«Und was hat das mit unserer Flucht, Verzeihung, mit unserem Rückzug zu tun?»
«Ah, ah! Sehr viel, mein werter Sub! Es gibt weder Pläne noch Perspektiven, nur Improvisation. Die Regierung kennt keine Beständigkeit: heute sind wir reich, morgen arm, heute will sie Frieden, morgen Krieg, an einem Tag Fasten, an einem anderen Tag Verstopfung. Verstehst du, was ich meine?»
«Fast.» – «Und folglich?»
«Wird alles auseinanderplatzen. Bumm! Wie ein zu stark aufgeblasener Luftballon. Das hat keine Zukunft. Wir werden gewinnen.»
Machts gut!
Machts gut, Brüder und Schwestern Banden. Salud und Geduld, um das sanfte Messer der Hoffnung zu schärfen.
Salud und einen Taschenrechner, um die Rechnungen zu addieren, die wir eines Tages zu begleichen haben werden.
Machts gut, und eines dieser Gläser, mit denen man das Heute und Morgen sehen kann.
Salud, und wenn die Augen glänzen, was kann es dann ausmachen, wenn die Nacht uns erstickt?
Machts gut, und vergesst nicht, dass die Blumen, wie die Hoffnungen, gepflegt werden müssen.
Salud, und denkt daran: für die Liebe ist ein Bett nichts als ein Vorwand; für den Tanz ist ein Lied nichts als eine Verzierung; und für den Kampf ist die Nationalität nichts als ein umstandbedingter Zufall.
Don Durito de La Lacandona
El Subcomandante Insurgente Marcos
Die Zitate von Subcomandante Marcos stammen aus: «Botschaften aus dem lakandonischen Urwald», Edition Nautilus, 2005.
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