«Dinge von denen wir nicht wissen, ob es sie auch gibt», «Dinge die unser Leben verändern»; «Dinge die uns verfolgen»; Dinge, hinter denen sich Gedanken, Geschichten, Vermutungen verbergen; Dinge, die dem Alltag entstammen oder so weit von ihm entfernt sind, dass sie einem Traum entsprungen scheinen – einem «Sommertagtraum» vielleicht. Dieser steht als Motto über der diesjährigen Skulpturen-Biennale im Weiertal bei Winterthur.
Nur schon der Idylle des Kunstparks Weiertal mutet in diesen heissen Sommertagen etwas Träumerisches an. Wenige Kilometer entfernt von Häuserzeilen, Strassenverkehr und Stadtrummel plätschert der Rumstaler Steinbach durch eine Streuobstwiese, umgeben von kleinen Waldstücken, Feldern, alten Gehöften. Eines davon nutzt der Kulturort Galerie Weiertal für seine alle zwei Jahre stattfindende Skulpturen-Ausstellung. Der Skulpturbegriff ist weit gefasst, genauso wie das Leitthema.
Meteoren zerstört Motor
Alex Hanimanns Textarbeit (Bild) unter dem Dach einer ehemaligen Scheune ist der passende Einstieg. Sie generiert immer neue «Dinge»-Aussagen, betont mit jedem Satz die Existenz des Dinglichen und unterwandert diese Feststellung zugleich. Ob lebensverändernd, ob nebensächlich, ob im Dunkeln, ob gut oder dumm, die Dinge sind gedacht, sie entspringen der Imagination. Die Vorstellungskraft ist angeregt, der Rundgang durch die Traumwelt des Gartens kann beginnen.
Zuvor wird auch das letzte motorisierte Fahrzeug noch demoliert, das hier die linde Luft verpesten könnte: Etienne Krähenbühl hat einen Meteor darauf hernieder saussen lassen. Wenige Schritte weiter atmen zwei Lungenflügel schwer, Container nehmen ihnen den Raum und sind ihnen zugleich Herberge – die Globalisierung ist mit Carlo Borers Arbeit im Grünen angekommen. Ein rotes Segel von Matthias Merdan bläht sich, Metallplatten von Daniel Meili und Bruno Lötscher wogen überm Gras oder rosten in Reto Bollers Arbeit langsam dahin.
Poetisch wird es mit Not Vitals silberfarbener Lotusknospe und Teres Wydlers duftendem Riesenkokon. Unweit davon: gelbgrüne Polyurethanschaum-Geschwüre von Judith Villiger – in die Süsse des Traums mischt sich immer wieder das Unheimliche, das Giftige oder, wie bei Manon, das Explizite. Die Künstlerin lässt fleischfarbene Penispilze spriessen. Darüber hin summen die Bienen und Wespen machen sich übers Fallobst her. Das Paradies gärt. Elisabeth Eberles verbotene Früchte sind vom Baum gefallen, wollen nicht berührt werden und wollen es doch, dann aber färben sie die Hände schwarz.
Zivilisationskitsch zwischen Löwenzahn und Klee
Anderswo begehren seltsame Wesen Einlass. Eine Hasenfrau etwa oder ein Waldurp. Es gibt ein Wiedersehen mit Beni Bischofs wippendem Clown, erstmals 2010 in der Kunst Halle Sankt Gallen ausgestellt. Hier unter blauem Himmel, zwischen Löwenzahn und Klee entfaltet der Zivilisationskitsch besonders intensive Wirkung.
Leisere Töne schlägt Ursula Palla an, deren Videoinstallation mit Putte im Unterolz versteckt ist und Realität und Fiktion vermischt. Auch Esther Mathis Arbeit ist leicht zu übersehen, aber findenswert. Spiegel im Weiher lassen die Wasseroberfläche zusätzlich glitzern als wären kleine Sterne ins trübe Nass gefallen. Christian Gonzenbachs skelletiertes Dromedar im Nachbarteich entfaltet da eine ganz andere, oft fotografierte Präsenz.
«Dinge, die uns gut tun», die mal mehr, mal weniger berühren. Und wenn es gar nicht klappt zwischen Werk und Publikum, wenn sie überhandnehmen, die «Dinge, die uns nerven» wäre da noch die Kunstsammelstelle von Martin Gut. Hier kann zweidimensionales oder dreidimensionales Kunstgut für die fachgerechte Entsorgung deponiert werden, nicht ohne Hinweis auf die korrekte Einwurfzeit, denn selbstverständlich darf es an Sonn- und Feiertagen nicht scheppern.
Biennale Skulpturen Symposium: Bis 13. September, Weitertal bei Winterthur. Weitere Infos: www.skulpturen-biennale.ch
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller