Immer wieder liest man von Lottomillionären, die später bei der Sozialhilfe landen. Warum ist das so?
Mathias Binswanger: Lottogewinner sind interessant für die Glücksforschung, da hier Menschen in kurzer Zeit sehr reich werden. Die Glücksforschung untersucht ja unter anderem den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück, und da stellt man bei den Lottomillionären Erstaunliches fest: Es gibt Leute, bei denen ist innert kürzester Frist alles Geld weg – das sind die, die dann manchmal bei der Sozialhilfe landen. Bei anderen findet man nach dem Tod den ganzen Lottogewinn unangetastet auf dem Bankkonto. Lottogewinner sind meistens kurzfristig glücklich, doch nach einem Jahr sind sie wieder so glücklich oder unglücklich wie vor dem Lottogewinn.
Kann man den Umkehrschluss machen und sagen: Wirtschaftliche Prosperität trägt nicht zu höherem Glücksempfinden bei?
Nein, das kann man so auch nicht sagen, die Sache ist komplexer. Die Forschung hat herausgefunden, dass das Glück bis zu einer gewissen Einkommensgrenze steigt. Ländervergleiche zeigen, dass solange das Durchschnittseinkommen in einem Land unterhalb eines Schwellenwertes von rund 20’000 Dollar pro Kopf im Jahr liegt, mehr durchschnittliches Einkommen zu mehr Lebenszufriedenheit führt. Wenn dieser Wert in einem Land erreicht ist, gibt es allerdings keinen Zusammenhang mehr zwischen Einkommen und Zufriedenheit. In der Schweiz, wo das Durchschnittseinkommen weit über 20’000 Dollar liegt, führt Wirtschaftswachstum deshalb nicht mehr dazu, dass die Menschen im Durchschnitt glücklicher oder zufriedener werden.
Jetzt gebrauchen Sie den Begriff Zufriedenheit als Synonym. Ist Glück und Zufriedenheit für die Glücksforschung das Gleiche?
Glück ist ein vielschichtiger Begriff. Glücksforscher unterscheiden im Wesentlichen zwei Arten: Das eine ist Glück – im Deutschen verwenden wir in diesem Zusammenhang eher den Begriff Zufriedenheit – in einer selbstanalytischen Betrachtung über einen längerfristigen Zeitraum. Das andere ist das emotionale Wohlbefinden, das im Tagesverlauf stark schwankt. Sie haben Hunger und essen, dann sind Sie glücklich. Nachher stehen Sie aber im Stau und sind wieder unglücklich. Die beiden Komponenten werden unterschieden, sie hängen aber auch zusammen und bedingen sich gegenseitig. Die Forschung beschäftigt sich mit beiden Komponenten.
Warum verspricht uns die Werbung dauernd Glück?
Weil die Hersteller Argumente brauchen, um ihre Waren zu verkaufen. In einem Land wie der Schweiz sind die absoluten Bedürfnisse der Bevölkerung weitgehend gesättigt, das macht es schwierig für die Anbieter, noch weiter zu wachsen. Nehmen wir als Beispiel das Auto: Bei uns kann sich fast jeder ein Auto leisten. Dieses Auto muss zwar von Zeit zu Zeit ersetzt werden, aber das ist kein Wachstumsmarkt mehr. Also macht die Werbung aus dem Auto ein Statussymbol, nach dem Motto, wer dieses tolle Auto besitzt, ist erfolgreicher als andere. Dabei werden relative Bedürfnisse angesprochen, aber relative Bedürfnisse sind nie gesättigt. Und was mit dem Auto funktioniert, funktioniert auch mit dem Glücksversprechen von Schönheitsprodukten, mit anderen Gütern.
Gibt es Tricks zum Glück?
Wohl kaum, denn längerfristig können wir uns nicht selbst übertölpeln. Was aber funktioniert: Wir können systematisch die Dinge aus unserem Leben eliminieren, die uns daran hindern, glücklich zu sein. Das gelingt aber nicht allen Menschen gleich gut, das ist auch von der Persönlichkeit abhängig. Und dann gibt es äussere Faktoren, die das Glück oder Unglück fördern, etwa die Gesundheit…
…die wir aber erst als Glück empfinden, wenn wir nicht mehr gesund sind.
Das ist so. Solange etwas selbstverständlich ist, spielt es in unserer Wahrnehmung keine grosse Rolle. Bei jungen Menschen ist Gesundheit kein typischer Glücksfaktor, weil junge Menschen normalerweise gesund sind. Im Alter aber, wo die Gesundheit nicht mehr selbstverständlich ist, wird sie zum Glücksfaktor.
Die Buddhisten sagen ja, je mehr wir das Glück festhalten wollen, umso weniger stellt es sich ein. Können Sie diese Beobachtung mit Ihrer Forschung bestätigen?
Ja, dabei geht es um die grundlegende Frage, was eine gute Lebensführung beinhaltet. Buddhisten, auch einige der klassischen Philosophen kommen zum Schluss, es gehe darum, ein Leben in einer Art Gleichmut zu !hren, wenig beeinflusst von äusseren Ereignissen. Das führt dann zu einer grundlegenden Zufriedenheit mit dem Leben, und das Pendel – Glück oder Unglück – schlägt nicht mehr so stark aus. Dann gibt es aber andere Philosophen, die der Meinung sind, man müsse die extremen Glücksmomente suchen. Nietzsche war so einer – er wurde selbst allerdings nicht besonders glücklich.
Diese grundlegende Zufriedenheit bestätigen ja auch viele alte Menschen. Sind die Alten glücklicher als die Jungen?
Viele Menschen sind glücklich, wenn sie jung sind. In der Mitte des Lebens geraten sie dann in ein Wellental, und im Alter nimmt die Zufriedenheit wieder zu. Junge Menschen haben viel Zeit, ihnen stehen noch alle Möglichkeiten offen, das zu tun, was ihnen Freude macht. Später kommen dann die äusseren Zwänge, Familie, Karriere. Es fehlen die Zeit und die Freiräume, das zu machen, was man gerne täte. Im Alter wird das wieder besser. Kommt dazu, dass sich ältere Menschen meistens auch mit den Begebenheiten und Einschränkungen des Lebens abgefunden haben und versuchen, daraus das Beste zu machen. Da sind wir dann wieder bei etwas mehr Gleichmut. Auch können wir im Alter Rückblick auf das Leben halten, welches im Nachhinein dann doch geglückt erscheint. Dazu hat die Forschung Spannendes herausgefunden: Wenn man Menschen im mittleren Alter miteinander vergleicht, spielt es für ihr subjektives Glücksempfinden keine Rolle, ob sie Kinder haben oder nicht. Wenn man die Alten untersucht, stellt man fest, dass Menschen mit Kindern nun plötzlich glücklicher sind als solche ohne.
Sie haben einmal gesagt: «Besser ein local hero als ein global looser.» Können Sie das ausführen?
Das hat wieder mit Status zu tun und kommt im englischen Ausspruch zum Ausdruck, der da sagt: Es ist besser, ein grosser Frosch im kleinen Teich zu sein als ein kleiner Frosch im grossen Teich. Als grosser Frosch hat man Renommee, Geld und Ansehen, der kleine Frosch ist ein Niemand. So gesehen wäre es schön, wir würden in einer Gesellschaft leben mit vielen kleinen Teichen. Aber im Zeichen der Globalisierung ist genau das Gegenteil der Fall, wir vergleichen uns nur noch mit den Schönsten, den Reichsten, den Erfolgreichsten. In dieser Hinsicht ist die Globalisierung unserem Glücksempfinden also nicht gerade förderlich.
Mathias Binswanger, Dr. rer. pol.,1962, ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Finance an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St.Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Einkommen und Glück. Dazu hat er im Jahr 2006 das Buch Die Tretmühlen des Glücks – Wir haben immer mehr und werden nicht glücklicher. Was können wir tun? veröffentlicht, das in der Schweiz zum Bestseller wurde.
www.mathias-binswanger.ch
Dieser Beitrag ist auch im Juli-August-Doppelheft von Saiten erschinen. Das Titelthema im Sommer: Glück.
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