Jeans, gefakte Turnschuhe, bulgarische Zigis, Ecstasy: So liest sich die Einkaufsliste des Random Darknet Shoppers, der noch bis am 11. Januar von der Kunsthalle St.Gallen aus im Darknet einkauft. Mit Bitcoin-Kapital ausgestattet hat den Shopper – ein autonom laufendes Programm – das Künstler-/Hacker-Kollektiv !Mediengruppe Bitnik. «Es ist ein Versuch, eine Landkarte des Darknets zu zeichnen», sagten die Bitnik-Gründungsmitglieder Domagoj Smoljo und Carmen Weisskopf am Dienstag im Palace.
Und so bleibt die Ausstellung nicht statisch, sondern wird laufend durch die Online eingekauften Gegenstände erweitert, sobald diese per Post von irgendwoher aus der Welt eintreffen.
Dunkle, riesige Unterwelt
Das Darknet oder Deep Web ist der verborgene Teil des Internets. Der User, der sich über Google & Co. durchs Normalo-Netz (das Surface Web) bewegt, findet den Weg in diese Unterwelt nicht. Sie übersteigt die Grösse des Surface Webs je nach Quelle um das Zehn- bis Mehrhundertfache.
Dank dieser breiten Unzugänglichkeit und Unfassbarkeit findet sich im Darknet viel Raum für Illegales, wie die Einkaufsliste des Random Darknet Shoppers zeigt. Nebst Dingen wie eben Kleidern und Partydrogen sollen sich dort auch Umschlagplätze für illegale Pornographie, Waffen – kurz: das Böse im Allgemeinen – finden.
Darunter hat der Ruf des Darknets gelitten. «Vergessen geht dabei aber, dass das Darknet auch ein Gegenentwurf zum zensurierten und überwachten Surface Web sein kann», sagt Smoljo. Der Anstoss, sich tiefer ins digitale Dunkel zu wühlen, kam für die Mediengruppe denn unter anderem von Edward Snowdens NSA-Enthüllungen. «Klar wussten wir, dass das Internet unter Beobachtung steht», sagte Weisskopf. «Doch das damals bekannt gewordene Ausmass der Überwachung hat auch uns schockiert.»
Polizeistaat in der Schublade
So ging die Diskussion im Palace schnell vom Abtauchen ins Darknet zu bekannten, doch nach wie vor drängenden Fragen zum Zustand des Surface Webs über: Soll ich überhaupt noch zu Facebook, Instagram und wie sie alle heissen? Wo landen meine Daten und Spuren, die ich Online hinterlasse?
Klar, dass auch Smoljo und Weisskopf keine abschliessenden Antworten haben – setzten sie sich zwar kritisch, doch eher experimentell mit solchen Fragen auseinander. Für eine Abkehr vom Surface Web plädieren sie jedenfalls nicht. In Zeiten, in denen das Surface Web so allgegenwärtig ist, werde zwar jeder zum Teil des Überwachungssystems. «Doch die einfache Zugänglichkeit des Surface Web ist auch eine Stärke», meint Weisskopf.
Dennoch: Als «Polizeistaat in der Schublade» bezeichnete Smoljo das massive Abgreifen von Daten im Netz. «Wer weiss schon, ob die Facebook-Datensätze nicht irgendwann beim Staat landen?» Eine mögliche Alternative zu diesem Überwachungssystem seien Open-Source-Programme, bei denen die User die Kontrolle über unerwünschte Schlupflöcher – sogenannte Backdoors – behalten. Oder eben das Darknet, das momentan aber für die meisten kaum nutzbar sei. «Es bleibt spannend, wohin sich das Darknet entwickelt», so Smoljo.
Und so blieb als letzter Ratschlag der Mediengruppe etwas, das auch Offline schon immer gut funktioniert hat: «Wenn du mit etwas nicht einverstanden bist, mach einfach nicht mit.»
Also auf zum Facebook- und WhatsApp-Suizid. Und höchste Zeit, endlich mal in die Kunsthalle zu gehen. Vielleicht sogar ohne Smartphone in der Tasche.
Die Ausstellung «The Darknet – From Memes to Onionland. An Exploration» ist noch bis 11. januar in der Kunsthalle St.Gallen zu sehen. Mehr Infos und Texte zum Thema finden sich im Darknet-Dossier.
Bilder: !Mediengruppe Bitnik
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