«Amtskarussell» hiess 2013 eine Ausstellung: Sie holte Bilder aus der Kunstsammlung des Kantons ans Tageslicht, kuratiert von Anita Zimmermann und begleitet von einem vielfältigen Vortragsprogramm. «Gretlers Panoptikum» stellte die gewaltige Foto- und Plakatsammlung des Sozialarchivs zur Diskussion, im Herbst 2013 hatte Stefan Keller zur Neubegegnung mit dem streitbaren St.Galler Autor Niklaus Meienberg eingeladen, «Bellevue GTA» (Bild oben) konfrontierte im April letzten Jahres Landschaftsansichten aus dem ehemaligen Vedutenzimmer des Kantons mit zeitgenössischen Video-Bilderwelten.
Schlau und eigenwillig: Das sind die Attribute, die auf das Programm des Kulturraums in den letzten zwei Jahren zutreffen. Initiiert und geleitet hat es Ursula Badrutt vom Amt für Kultur des Kantons. Und bis Ende 2015 geht es weiter – Anfang März mit einer Ausstellung zum Flug- und Fotopionier Walter Mittelholzer, danach mit einer Retrospektive zu den Werkbeiträgen des Kantons, schliesslich mit einer Schau über die Textilfirma Jakob Rohner.
St.Gallens Mona Lisa
Danach aber ist vorerst Ende, wie Regierungsrat und Kulturdirektor Martin Klöti auf Anfrage von Saiten bestätigt. Kanton und Katholischer Konfessionsteil planen eine Neuausrichtung: Der Raum soll künftig für Schätze aus der Klostergeschichte, aus Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv genutzt werden und so zum Schaufenster des ganzen Stiftsbezirks werden. Klöti schwebt ein «Foyer» zum Empfang der Besucherinnen und Besucher vor, ausserdem eine attraktive Präsentation ausgewählter Kunstschätze, darunter die «Mona Lisa» der St.Galler Abteigeschichte: der Klosterplan.
Scheitlin, Klöti, Wüst (von links) beim Unterzeichnen der Vereinbarung zum Schutz des Stiftsbezirks. Bild: Michael Breu
Abwegig ist diese Neuorientierung nicht: Der Ausstellungsraum liegt mitten im Stiftsbezirk, er wird zusätzlich Touristen anziehen, und das Projekt passt in die politische Landschaft: Präzis heute ist die «Exekutivvereinbarung» unterzeichnet worden, mit der der Stiftsbezirk als Unesco-Weltkulturerbe dauerhaft geschützt und gepflegt werden soll. Unterschrieben haben im Beisein der Medien die drei Hauptträger: Hans Wüst, Präsident des Katholischen Administrationsrats, Regierungsrat Martin Klöti und Stadtpräsident Thomas Scheitlin.
Aushängeschild für Unesco-Welterbe
Die seit dem 1. Januar geltende Vereinbarung löst die 2008 lancierte Charta für die Nutzung des Klosterbezirks ab und ist die bescheidenere Variante eines ursprünglich hochtrabend angedachten «Staatsvertrags». Sie soll nun mit einem Managementplan konkretisiert werden – ein Instrument, das die Unesco seit 2005 für alle Welterbe-Stätten verlangt. Pflege und Schutz gelten dabei nicht nur den Gebäuden, sondern auch dem mobilen Kulturgut – allen voran den Büchern der Stiftsbibliothek und des Stiftsarchivs.
Was mit «Schutz» genau gemeint ist und welchen Gefahren damit begegnet werden soll, blieb bei der Präsentation vage. Mit Erdbeben sei kaum zu rechnen, sagte der einschlägig vorbelastete Stadtpräsident. Ein Thema werden aber nach den Aussagen von Hans Wüst die klimatischen und konservatorischen Bedingungen für die Aufbewahrung der Bücher sein – und die Sicherheit. Das könnte je nachdem ins Geld gehen.
Der Klosterbezirk soll nach den Worten der drei Partner mit all dem nicht museal werden, sondern wie bisher genutzt werden – vielfältig, aber respektvoll. Das heisst: Festspiele ja, Beachvolleyball auf dem Klosterhof nein. Und zur Besucher-Attraktivität soll auch der neu zu konzipierende Ausstellungsraum beitragen, für dessen Planung der Kanton bereits Gelder budgetiert hat.
Ein Verlust für die Stadt
Was die Touristen freut, dürfte bei den Kulturinteressierten der Stadt hingegen Bedauern auslösen – denn was seit dem Gallusjubiläum im Kulturraum am Klosterplatz gezeigt wurde, füllte eine Lücke. Hier wurde zum einen ein Saal neu entdeckt, der zwar als Ausstellungsraum gebaut worden war (von Ernest Brantschen in den 70er-Jahren), aber bis zu seiner «Vitalisierung» durch das Amt für Kultur ein Dornröschendasein fristete.
«Gretlers Panoptikum» im Kulturraum am Klosterplatz. Bild: pd
Hier fanden Geschichts-Aufbereitungen mit st.gallischem Bezug wie «Gretlers Panoptikum» statt, die im Historischen Museum keinen Platz fanden. Hier kamen Schätze aus den Archiven ans Tageslicht wie die Reliefs oder die Vedutenbilder – und sie wurden nicht bloss ausgestellt, sondern neu zur Diskussion gestellt. Hier wurden schliesslich Debatten geführt, wie im Fall der «republikanischen Gespräche» in der Meienberg-Ausstellung, wie sie sonst in St.Gallen nicht gerade an der Tagesordnung sind.
Regierungsrat Klöti teilt die Ansicht, dass im Kulturraum ein spannendes Programm geboten worden ist. Dieses könne man aber auch an einen anderen Ort weiterführen – vielleicht an einem urbaneren Standort als ausgerechnet am Klosterplatz. Schnell dürfte ein solcher Raum allerdings nicht gefunden sein.
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