Angelpunkt der Ausstellung «Bellevue GTA 1849 – 2070» im Kulturraum am Klosterplatz bilden Landschaftsmalereien. Das Reliefzimmer im Regierungsgebäude war einst eine echte Attraktion: Zu sehen gab es ein Relief des Kantons St.Gallen, das 1855 auch an der Weltausstellung in Paris gezeigt wurde, samt Freskenzyklus mit Aussichten auf Seen und Flüsse und raus aus dem Kanton. Die Veduten wurde1920 übermalt, das Relief um 1970 zerstört.
Landschaften in sanften Farben, beschönigt, inszeniert, überhöht – Diese Wunschwelt vergangener Zeiten wird in der Rekonstruktion des in Heiden aufgewachsenen Künstlers Rolf Graf gebrochen: Auf Stellwänden sind Bruchstücke und ganze Bilder, Kopien und wiederhergestellte «Originale» des einstigen Reliefzimmers angeordnet. Formen und Farben treten hervor aus der Fläche, der Geruch des Holzgerüstes erinnert an Werkunterricht. Inszenierung und Platzierung entstand in Zusammenarbeit mit der aus Widnau stammenden Künstlerin Anastasia Katsidis.
Die Reliefstruktur wird im Nebenraum virtuell erweitert: Rolf Graf hat in Abgleichung mit der Welt im Reliefzimmer Ausschnitte von rund einem Dutzend Computerspielen ausgewählt und an die Wände projiziert. Die Welten von Limbo und Minecraft, Fez und GTA ergänzen den Blick ursprünglichen Reliefs und seinen auf die Himmelsrichtungen abgestimmten Reliefbildern von Kreuzlingen und Konstanz, dem Glarnerland und der die Bündner Herrschaft. Ein digitales Game-Relief, dessen bewegtes Geschehen durch den eigenen Schattenwurf eine irritierende Ergänzung erfährt.
Die so entstehenden parallelen Bildwelten bewegen sich zwischen Fantasie, Fiktion und Realität, zwischen Alp- und Albtraum. Ergänzt werden die bespielten Räume durch Katsidis Installation im Foyer «Gradationskurven», die sie speziell für die Ausstellung «Bellevue GTA 1849 – 2070» entwickelt hat.
Digitale Erweiterung im Radio
Der öffentliche Raum habe die Künstlerin schon immer mehr interessiert als der geschützte Kunstraum. So passt auch die Öffnung in Form der Veranstaltungsreihe «Radio Bellevue», in dessen Rahmen Kulturschaffende eingeladen wurden, die sich selber an den Grenzen ihrer Sparten und darüber hinaus bewegen.
Unter dem Titel Paesaggi Spaventosi (Furchteinflössende Landschaften) findet heute ein Abend mit Coxo Spaziale, Bologna (Stefano W. Pasquini), Transitorisches Museum zu Pfyn (Alex Meszmer & Reto Müller) und Gästen statt.
Im Vordergrund steht die Frage der Künstler: Erweitern oder verengen sich die Landschaften der Demokratie? Ist die Sehnsucht nach Schönheit stark genug, um sich heute in einem politischen Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und der Gesellschaft, die zeitgenössische künstlerische Recherche gern verunglimpft sieht, zu engagieren? Was ist Schönheit heute? Handwerkskunst oder Instagram?
Diese und andere Themen kommen zur Sprache in einer Art Live Radio Show, die dann auf italienisch übersetzt und in Episoden auf dem linken Kultursender Radio Città Fujiko in Bologna, Italien gesendet wird. Im Laufe der kommenden Woche werden weitere Veranstaltungen der Reihe «Bellevue» durchgeführt.
Weitere Veranstaltungen im Kulturraum Klosterplatz:
24. April, 19 Uhr: 1#Radio Bellevue, ein Abend mit Coxio Spaziale, Bologna (Stefano W. Pasquini), Transitorisches Museum zu Pfyn (Alex Meszmer & Reto Müller) & Guests 27. April, 12 bis 17 Uhr, Spielhaus: offenes Gamen mit Markus Roth 27. April, 17 Uhr: 2#Radio Bellevue, Josef Felix Müller erzählt, Li Tavor singt 2. Mai, 20 Uhr: 3#Radio Bellevue, Low Freq, Bit-Tuner, DJ P-Beat 3. Mai, 20 Uhr: 4#Radio Bellevue, TieMyShoe (Doom Pop), DJ Fred Hystère 8. Mai, 18 Uhr: Das Reliefzimmer – Der Kanton St.Gallen stellt sich selber dar, Vortrag von Markus Kaiser 18. Mai, 16 Uhr: Finissage mit Meteotrop (Peter Weber, Norbert Möslang, Peter Lutz, Patrick Kessler, Frank Heer, Sven Bösiger)
Weitere Infos: hier.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.