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«Zeitfenster» zum Jahr 1916

Kriminalfälle und soziale Not, Familienalltag und hohe Politik: Das St.Galler Staatsarchiv publiziert im Internet täglich ein Dokument aus dem Ersten Weltkrieg. Eine Fundgrube.
Von  Peter Surber , 
Eintrag im Stammbuch der Strafanstalt St.Jakob

Lumpensammler Johann Baptist Fischbacher ist noch einmal davongekommen: Der Hohe Regierungsrat hat zwar seine «Versorgung» in der Zwangsarbeitsanstalt Bitzi in Mosang gutgeheissen, und zwar «wegen Arbeitsscheu und Liederlichkeit» – der Vollzug soll jedoch «auf Wohlverhalten hin vorerst sistiert» bleiben, falls keine neuen Klagen gegen Fischbacher eintreffen.

Bedrückende soziale Verhältnisse

Was genau dem zu diesem Zeitpunkt 40-Jährigen zur Last gelegt wird, geht aus dem Protokoll des Beschlusses nicht hervor. Dokumentiert ist er, exakt 100 Jahre danach, auf dem Blog zeitfenster1916.ch.

Das St.Galler Staatsarchiv betreibt ihn seit Anfang Januar und stellt darauf täglich ein historisches Dokument aus dem Jahr 1916 vor. Geschichtsschreibung von unten: Die Seite liefert ausdrücklich keine Chronologie der wichtigen Tagesereignisse, sondern will Einblick geben in das Alltagsleben vor 100 Jahren und inbesondere die vielerorts bedrückenden sozialen Verhältnisse.

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Holztransport mit Pferden in Pfäfers, 1916

Ob die Unfallentschädigung für einen Pferdeknecht, die Jahresrechnung der «Verpflegungsstation» für Bedürftige in Altstätten oder das Stipendium für einen jungen Mann: Es geht in aller Regel ums (knappe) Geld. So auch im Fall eines Mannes aus Montlingen, Sohn einer kinderreichen Stickerfamilie, der wegen Rauferei vorbestraft ist und im Rausch einen Bekannten niedergeschlagen und ausgeraubt hat. Die Raubsumme: «214 Fr. 75», zwei Taschenmesser und einige Schlüssel. Die Strafe: anderthalb Jahre Zuchthaus.

Am 23. Januar 1916 kommt der Delinquent frei; über seinen Lebenslauf wissen wir deshalb Bescheid, weil der Direktor der Strafanstalt St.Jakob in St.Gallen minutiös Buch geführt hat über seine Klienten.

Protest gegen Fasnachts-Tanzverbot

Im Zeitfenster kommen aber auch die Proteste der St.Galler Wirte gegen das strenge Tanz- und Festverbot für die Fasnachtszeit zur Sprache – Anfang Januar ist der Protestbrief zu lesen, später die Reaktion der Regierung: Sie zeigt Verständnis für die dringenden Hinweise des Wirteverbands «auf die durch die Fortdauer der Kriegslage ohnehin schwer gedrückte ökonomische Situation des Wirtschaftsgewerbes und insbesondere der Saalbesitzer» – und gibt wenigstens für zwei Fasnachtstage eine Freinachtbewilligung bis längstens morgens 4 Uhr. «Maskengehen und Maskeraden aller Art» sowie «Confettiwerfen» bleiben jedoch verboten.

Aktueller tönt der Bericht aus der regierungsrätlichen «Konferenz zur Schaffung neuer Finanzquellen» am 11. Januar 1916. Der Staat ist klamm, Gründe sind zum einen der Krieg, zum andern die Zinsgarantie für die Bodensee-Toggenburg-Bahn.

Statt auf Sparpakete setzt der Kanton St.Gallen damals aber auf Mehreinnahmen: höhere Stempelabgaben, neue Grundstückgewinnsteuer, schärfere Unternehmenssteuern, Erhöhung des Salzpreises, und weil das alles nicht reiche, müsse «daher  jedenfalls für die nächsten 5 Jahre eine Mehrbelastung der Bürgerschaft, hauptsächlich auf dem Wege der direkten Steuern Bedacht genommen werden.»

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Unterricht in der Gehörlosenschule.

Die Zeitfenster-Seite ist ein alltagsgeschichtlicher Fundus ohnegleichen. Sie stützt sich auf diverse Quellen aus dem Staatsarchiv; neben behördlichen Schreiben zählen dazu auch private Familiendokumente oder die Tagebucheinträge von Emma Graf, einer 16-jährigen Schülerin der Gehörlosenschule.

Am 22. Januar etwa notiert Emma, neben Nachrichten aus dem Schulalltag, unter anderem: Die Österreicher haben die Hauptstadt von Montenegro Cetinje, eingenommen. Darauf haben die Montenegriner um Frieden gebeten. Das war klug von ihnen. Besser Frieden machen, als das Land verwüsten lassen.

Die Er­de ist nicht ge­nug

Das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len er­öff­net Mit­te No­vem­ber zum zehn­jäh­ri­gen Be­stehen sei­nes Neu­baus den Aus­stel­lungs­be­reich «Mensch und Uni­ver­sum». Zwi­schen Kli­ma­kri­se und Ster­nen­him­mel geht es um ei­ne ziem­lich gros­se Fra­ge: Wo ste­hen wir ei­gent­lich?

Von Philipp Bürkler,
Naturmuseum Mensch und Universum Niklas Thalmann

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
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Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
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Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
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Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,