Lumpensammler Johann Baptist Fischbacher ist noch einmal davongekommen: Der Hohe Regierungsrat hat zwar seine «Versorgung» in der Zwangsarbeitsanstalt Bitzi in Mosang gutgeheissen, und zwar «wegen Arbeitsscheu und Liederlichkeit» – der Vollzug soll jedoch «auf Wohlverhalten hin vorerst sistiert» bleiben, falls keine neuen Klagen gegen Fischbacher eintreffen.
Bedrückende soziale Verhältnisse
Was genau dem zu diesem Zeitpunkt 40-Jährigen zur Last gelegt wird, geht aus dem Protokoll des Beschlusses nicht hervor. Dokumentiert ist er, exakt 100 Jahre danach, auf dem Blog zeitfenster1916.ch.
Das St.Galler Staatsarchiv betreibt ihn seit Anfang Januar und stellt darauf täglich ein historisches Dokument aus dem Jahr 1916 vor. Geschichtsschreibung von unten: Die Seite liefert ausdrücklich keine Chronologie der wichtigen Tagesereignisse, sondern will Einblick geben in das Alltagsleben vor 100 Jahren und inbesondere die vielerorts bedrückenden sozialen Verhältnisse.
Holztransport mit Pferden in Pfäfers, 1916
Ob die Unfallentschädigung für einen Pferdeknecht, die Jahresrechnung der «Verpflegungsstation» für Bedürftige in Altstätten oder das Stipendium für einen jungen Mann: Es geht in aller Regel ums (knappe) Geld. So auch im Fall eines Mannes aus Montlingen, Sohn einer kinderreichen Stickerfamilie, der wegen Rauferei vorbestraft ist und im Rausch einen Bekannten niedergeschlagen und ausgeraubt hat. Die Raubsumme: «214 Fr. 75», zwei Taschenmesser und einige Schlüssel. Die Strafe: anderthalb Jahre Zuchthaus.
Am 23. Januar 1916 kommt der Delinquent frei; über seinen Lebenslauf wissen wir deshalb Bescheid, weil der Direktor der Strafanstalt St.Jakob in St.Gallen minutiös Buch geführt hat über seine Klienten.
Protest gegen Fasnachts-Tanzverbot
Im Zeitfenster kommen aber auch die Proteste der St.Galler Wirte gegen das strenge Tanz- und Festverbot für die Fasnachtszeit zur Sprache – Anfang Januar ist der Protestbrief zu lesen, später die Reaktion der Regierung: Sie zeigt Verständnis für die dringenden Hinweise des Wirteverbands «auf die durch die Fortdauer der Kriegslage ohnehin schwer gedrückte ökonomische Situation des Wirtschaftsgewerbes und insbesondere der Saalbesitzer» – und gibt wenigstens für zwei Fasnachtstage eine Freinachtbewilligung bis längstens morgens 4 Uhr. «Maskengehen und Maskeraden aller Art» sowie «Confettiwerfen» bleiben jedoch verboten.
Aktueller tönt der Bericht aus der regierungsrätlichen «Konferenz zur Schaffung neuer Finanzquellen» am 11. Januar 1916. Der Staat ist klamm, Gründe sind zum einen der Krieg, zum andern die Zinsgarantie für die Bodensee-Toggenburg-Bahn.
Statt auf Sparpakete setzt der Kanton St.Gallen damals aber auf Mehreinnahmen: höhere Stempelabgaben, neue Grundstückgewinnsteuer, schärfere Unternehmenssteuern, Erhöhung des Salzpreises, und weil das alles nicht reiche, müsse «daher jedenfalls für die nächsten 5 Jahre eine Mehrbelastung der Bürgerschaft, hauptsächlich auf dem Wege der direkten Steuern Bedacht genommen werden.»
Unterricht in der Gehörlosenschule.
Die Zeitfenster-Seite ist ein alltagsgeschichtlicher Fundus ohnegleichen. Sie stützt sich auf diverse Quellen aus dem Staatsarchiv; neben behördlichen Schreiben zählen dazu auch private Familiendokumente oder die Tagebucheinträge von Emma Graf, einer 16-jährigen Schülerin der Gehörlosenschule.
Am 22. Januar etwa notiert Emma, neben Nachrichten aus dem Schulalltag, unter anderem: Die Österreicher haben die Hauptstadt von Montenegro Cetinje, eingenommen. Darauf haben die Montenegriner um Frieden gebeten. Das war klug von ihnen. Besser Frieden machen, als das Land verwüsten lassen.
zeitfenster1916.ch
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller