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«Aber gell, find emol ä Bänd»

Marina Niedermann schreibt schöne, traurige Songs. Weil sie oft traurig ist. Dass sie diese Lieder alleine vorträgt, hat damit aber nichts zu tun.
Von  Roman Hertler , 
Marina&Guitar in ihrem Proberaum im elterlichen Hof in Wil. (Bilder: Tine Edel)

Da gab es diese Szene am lauschigen Open-Ear-Festival in Brunnadern. Marina Niedermann, die sich bescheiden Marina&Guitar nennt, spielte auf der kleinen Bretterbühne vor dem Holzverhau, der jeweils als Backstage- und Helferbereich dient. Während des gesamten Konzerts lugte Lamin Jobarteh, der gambische Kora-Spieler (King Kora), immer wieder hinter dem Vorhang hervor, um zu sehen, wem die schöne Stimme gehörte, die von unten ins Küchenfenster hallte. Gebannt lauschte er den Songs der 27-Jährigen. Ebenso wie das Grüpplein, das sich vor der Nebenbühne versammelt hatte und sich einlullen liess von der sinnlichen Melancholie. Die Ausnahme bildete jener Trunkenbold, der zwar sichtlich von Marinas Auftritt angetan war, dies aber nicht adäquat auszudrücken vermochte. Als sie einen besonders persönlichen Song etwas ausführlicher ankündigte, schrie er unverhohlen: «Sing, du Sau!»

Solche Dinge vermögen die Songwriterin nicht aus der Bahn zu werfen. Ignorieren wollte sie ihn dennoch nicht. Lächelnd fragte sie den Burschen, ob er das gerade wirklich gesagt habe und ob er es allenfalls wiederholen könne, sie habe nicht recht verstanden. Die Blicke des Publikums jetzt auf ihn gerichtet, verging dem Angesprochenen das dumpfe Grinsen schlagartig – wenn auch nur solange, wie es seine angezählte Aufmerksamkeitsspanne zuliess.

«Alleine aufzutreten, kann manchmal ziemlich einsam sein. Aber sicher nicht wegen solchen Typen. Das Problem lag hier offensichtlich bei ihm, nicht bei mir», sagt Marina, die an diesem milchigsonnigen Oktobernachmittag auf der Veranda ihres Elternhofs bei Wil sitzt, bereitwillig Auskunft gibt über ihre depressiven Phasen, die sie seit Jahren heimsuchen, und erklärt, warum sie seit über fünf Jahren alleine auf der Bühne steht, obwohl sie im Grunde nie etwas gegen Mitmusiker hatte.

Hippiezeugs und Pop statt Punk

Am Kathi, der katholischen Mädchen-Sek in Wil, wo viel Wert auf musikalische Bildung gelegt wird, lernte sie im Bandunterricht Gitarre zu spielen. Pragmatisch – keine Noten, keine Melodien, vor allem Power-Chords brauchte die Band, um die Lieder von den Beach Boys, Simon and Garfunkel oder Shania Twain zu begleiten. «Drei Akkorde und gut ist, das hat richtig Spass gemacht», sagt sie. «Jedes Jahr gabs ein Musical. Mein erstes Solo auf der Bühne spielte ich zu Ballroom Blitz von Sweet. Du hast von Rammstein gehörte auch zum Repertoire.»

Einzelunterricht nahm Marina erst in der Kanti. Vier Jahre Schwerpunktfach Musik. Das Runterleiern der Jazzstandards ödete sie rasch an. Trotzdem holte sie sich dabei das Rüstzeug, um später ihre eigenen Songs zu schreiben, die musikalisch raffinierter daherkommen als herkömmliche Singer/Songwriter-Musik. «Einfach ein paar Akkorde zu schrummeln und dazu zu singen, reicht mir nicht.»

 

Dem Kathi und insbesondere ihrem Band-Mentor, dem Bassisten Jürg «Boots» Stiefel, blieb sie immer verbunden. Boots spielte in diversen Bands (Hash Mahall, Stitch, Decadance, Voxtrott), war als Fahrer mit Polo Hofer auf einer längeren USA-Reise und stellte 1994 für Sina eine Live-Band zusammen, weshalb man die Walliserin damals auch öfters in Wil antraf. Mit Boots kommt es immer wieder zu Projekten. Meist 70er-Jahre-Abende: Hendrix, Zeppelin und Clapton («Hippiezeugs»), intoniert von graumelierten Männern und der jungen Marina. Schon kurz nach der Matura, noch bevor sie mit der Pädagogischen Hochschule begann, unterrichtete sie ihre erste Kathi-Mädchen-Band. Songs von CCR, Lady Gaga und Coldplay standen nun auf dem Programm.

Marina mit Jürg «Boots» Stiefel. (Bild: pd)

Ihren ersten eigenen Song Tight Jeans schrieb Marina für die Band The Crofters, die sie während der Kantizeit mit Kollegen gegründet hatte. In holprigem Englisch prangerte sie die Diskriminierung von Homosexuellen an. Die Buben wollten Punk, die Mädchen Pop, die Band hielt nicht lange zusammen. Später gründete Marina mit dem Brüderpaar Fabian und Rafael Espinoza, das sie der Uzwiler Band Neckless «im Guten» abluchste, das Soul-Pop-Trio Cosmic Rabbits. Musikalisch bewegten sie sich immer mehr Richtung Alternative-Rock à la Billy Talent. 2013 verbrachten die Rabbits einen Monat in Berlin, aus dem eine EP resultierte. Rafael blieb in Berlin (Yet To Find), Fabian zog es nach Lausanne, Marina zurück nach Wil. Auf Proben übers Internet hatte sie keine Lust. Die Band löste sich auf.

Heute spielt Marina fast ausschliesslich alleine, begleitet einzig von ihren Gitarren, einem Oktaver für die Basslines und dem Loopgerät, mit denen sie die Klänge ihrer Instrumente und ihrer souligen Stimme vorsichtig übereinanderschichtet und zu wunderbaren Popsongs, mal lüpfig in Dur, aber meist leise in Moll verdichtet. Aber warum alleine? Eigentlich spiele sie enorm gerne mit anderen zusammen, sagt Marina. «Aber gell, find emol ä Bänd.» Nicht, dass es keine Versuche gegeben hätte. Da gab es beispielsweise diese Funkband aus Bütschwil, die jeden Samstag gemeinsam Zmittag ass. Ein heiliges Bandritual, auf das Marina gut verzichten konnte.

Alleine entscheiden, alleine hinstehen

So sind aus einer Übergangsphase schnell fünf Jahre geworden, in denen Marina als Solokünstlerin unterwegs ist. Und das immer noch mit grosser Freude. Das Alleinspielen bringt Vorteile: Weil sie sich selber um Rhythmus und Bass kümmern muss, ist sie musikalisch gereift. Sie muss keine Daten koordinieren. Sie kann alleine entscheiden, wann und wo sie auftritt. Einmal erhielt sie eine Booking-Anfrage fürs Weihern Openair. Der damalige Veranstalter Dario Aemisegger hatte Marina in Rorschach gesehen und sofort Gefallen an ihrer Musik gefunden. Dann kam aber eine Mail, Aemisegger druckste herum, der Internetauftritt und die Klickzahlen entsprächen halt nicht ganz dem, was das Publikum erwarte. Marina nahm ihm die Bürde der Ausladung ab: Wenn ihm der Sound gefalle, der Internetauftritt aber nicht, dann habe sie eh keine Lust, dort aufzutreten.

Mehr Verständnis wurde ihr entgegengebracht, als sie auf einen Auftritt am Openair St.Gallen auf der Camp-Fire-Stage verzichtete. Als Veganerin wollte sie nicht auf der Bühne auftreten, die von «Schweizer Fleisch» gesponsert wird. «Ich mache aber niemandem einen Vorwurf, der auf der ‹Fleischbühne› spielt. Das müssen alle für sich entscheiden.» Marina muss sich niemandem beugen, wird nirgendwo hingepusht, wohin sie nicht will. Dazu kommt, dass sie ihr Brot als Heilpädagogin und Musiklehrerin verdient und nicht von ihrer Kunst leben muss.

Aber es gibt auch die Schattenseiten: Marina packt ihr Equipment alleine, fährt alleine zu den Auftritten, schlägt sich da alleine mit den Technikern herum, was meistens sehr gut klappt, aber eben nicht immer, geht alleine essen und räumt am Schluss auch alleine wieder das Feld. Wenn auf der Bühne etwas schiefläuft, ist einzig sie dafür verantwortlich. Es gibt keine Mitmusiker, die verpatzte Passagen ausbügeln könnten. Wenn ihre Stimme für einen Loop einmal bricht, dann ist der Bruch einfach da und nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Als Solokünstlerin werde sie öfters einfach als «das Mädchen, das traurige Liedlein spielt», wahrgenommen und auch entsprechend behandelt. Das erfordert manchmal eine dicke Haut. Wenn Marina das erzählt, schwingt kein Groll mit. Viel mehr kommt dann ihr Wille zum Ausdruck, sich aus eigener Kraft aus unangenehmen Situationen zu befreien.

Warmes Melancholie-Bad

Seit Jahren erlebt Marina an depressiven Episoden. Die Krankheit ist ein Stück weit auch Familiengeschichte. «Weil ich es früh erkannt habe, bin ich in der glücklichen Lage, ohne Medikamente auszukommen. Ich habe recht gut gelernt, die dunklen Phasen abzufedern», sagt sie. Das sei nicht allen vergönnt. Musik ist für Marina zwar nicht die einzige, aber eine wichtige Therapie. «Wenn ich über meine Gefühle schreiben und singen und die Gefühle irgendwie ausdrücken kann, dann befreit es mich jedes Mal ein bisschen vom Schmerz, der in mir ist.»

Klar seien die meisten Songs traurig, darauf werde sie oft angesprochen. «Dann erkläre ich den Leuten gerne, dass ich depressive Phasen habe.» Marina möchte aber keine Botschafterin sein, keine selbstinszenierte Heldin amerikanischer Prägung, die ihr Leiden dem Publikum hinrotzt, um die Gesellschaft auf etwas «aufmerksam zu machen». Dafür sei sie ein zu kleiner Fisch, findet Marina. «Klar, wenn ich auf der Sitterbühne spielen würde, würde ich mir natürlich schon überlegen, welche Botschaft ich vermittle. Aber in dem Rahmen, in dem ich auftrete, muss das nicht unbedingt sein.» Marina sucht sich ihre Kämpfe aus. Das muss sie, weil die Energie nicht unerschöpflich ist.

Oft wüssten die Menschen nicht recht, wie sie reagieren sollen, wenn sie von den Depressionen erzähle. Mit diesen umzugehen sei aber auch nicht die Aufgabe der anderen, sondern vor allem ihre eigene. Darum belasse sie es meist lieber dabei, etwas subtiler von solchen Momenten zu berichten, in denen sie einfach keine Lust hat, aufzustehen und lieber die Bettdecke über den Kopf zieht. «Manchmal kann es doch auch wunderschön sein, einfach ein bisschen in der Melancholie zu baden.»

Obacht, tiefe Klickzahlen nicht ausgeschlossen: marinaandguitar.com

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