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Auslandskorrespondenz – Ein Stück: Teheran

Die Regisseurin Tea Kolbe berichtet vom Theaterschaffen in Teheran, von Zensur und Inspiration.
Von  Gastbeitrag , 

 

Am Morgen des 11. Februar 2011 landete ich – in ein nettes schwarzes Outfit gehüllt und mein graues Kopftuch griffbereit in der Handtasche – in Teheran. Aufgeregt und mit keinem Pfennig Geld in der Tasche erwartete ich  das schlummernde Morgenland. Bei erwachender Helligkeit ging es Richtung Zentrum: vorbei am gigantischen Mausoleum für Chomeini, dem Ferdowsi-Platz und sämtlichen Highways dieser Stadt, die wie ein Spinnennetz jeden Winkel dieser Siebzehn-Millionen-Metropole durchziehen.

Am Freitag fand ein erstes Treffen statt mit allen internationalen Gästen des Iranischen Theatermarktes, welcher dieses Jahr zum zweiten Mal während des bekannten Fadjr-Theater-Festivals stattfand. Ich war eine der deutschen Theatermacherinnen – mit Abstand die Jüngste. Doch die ungewohnte Situation des Kopftuchtragens und des nicht Berührens zwischen Mann und Frau, verband uns sofort und brachte einiges an Gesprächsstoff mit sich. Auch, dass wir alle unser erstes Theaterfestival ohne Alkohol erleben würden, liess uns zu ausgiebigen non-alcoholic-Bavaria-Trinkernnnen (das angesagte unalkoholische Bier) werden.
Ausgerüstet mit VIP-Festival-Pässen konnten wir uns in den kommenden Tagen in das iranische Theaterleben stürzen. Jeden Tag fünf bis sieben Präsentationen von jungen oder gestandenen iranischen Theatercompanys, sehen ausgerüstet mit Übersetzern, DVDs und Visitenkarten. Es wurde angepriesen und gefeilscht.
Abends dann immer wieder die Entscheidung, welche der zwanzig verschiedenen Performances wir sehen wollen. Unser VIP-Pass gab uns die Sicherheit, dort irgendwie reinzukommen, denn egal vor welcher Bühne wir standen, man hatte eher das Gefühl vor einem Fussballstadion zu warten, um endlich rein gelassen zu werden. Jeder der ausländischen Festival- und Theaterleiter hätte sich solch eine Stimmung vor seinen eigenen Toren gewünscht.
Am ersten Abend schaffte ich es, trotz üblichen Verzögerungen des Vorstellungsbeginns, drei Shows zu sehen. Dieser Abend war geprägt von formalen Strukturen, Männer und Frauen auf der Bühne kamen so also gar nicht erst in die Versuchung sich aus Versehen zu berühren. Die beeindruckenste Show  war dann jedoch die der hoch anerkannte Puppet Opera. Da es Frauen verboten ist, auf der Bühne zu tanzen oder zu singen, gibt die Puppet Opera die Möglichkeit dieses künstlerische Feld anders zu zeigen, zum Teil sogar mit Puppen ohne Kopftuch. Ein Marionetten-Spektakel, das wir alle so noch nie gesehen hatten. Filmisch wrikende Kampfszenen, Bühnenbildwechsel und Schneefall. Dreissig PuppenspielerInnen waren an diesem Abend für den Zauber verantwortlich.
Die folgenden Abende zeigten mehr und mehr verschiedene Theaterformen: Körperliches, immer zwei Zentimeter vor dem anderen Geschlecht stoppendes, und Illusionen bauendes Theater mit hautfarbenen Gummi-Kopfüberzügen als Kopftuchersatz – diese Mittel entstellten Figuren oder trugen zur Komik bei. Junges, mutiges, performatives Theater mit scheinbar unverfänglichen Videoprojektionen. Bildhaftes Theater, welches ganz ohne Sprache auskam, inspiriert aus dem heutigen Teheran und der Islamischen Republik Iran.
Während einer Performance, die uns alle begeisterte, bewegten uns achtzig Jugendliche, Flüchtlinge und Schauspieler durch den Raum und eröffneten uns somit wortwörtlich immer neue Blickwinkel – persisches Theater mit übersprudelnder Energie auf der Grundlage von Brechts «Der Kaukasische Kreidekreis».
So unterschiedlich die iranischen und ausländischen Produktionen auch waren, alle mussten sie vorher durch die Zensur. So durften z. B. Wörter wie Furzkissen und Fettsack nicht gesagt werden. Doch eine einheitliche Zensurregel liess sich nicht erkennen, abgesehen von den landestypischen Verordnungen.
Am Ende kann ich nur sagen: Diese junge Theaterlandschaft mit ihren fliessenden Grenzen zwischen den Berufen Bühnenbildner, Schauspielerinnen, Regisseur, hat mich in vielerlei Hinsicht bewegt.

 

 

von Tea Kolbe

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

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Von Andi Giger,
From England with Love

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Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter