Christian, Du warst auf der Frauenfelder Almend am Sonntag nach dem Openair. Wie hat es dort ausgesehen?
Eindrücklich… Der riesige Zeltplatz war übersäht mit Abfall. Es sah aus wie nach einem Tsunami, ein einziges Trümmerfeld. Über dem Gelände kreisten Bussarde, Milane und andere Vögel, und darüber haben sich die Wolken getürmt – fast schon Weltuntergangsstimmung.
Nach dem Openair St.Gallen habt ihr zu viert Material für Flüchtlinge gesammelt, letzten Sonntag in Frauenfeld wart ihr bereits 25 Leute. Wer war alles dabei bei der Aktion?
Aus Luzern einige der autonomen Schule Mondoj und vom Verein Nihhina für interkulturelle Freundschaften, dann die jungen Eritreer für Solidarität und demokratischen Wandel Ostschweiz (EYSNS) und ein paar Bleiberecht-Aktivisten von Zunder aus St.Gallen.
Gemeinsam habt ihr über 70 Zelte und etwa 50 Schlafsäcke, Matten, Kleider und Schuhpaare gerettet, tags darauf alles gewaschen, geputzt und für den Transport nach Calais und Afrika verpackt. Das muss doch mühsam sein…
Natürlich ist es ermüdend, den ganzen Tag lang Material zu sammeln, Urin und andere Hinterlassenschaften auszuwaschen, aber die Stimmung war ausgesprochen gut. Alle waren motiviert, und es gab sogar Festival-Besucher, die uns spontan ihre Zelte und Schlafsäcke vorbeigebracht haben.
Du berichtest aber auch von Jugendlichen, die aus Spass ganze Zeltereihen kaputtet haben. Ist die Schweizer Jugend dekadent?
Grossveranstaltungen sind das Problem, glaube ich, nicht die junge Generation. Es liegt am Openair-Groove, an der lockeren Stimmung und der Anonymität – es ist so etwas wie eine Massenbewegung, in die man hineingerät, ohne es zu merken. Eine Einzelperson würde ihre Umgebung wohl nicht so vermüllen, aber sobald es alle tun, sinkt die Hemmschwelle.
Wo müssten wir deiner Meinung nach ansetzen?
Bei den Mechanismen. Unsere Kapital-Gesellschaft wird vom Konsum manipuliert, will immer grössere Grossanlässe und noch mehr Profit. Die WM in Brasilien zum Beispiel: Wie viele Tote, wie viele Unruhen gab es, und wie viel Geld hätte stattdessen für Bildung und Co. eingesetzt werden können? Klar, das sind globale Dimensionen, aber das Prinzip ist gleich: Man will an so einem verdammten Grossanlass dabei sein, am Weltgeschehen teilhaben. Manuel Stahlberger bringt es auf den Punkt: «Endlich simmer bi öppis grossem debii: das isch de Kliiiimawandel.» Dabei wäre es höchste Zeit, für kleine, unkonventionelle Projekte.
Kannst du es verstehen, dass besorgte Beobachter wie Jeroen Van Roijen die «Generation Zero» so pauschal verurteilen und die Jungen für «unsympathisch, nutzlos und ekelhaft» halten?
Wie gesagt, wir sind nicht der Ursprung des Übels. Aber wir sind definitiv in einer Wegwerfgesellschaft aufgewachsen, in einer Welt, in der man konsumieren muss, ob man will oder nicht. Und wir sind offenbar ziemlich unsensibel, was das angeht.
Heisst konkret?
In Frauenfeld haben wir zum Beispiel ganze Rollkoffer voller Kleidung gefunden – mehr als ich in die Sommerferien mitnehmen würde. Und nagelneue Zelte, nicht nur von den billigen. Das müsste uns allen doch die Augen öffnen, oder nicht?
In den Medien wart ihr ja immerhin recht präsent mit eurer Aktion.
Nur frage ich mich, wie ernst es den Medienschaffenden ist mit ihrer Berichterstattung…
Angst, dass der Müll gerade recht kommt, um das mediale Sommerloch zu stopfen?
Es wird ja schon länger über die Abfallberge nach Openairs oder anderen Grossevents berichtet, wie auch in diesem Jahr. Das Echo auf unsere Zeltrettungsaktion war zwar enorm, aber nach den Gründen fragt uns irgendwie niemand. Es scheint, als gehe es den Medien nur darum, wie schlimm das Gelände aussah und wie viel wir gesammelt haben.
Und die eigentliche Botschaft?
Natürlich wollen wir auch konkret etwas tun gegen die Sauerei, aber wir wollen damit nicht sagen: Schaut her, wir sind so reich und gut, wir schenken den Flüchtlingen unseren Abfall, weil wir uns das leisten können. An ebendieser Gönner-Mentalität wollen wir rütteln, wir wollen für Solidarität und ein offenes Europa ohne Fremdenhass einstehen – nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. Das hat nichts mit Entwicklungshilfe zu tun.
Ihr habt euch mit ehemaligen Flüchtlingen zusammengetan, was kaum erwähnt wurde. Bist du enttäuscht von den Medien?
Auf jeden Fall musste ich mein Bild revidieren: Einerseits wurde mir bewusst, dass mediale Aufmerksamkeit auch politische Macht mit sich bringen kann, andererseits musste ich einmal mehr realisieren, wie manipulativ und oberflächlich die meisten Berichte letzlich sind.
Aber ihr macht doch trotzdem weiter, oder?
Im Moment noch mit lokalen Sammelaufrufen in St.Gallen, Luzern und Bern, und gerade diesen Freitag kamen auch noch Bleiberecht-Aktivisten aus Zürich hinzu, die ebenfalls für Calais sammeln. Ausserdem wurde die Idee von der Berner Bleiberecht-Organisation Solidarité sans frontières (Sosf) aufgegriffen. Sie will am Montag Zelte retten, nach dem Gurtenfestival in Bern, und plant auch eine wemakeit-Kampagne, damit wir den Mondoj-Transport nach Calais finanzieren können. Bis Mitte August sammeln wir noch Material, danach reisen unsere Aktivisten mit Bussen und allem, was zusammengekommen ist nach Calais.
Die Hälfte des Frauenfelder «Abfalls» ist jetzt in Luzern, die andere Hälfte ist für Afrika bestimmt und derzeit in St.Gallen beim Eritreischen Verein. Am Sonntag herrschte noch Platznot, habt ihr mittlerweile ein Lager gefunden?
Nur ein provisorisches. Wir suchen immer noch nach einem geeigneten Ort, damit alles sauber verstaut werden kann, bis auch dieser Container voll ist. Danach geht es mit dem Schiff nach Ägypten und von dort aus mit Bussen weiter nach Afrika. Wer also einen Platz in der Nähe von St.Gallen hat, oder am Sonntag mit nach Bern fahren will, soll sich melden!
Christian Fischer hat das Zeltretten diesen Sommer initiiert. Der 22-jährige Kunststudent ist in der Nähe von Degersheim aufgewachsen, wohnt zurzeit in Luzern und ist Mitglied des dortigen Mondoj-Kollektivs, «einer losen Vereinigung von Menschen mit und ohne Pass».
Infos zu weiteren Zeltrettungsaktionen gibt es auf Facebook. Beim Eritreischen Verein freut man sich über alle Zelte und Kleider, einfach ein Mail schicken an zelt.retten@gmx.ch. In Luzern wird derzeit im Neubad gesammelt und in Bern in der Autonomen Schule Denkmal. Wer Solidarité sans frontières am Sonntag helfen will, die Berner Zelte am Gurtenfestival zu retten, kann sich bei diesem Doodle eintragen.
So oder so: Je weniger künftig liegen bleibt, desto geringer sind die Chancen, das solche kantonsrätlichen Anfragen dazu führen, dass Openairs noch strikter reglementiert oder sogar verbannt werden. Es braucht keine neuen Regeln, sondern einen Sinneswandel.
Bilder: Samuel Schalch
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