Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Das Schlimmste sind Gemeinplätze»

Joachim Rittmeyer tritt mit seinem 20. Programm «Bleibsel» auf. Er ist einer der klügsten und lustigsten Kabarettisten im Land. Im Interview spricht er über sein aktuelles Programm, Denkprozesse beim Publikum und Harry Hasler. Und er erklärt, was sein Publikum mit Risotto zu tun hat.
Von  Frédéric Zwicker
Verschiedene Ebenen: Joachim Rittmeyers Programme und Figuren sind eine vielschichtige Antithese zum Populismus (Bild: fz)

Saiten: Joachim Rittmeyer, wie läuft es mit dem aktuellen Programm?

Joachim Rittmeyer: Meinen Sie in einem kommerziellen Sinn oder wie ich mich damit fühle?

Zuerst wie Sie sich damit fühlen.

Immer besser. Zuerst bin ich bei Progammen ja der Autor. Dann werde ich zum Interpreten, der die Arbeit des Autors umsetzen muss. Es ist wie mit einem Haus, das man zuerst baut und das man dann bewohnen muss. Das Haus stand schon an der Premiere im April 2016. Jetzt wohne ich komfortabler darin. Langsam verstehe ich als Interpret den Autor besser (lacht).

Hat sich die Interpretation stark verändert seit der Premiere?

Nein, eigentlich ist es im Grossen und Ganzen dasselbe geblieben. Die Figuren sind noch etwas mehr gegeneinander abgehoben, ich habe Feinheiten angepasst. Die Publikumsführung funktioniert jetzt sicher besser. Für das Publikum ist es wichtig, dass es eine gewisse Struktur gibt, damit es dem ganzen Programm aufmerksam folgen kann. Wo lässt man Raum für Applaus, wo stellt man dem Publikum ein Bänklein hin, wo es sich kurz ausruhen kann, bevor es weitergeht? Das sind Fragen, die sich erst mit der Bühnenerfahrung beantworten lassen.

Und wie läuft es kommerziell?

Sehr gut. Was mich ein wenig erstaunt hat.

Wieso erstaunt?

Weil ich das Gefühl habe, die Figuren in meinem Programm haben sich verändert. Sie sind nicht mehr so deutlich abgegrenzt und erkennbar wie früher. Bei den bisherigen Programmen bin ich jeweils von der Bühne abgegangen und habe mich für die nächste Figur umgezogen. Jetzt sind es nur kleine Accessoires, welche die einzelnen Figuren sichtbar voneinander abgrenzen. Accessoires sowie Mimik, Gestik und Duktus. Die Figuren sind eher Zitate denn reale Figuren. Es ist ähnlich wie bei einem Cartoonisten, der Figuren mit einer klaren äusseren Linie umzeichnet hat und der neuerdings offener zeichnet, Figuren weniger voneinander abgrenzt. Ich dachte, das könnte weniger Anklang finden. Das ist aber erfreulicherweise nicht so. Vielleicht könnte man sagen, jetzt steht die Architektur des Hauses im Vordergrund, nicht die Möbel, welche die einzelnen Charaktere darstellen würden.

Joachim Rittmeyer, Bleibsel.

Noch bis Samstag 14. Januar täglich auf der Kellerbühne St.Gallen
kellerbuehne.ch

15. bis 18. Februar, Casinotheater, Winterthur
casinotheater.ch

Hat sich auch Ihr Publikum verändert?

Auch. Es gibt immer wieder neue Leute, die Vorstellungen besuchen. Ich habe aber auch ein Stammpublikum, das immer kommt. Sie nimmt es wunder, wie sich meine Figuren entwickeln. Was sie ja durchaus tun, da ich mich auch entwickle. Ich habe mir kürzlich alte Aufnahmen angeschaut und war erstaunt, wie anders als heute die Figuren früher waren. Tendenziell plakativer. Und jetzt schauen das Publikum und die Figuren, wie es mit ihnen weitergeht. Ich gebe meinen Protagonisten ja immer wieder neue Aufträge, bin eigentlich ihr Arbeitgeber. Ich übertrage ihnen auch immer mehr und immer neue Verantwortung. Auch Brauchle, meinem Hilflosesten. Und die erfüllt er immer mehr oder weniger (lacht).

Zu Ihrer Zufriedenheit?

Jaja, eigentlich schon, ja!

Immer mehr Populismus, Populäres, Oberflächlichkeit. Sie sagen, Ihre Figuren seien jetzt weniger plakativ. Verstehen Sie sich als Antithese zu einer bedenklichen gesellschaftlichen Entwicklung?

Es ist nicht so, dass ich das als Auftrag verstehe. Auch hier muss man vielleicht vom Einfluss des Interpreten auf das Werk des Autors reden. Ich möchte differenzierter spielen. Früher habe ich Figuren mehr ausgestanzt, wie man das aus Kabarett und Satire kennt. Teilweise waren das ganz ätzende Typen, die ihren Machtbereich voll ausnutzten. Irgendwann wollte ich sie dann nicht mehr in meinem Figurenkabinett haben. Ich finde es spannender, komplexere Figuren zu spielen. Das macht mir mehr Spass. Die Leute haben immer Freude an ganz eindeutig bösen Figuren, weil diese so weit weg sind von ihnen. Sie müssen sie nicht an sich heranlassen. Differenzierung bedeutet, dass man Figuren ernster nehmen muss.

Man muss sich als Publikum also stärker mit den Figuren auseinandersetzen?

Ja, genau. Es ist nicht so, dass ich meine Figuren ganz gezielt gegen populistische Tendenzen gestalte. Aber es fliesst doch auch einiges von mir ein. Und es würde mir einfach nicht genügen, Kasperlifiguren auf die Bühne zu bringen. Ein Harry Hasler von Giacobbo kann sehr lustig sein. Aber er hat kein Entwicklungspotential. Ich glaube, eine Mehrheit will auf der Bühne Figuren sehen, denen sie überlegen sind. Aber solche Figuren finde ich persönlich nicht sehr interessant.

Haben Sie einen gesellschaftlichen Anspruch?

Ja, sicher. In meinen Programmen kommen zwar keine Namen und keine Tagespolitik vor. Die gesellschaftliche Relevanz ergibt sich anders. Meine Figuren sind keine Winnertypen, sie sind im Gegenteil Loser. Für mich sind sie aber Gewinner, weil sie sich ihre Eigenheiten bewahrt haben, weil sie sich nicht von einer Gesellschaft haben zuschleifen lassen. Sie bleiben ihrer Skurrilität treu und verlieren sich nicht in Gemeinplätzen. Viele Menschen übernehmen Denk- und Verhaltensweisen, die man haben muss, um nicht negativ aufzufallen. Insofern plädiere ich ganz deutlich für Individualismus, kritisches Denken und Respekt auch vor Minderheiten.

Ein aufklärerischer Ansatz?

Ja, im Effekt schon. Ich will, dass die Leute hinschauen, sich Gedanken machen und Meinungen bilden. Für mich gibt es nichts Schlimmeres als Gemeinplätze. Wenn sich die Menschen aneinander angleichen, haben sie sich nichts Spannendes mehr zu sagen. Was gibt es Interessanteres als ein Individuum, das seinen eigenen Mikrokosmos anbietet? Schon Robert Walser hat, wenn ich mich richtig erinnere, von einer «Maschinerie der Gewöhnlichmachung» geredet. So etwas kann sich auch politisch auswirken. In einer Mehrheitsdemokratie verlieren jene häufig viel, die nicht zur Mehrheit gehören. Sie gehen unter, und dadurch gehen individuelle Lebensformen verloren. Im Prinzip ist jeder Einzelne eine Minderheit. Viele kommen aber gar nicht dazu, das zu zeigen.

Es gibt auch Künstler, die sich einander angleichen.

Ja, das ist wahr. Auch Künstler, die sich auf der Bühne der Fernsehunterhaltung anpassen. Dieses «Gib ihm», diese «Insta-Unterhaltung».

Bei Ihnen ist das ganz anders. Sie verzichten auf Knalleffekte. Man muss sich einlassen und konzentrieren.

Ich vergleiche das mit Risotto-Kochen. Man gibt nicht alle Flüssigkeit von Anfang an dazu. Das Reiskorn muss sich nach einem weiteren Gutsch sehnen, und nach und nach wird es gar. So funktioniert das für mich am besten.

Andere giessen aber wieder und wieder ganze Duschen über den Reis. Und viel Publikum scheint das zu schätzen.

Das stimmt. Sie schätzen es im Moment. Mein Programm braucht Arbeit. Sowohl für mich als auch für das Publikum. Es gibt Phasen mit tiefer Temperatur, in denen das Publikum recht ruhig ist. Und dann folgt eine Reihe von Wortspielen, bei denen es den Saal wieder richtig «dureputzt» und alle lachen. Die Temperatur verändert sich, es herrscht Bewegung. Ich fahre nicht immer Vollgas, es gibt Kurven, vor denen ich abbremse, um danach wieder beschleunigen zu können. Beim Publikum findet so eine innere Entwicklung statt, ein Denkprozess, der nicht ganz anstrengungslos ist. Dafür sind die Erinnerungen dann vielleicht nachhaltiger als bei einem Pointenreigen.

Sie stehen seit Jahrzehnten und mittlerweile mit dem 20. Programm auf der Bühne. Wie geht es weiter?

Das wird sich nächstens entscheiden. Falls bald noch eine ganz zündende Idee für ein neues Programm kommt, dann könnte es durchaus sein, dass ich dann noch eine Abschiedstournee mache. Die verschiedenen Veranstalter waren für mich sehr wichtig. Es wäre auch vorstellbar, dass sie Lieblingsnummern aus meinen Programmen wählen könnten, die ich dann in einem Abschiedsprogramm zusammenstellen würde. Ich habe bis jetzt noch nie eine Best-of-Aufführung gemacht. Es ging immer weiter mit Neuem. Deshalb wäre ein Rückblick schon denkbar. Irgendwann mache ich dann wohl einmal einen Schnitt. Was dann folgt ist unklar. Szenische Lesungen wären möglich. Ich habe verschiedene Ideen. Aber ich merke schon, dass das Auftreten rein körperlich langsam anstrengender wird.

Herzlichen Dank fürs Gespräch!

Das komplette Interview finden Sie in der Druckausgabe im Februar.

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von  Vera Zatti
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von  Pius Frey  und  David Gadze
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor