Das Leben geht weiter. Es wandert sogar, währenddem das Klanghaus zurzeit grad stillsteht. Versenkt sei es worden, doch daran mögen die Toggenburgerinnen und Toggenburger nicht so recht glauben. Schockstarre herrscht noch immer.
Aber das Leben geht weiter. Am Samstag wurde in Ebnat-Kappel – im «Ackerhus», auch so einer Kulturinstitution, die aus regionaler Initiative entstanden ist – der erst vor zwei Jahren geschaffene Kulturwanderpreis von Kultur Toggenburg verliehen. Preisstifter ist der Verein Kultur Toggenburg, der für die Verteilung der öffentlichen Kulturgelder im Toggenburg zuständig ist. Dem Verein geht es materiell gut, er wird mit drei Franken pro Einwohnenden des Kreises Toggenburg alimentiert, und er kann es sich leisten, einen Preis zu vergeben, der nebst Wanderstock und Körbchen für Wanderwegzehrung mit 5000 Franken dotiert ist.
Klüngelei fast ausgeschlossen
Die Regeln des Kulturwanderpreises besagen, dass der oder die nächste PreisträgerIn vom aktuellen bestimmt wird. Er oder sie darf aber nicht einen Kandidaten des eigenen Kultur-Berufsstandes wählen. Damit ist gewährleistet, dass der Preis unvorhersehbare Wanderwege einschlägt, und ausserdem ist Klüngelei fast ausgeschlossen. Tanzpädagogin Evelyn Rigotti war die erste Preisträgerin, sie bestimmte 2015 den Bildenden Künstler Peter Thum, der wiederum schlug jetzt den Musiker Philipp Kamm vor. Es ist bezeichnend, dass alle drei Ausgezeichneten bis anhin noch nicht mit bemerkenswerten Preisen überhäuft wurden. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass – mit Ausnahme von Rigotti – die geehrten Kunstschaffenden ausserhalb des Toggenburgs nicht gross in Erscheinung traten.
Das Haus meiner Eltern
Philipp Kamm gibt dies auch zu: «Ich habe es in meinem ganzen Leben noch nicht aus dem Toggenburg geschafft. Stets habe ich von meinem Wohnzimmer aus das Haus meiner Eltern gesehen.» Immerhin hat Kamm in Zürich studiert, ziemlich genau doppelt so lange als man dies normalerweise tut. Kamm gilt – mit 37 – noch immer als Student (Germanistik), mit dem verblassenden Ziel, dereinst als Deutschlehrer wirken zu wollen, vor Augen.
Wobei er, der sein Klavier-Handwerk beim grossen Wolfgang Sieber erlernt hat, nun nicht mehr ausschliesst, sich vielleicht doch einer höheren Ausbildung in Musik zu widmen. Denn zeitlebens hat der Mann nur Musik gemacht, als Pianist, als Organist, der er in der Kirchgemeinde Ebnat-Kappel ist, als Bandleader, Komponist, Arrangeur und Chorleiter. Er ist ein Anhänger des projektbezogenen Schaffens, nicht des ewigwährenden Werks, und dabei ist sein ganzes Schaffen ein einziges Werk.
Mehr singen und zusammenhocken
Seine aktuellen Projekte sind der ad-hoc-Chor Ebnat-Kappel und der «Wyberchor», die es beide mit Experimenten von Welt- über Kirchen- bis zu Populärmusik im mittleren Toggenburg zu einiger Bekanntheit gebracht haben, sowie diverse Kompositionen für ebendiese Chöre oder für seine Schwester Barbara Kamm, die Geigerin ist und Mitglied der «Brandhölzler Striichmusig».
«Ich empfinde wahre Freude beim Singen», sagt Philipp Kamm, «ich meine, wenn die Menschen mehr zusammenhocken und singen würden, liefe einiges anders ab auf dieser Welt.» Er tritt sogleich den Beweis an und bringt das Publikum im Saal des «Ackerhus» zum Singen. Ohne Federlesens, da muss man mit, da möchte man mit, denn passen wäre fast ein bisschen peinlich.
Kein Exot oder Eigenbrötler
Als Toggenburger, der sich nicht dem Hackbrett oder einem der hier beliebten Streichinstrumente zugewandt hat und der über genetische Beziehungen über kurz oder lang mit fast jedem Instrumentalisten oder jeder Sängerin im Toggenburge verwandt ist, ist Kamm in seinem Tal indes kein Exot oder gar ein Eigenbrötler. Er fügt sich nahtlos ein in die Landschaft der Klangmacherinnen und Klangmacher hinter dem Säntis und gestaltet mit seinem unablässigen Enthusiasmus die musikalische Welt dieses Tals mit. Eine Welt, eine Wahrnehmung, ein Bewusstsein, die ganz unten, nicht nur am Talboden, sondern tief im Herzen der hier lebenden Menschen beginnt und deren Empfindungen Philipp Kamm zu berühren versteht. Vielleicht dereinst dann doch noch auch im Klanghaus.
Bild: Michael Hug
Mehr zum Klanghaus heute abend im Palace St.Gallen: die Debatte.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.