Nicht Toni Brunner, sondern seine Lebenspartnerin Esther Friedli (SVP) tritt für den zweiten Wahlgang in die St.Galler Regierung an: Das ist am Mittwochmorgen bekannt geworden. Die Spar- und Millionärspartei will damit doch noch einen zweiten Sitz in der St.Galler Exekutive ergattern. In der Legislative hat sie schon am Vortag demonstriert, wie Scherbenhaufen-Politik à la SVP funktioniert – und dies erst noch gegen das eigene Brunner-Friedli-Tal: das Toggenburg.
Am Ende fehlten fünf Stimmen für das nötige qualifizierte Mehr von 61 Ja-Stimmen. 56 Ja, 43 Nein, 6 Enthaltungen, 15 Abwesende – mit diesem ultraknappen Resultat hat das Kantonsparlament am 1. März einen 19-Millionen-Kredit für das geplante Klanghaus im oberen Toggenburg abgelehnt. Und damit eine rund 20-jährige Planung zur Makulatur gemacht, ungefähr 2,5 Millionen Franken, die bisher von Kantonsseite investiert worden sind, «vernichtet», und dem Toggenburg eine einmalige Entwicklungschance verweigert.
«Schockiert»: So reagiert denn auch die IG Klanghaus Toggenburg auf ihrer Website auf den Entscheid. «Überrumpelt und persönlich brüskiert» – so sah sich Regierungsrat Martin Klöti gestern unmittelbar nach dem Nein. Und Mathias Müller, Präsident der Stiftung Klangwelt und Stadtpräsident von Lichtensteig, sieht im Nein einen Stimmungswandel, mit dem nicht zu rechnen war. Die Stimmung für das Projekt sei im Tal und darüber hinaus im Gegenteil seit längerem sehr unterstützend gewesen. «Es gab und gibt sehr viele positive Rückmeldungen, aus dem Rat und aus der Bevölkerung, aber auch von Interessenverbänden und aus dem Gewerbe.»
Die Volkspartei schaltet das Volk aus
Das jetzige Nein, namentlich von SVP-Seite, sei umso unverständlicher, als bereits eine Volksabstimmung zum Projekt vorgesehen war, sagt Müller. Man werde als erstes analysieren, wie das Resultat zustande kam, nachdem in der 1. und 2. Lesung jeweils noch eine klare Ja-Mehrheit vorhanden war. Zum einen falle der Meinungsumschwung der GLP-Fraktion auf, die zuerst für, am Ende gegen das Projekt war. Auch CVP-Politiker seien umgeschwenkt, zudem fehlten einige Parlamentarier der klanghaus-freundlichen Linken bei der Schlussabstimmung. Schliesslich irritiere auch ihn die starke Ablehnung aus dem Linthgebiet – allenfalls eine «Retourkutsche» nach dem regionalpolitisch umstrittenen Entscheid der Regierung für die Kantonsschule Wattwil, der ennet dem Ricken Unmut erregt hat.
Beim knappen Nein könnten sich also Aversionen und Zufälligkeiten kumuliert haben, die gar nicht in erster Linie ein Nein zum Klanghaus bedeuteten. Das Projekt ist für ihn auch deshalb noch nicht «gestorben». Man werde «alle Hebel in Bewegung setzen», um zu prüfen, wie das Ergebnis allenfalls «repariert» oder das Projekt auf anderen Wegen realisiert werden könnte.
Vorbild Fischereizentrum?
Ganz ausgeschlossen ist dies nicht, wie eine Saiten-Nachfrage bei Benedikt van Spyk vom Rechtsdienst des Kantons ergibt. Eine Schlussabstimmung mit ähnlich irritierendem Ausgang gab es schon einmal: jene über das neue Fischereizentrum Steinach. Die erste Vorlage scheiterte im Februar 2013 in der Schlussabstimmung an einer einzigen fehlenden Stimme. Kantonsratspräsidium und Regierung einigten sich daraufhin auf eine Neuauflage des Projekts. Es kostete jetzt noch 12,4 statt 12,8 Millionen Franken und wurde im November 2013 problemlos gutheissen.
Fazit: Geringschätzung für die politische Arbeit
Ein Rückkommen in welcher Art auch immer wäre die Quittung für ein Nein, das nicht gerade von parlamentarischer Brillanz zeugt. Erstens: Dass fast alle SVP-Kantonsräte (darunter auch Toggenburger – löbliche Ausnahmen: Christian Spoerlé und Linus Thalmann) Nein stimmen und damit ein Votum ihrer eigenen Wähler verhindern, obwohl die Partei sonst angeblich stets dem Volk das letzte Wort lassen will: Das ist so irrwitzig wie typisch.
Zweitens: Dass zahlreiche Parlamentarier aus dem Linthgebiet einem klassischen Standortförderprojekt ungerührt die rote Karte zeigen, obwohl sie selber erst unlängst mit dem Kunstzeughaus Rapperswil-Jona eine kräftige kantonal-solidarische Kulturspritze erhalten haben, ist peinlicher Regionalchauvinismus.
Und drittens: Ohne nochmalige Diskussion mit blossen Sparsätzen in der Schlussabstimmung abzuschmettern, was in der Verwaltung und im Parlament selber mit aller Sorgfalt erarbeitet und diskutiert wurde, ist ein Zeichen der Geringschätzung der politischen Arbeit, auch der eigenen. Mit all dem stellt sich die St.Galler Parlamentsmehrheit einmal mehr ein lausiges Zeugnis aus.
«Das Klanghaus bleibt ein starkes Projekt»
Immerhin: Gründe, warum das Toggenburg doch noch zu seinem Klanghaus kommen soll, gibt es auch nach diesem Nein genügend. Gerade noch war im Zusammenhang mit dem (privaten) spektakulären Neubau der Bergstation auf dem Chäserrugg von Herzog & de Meuron von «Aufbruchstimmung» und «Trendwende» im Toggenburg die Rede. In diesem Zusammenhang sieht Mathias Müller auch das Klanghaus und das Engagement von inzwischen über 1200 Mitgliedern der IG Klanghaus.
Warum also doch ein Klanghaus? «Weil es ein einmaliges Projekt ist, weil es dem Toggenburg einen starken Schub gibt, weil es der Abschluss einer langjährigen Standortstrategie ist und weil es für den Stadt-Land-Ausgleich zentral ist», sagt Müller.
Peter Roth, Musiker aus Unterwasser und der eigentliche Erfinder und Initiant der Klanghaus-Vision, ergänzt auf Anfrage: «Dieses Ergebnis in der Schlussabstimmung ist eine kleine Genugtuung für die Gegner des Klanghauses, aber ein riesengrosser Verlust für das Toggenburg.» Aber: «Das Klanghaus bleibt ein Projekt mit viel Potential – ich bin gespannt, wie und wo es sich schliesslich realisieren wird!» Man müsse nun schauen, welche Dynamik sich aus dem Parlamentsentscheid entwickle, und darauf dann reagieren. «Ich vertraue der Kraft der Idee.»
Ohne Klanghaus, vorläufig.
Das Klanghaus Toggenburg ist auf dem Weg. Bisher wurde im Hintergrund gearbeitet, jetzt gehen die Promotoren an die Öffentlichkeit und werben für das 28-Millionen-Projekt. Informationen von Michael Hug.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.