Kategorie
Autor:innen
Jahr

Scherbenhaufen-Politik

Der St.Galler Kantonsrat hat das Klanghausprojekt im Toggenburg gebodigt – zumindest vorläufig. Wie reagieren die Klanghaus-Initianten? Was sagt das Resultat über den Zustand des Parlaments? Und was hat das mit Toni Brunner zu tun?
Von  Peter Surber
So könnte sie aussehen, die Klangwelt. (Bild: pd)

Nicht Toni Brunner, sondern seine Lebenspartnerin Esther Friedli (SVP) tritt für den zweiten Wahlgang in die St.Galler Regierung an: Das ist am Mittwochmorgen bekannt geworden. Die Spar- und Millionärspartei will damit doch noch einen zweiten Sitz in der St.Galler Exekutive ergattern. In der Legislative hat sie schon am Vortag demonstriert, wie Scherbenhaufen-Politik à la SVP funktioniert – und dies erst noch gegen das eigene Brunner-Friedli-Tal: das Toggenburg.

Am Ende fehlten fünf Stimmen für das nötige qualifizierte Mehr von 61 Ja-Stimmen. 56 Ja, 43 Nein, 6 Enthaltungen, 15 Abwesende – mit diesem ultraknappen Resultat hat das Kantonsparlament am 1. März einen 19-Millionen-Kredit für das geplante Klanghaus im oberen Toggenburg abgelehnt. Und damit eine rund 20-jährige Planung zur Makulatur gemacht, ungefähr 2,5 Millionen Franken, die bisher von Kantonsseite investiert worden sind, «vernichtet», und dem Toggenburg eine einmalige Entwicklungschance verweigert.

klanghaus-see

«Schockiert»: So reagiert denn auch die IG Klanghaus Toggenburg auf ihrer Website auf den Entscheid. «Überrumpelt und persönlich brüskiert» – so sah sich Regierungsrat Martin Klöti gestern unmittelbar nach dem Nein. Und Mathias Müller, Präsident der Stiftung Klangwelt und Stadtpräsident von Lichtensteig, sieht im Nein einen Stimmungswandel, mit dem nicht zu rechnen war. Die Stimmung für das Projekt sei im Tal und darüber hinaus im Gegenteil seit längerem sehr unterstützend gewesen. «Es gab und gibt sehr viele positive Rückmeldungen, aus dem Rat und aus der Bevölkerung, aber auch von Interessenverbänden und aus dem Gewerbe.»

Die Volkspartei schaltet das Volk aus

Das jetzige Nein, namentlich von SVP-Seite, sei umso unverständlicher, als bereits eine Volksabstimmung zum Projekt vorgesehen war, sagt Müller. Man werde als erstes analysieren, wie das Resultat zustande kam, nachdem in der 1. und 2. Lesung jeweils noch eine klare Ja-Mehrheit vorhanden war. Zum einen falle der Meinungsumschwung der GLP-Fraktion auf, die zuerst für, am Ende gegen das Projekt war. Auch CVP-Politiker seien umgeschwenkt, zudem fehlten einige Parlamentarier der klanghaus-freundlichen Linken bei der Schlussabstimmung. Schliesslich irritiere auch ihn die starke Ablehnung aus dem Linthgebiet – allenfalls eine «Retourkutsche» nach dem regionalpolitisch umstrittenen Entscheid der Regierung für die Kantonsschule Wattwil, der ennet dem Ricken Unmut erregt hat.

klanghaus2

Beim knappen Nein könnten sich also Aversionen und Zufälligkeiten kumuliert haben, die gar nicht in erster Linie ein Nein zum Klanghaus bedeuteten. Das Projekt ist für ihn auch deshalb noch nicht «gestorben». Man werde «alle Hebel in Bewegung setzen», um zu prüfen, wie das Ergebnis allenfalls «repariert» oder das Projekt auf anderen Wegen realisiert werden könnte.

Vorbild Fischereizentrum?

Ganz ausgeschlossen ist dies nicht, wie eine Saiten-Nachfrage bei Benedikt van Spyk vom Rechtsdienst des Kantons ergibt. Eine Schlussabstimmung mit ähnlich irritierendem Ausgang gab es schon einmal: jene über das neue Fischereizentrum Steinach. Die erste Vorlage scheiterte im Februar 2013 in der Schlussabstimmung an einer einzigen fehlenden Stimme. Kantonsratspräsidium und Regierung einigten sich daraufhin auf eine Neuauflage des Projekts. Es kostete jetzt noch 12,4 statt 12,8 Millionen Franken und wurde im November 2013 problemlos gutheissen.

Fazit: Geringschätzung für die politische Arbeit

Ein Rückkommen in welcher Art auch immer wäre die Quittung für ein Nein, das nicht gerade von parlamentarischer Brillanz zeugt. Erstens: Dass fast alle SVP-Kantonsräte (darunter auch Toggenburger  –  löbliche Ausnahmen: Christian Spoerlé und Linus Thalmann) Nein stimmen und damit ein Votum ihrer eigenen Wähler verhindern, obwohl die Partei sonst angeblich stets dem Volk das letzte Wort lassen will: Das ist so irrwitzig wie typisch.

Zweitens: Dass zahlreiche Parlamentarier aus dem Linthgebiet einem klassischen Standortförderprojekt ungerührt die rote Karte zeigen, obwohl sie selber erst unlängst mit dem Kunstzeughaus Rapperswil-Jona eine kräftige kantonal-solidarische Kulturspritze erhalten haben, ist peinlicher Regionalchauvinismus.

Und drittens: Ohne nochmalige Diskussion mit blossen Sparsätzen in der Schlussabstimmung abzuschmettern, was in der Verwaltung und im Parlament selber mit aller Sorgfalt erarbeitet und diskutiert wurde, ist ein Zeichen der Geringschätzung der politischen Arbeit, auch der eigenen. Mit all dem stellt sich die St.Galler Parlamentsmehrheit einmal mehr ein lausiges Zeugnis aus.

«Das Klanghaus bleibt ein starkes Projekt»

Immerhin: Gründe, warum das Toggenburg doch noch zu seinem Klanghaus kommen soll, gibt es auch nach diesem Nein genügend. Gerade noch war im Zusammenhang mit dem (privaten) spektakulären Neubau der Bergstation auf dem Chäserrugg von Herzog & de Meuron von «Aufbruchstimmung» und «Trendwende» im Toggenburg die Rede. In diesem Zusammenhang sieht Mathias Müller auch das Klanghaus und das Engagement von inzwischen über 1200 Mitgliedern der IG Klanghaus.

Warum also doch ein Klanghaus? «Weil es ein einmaliges Projekt ist, weil es dem Toggenburg einen starken Schub gibt, weil es der Abschluss einer langjährigen Standortstrategie ist und weil es für den Stadt-Land-Ausgleich zentral ist», sagt Müller.

Peter Roth, Musiker aus Unterwasser und der eigentliche Erfinder und Initiant der Klanghaus-Vision, ergänzt auf Anfrage: «Dieses Ergebnis in der Schlussabstimmung ist eine kleine Genugtuung für die Gegner des Klanghauses, aber ein riesengrosser Verlust für das Toggenburg.» Aber: «Das Klanghaus bleibt ein Projekt mit viel Potential – ich bin gespannt, wie und wo es sich schliesslich realisieren wird!» Man müsse nun schauen, welche Dynamik sich aus dem Parlamentsentscheid entwickle, und darauf dann reagieren. «Ich vertraue der Kraft der Idee.»

klanghaus4

Ohne Klanghaus, vorläufig.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300