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Debattenkultur statt Depression

Zum 70. Geburtstag im vergangenen April erscheint eine anregende Würdigung des Werks der feministischen Ökonomin Mascha Madörin. Am Mittwoch wurde das Buch mit einem Podium gefeiert.
Von  Michael Felix Grieder , 
Mascha Madörin liest Ágnes Heller. Foto: Ursula Häne

Eine Frau, eine Würdigung. Klingt machbar, ist aber eine Gratwanderung, will man verhindern, dass die seit den achtziger Jahren publizierende Ökonomin Mascha Madörin nur historisiert oder auf persönliche Fragen reduziert wird. Dies ist bei der Vernissage im Buchcafé Sphères in Zürich auf hervorragende Weise umgangen worden. Es diskutierten mit ihr, eingeleitet von Bettina Dyttrich und moderiert von Stefan Howald, dem Herausgeberinnen-Duo des Buchs, die ehemalige Gewerkschaftssekretärin Annette Hug und der ehemalige Tagi-Chef Res Strehle.

Die Frau, deren Leben sich eignet, die Geschichte des linken Aktivismus der vergangenen 50 Jahren darzustellen, da sie diesen zu einem guten Teil geprägt hat, erlebt gerade vermutlich die interessanteste Zeit ihres Lebens, was die Kritik politisch-ökonomischer Mainstreamkonzepte angeht, und scheut sich nicht, ihre «äusserst konzisen Analysen» (Strehle) mit klaren Worten auszudrücken. Man hat viel von ihr gelernt, darin sind sich die Diskutierenden einig.

Vom Fehlen der Streitkultur

Madörin erzählt durchaus von ihren persönlichen Erfahrungen, findet aber jederzeit die Möglichkeit, Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Yanis Varoufakis, der frühere griechische Finanzminister, wird mehrfach positiv erwähnt. An ihm lässt sich, als Stichwortgeber oder Beispiel, praktisch aufzeigen, inwiefern Streitkultur marginalisiert wird und fehlt – was, wie man selbst folgern darf, in direktem Zusammenhang mit der Krise steht.

Und diese kann man kaum bestreiten, folgt man der Ökonomin. Sie dekonstruiert den Irrglauben, dass das alte ökonomische Regime unverändert die alternativlose Deutungshoheit über das wirtschaftliche Weltgeschehen innehabe. Zu sehr würden auch konservative Ökonomen beginnen, ein gewisses Scheitern dieses Kapitalismus einzugestehen.

Was gegenüber Krisen, die in affektiver Perspektivenlosigkeit zum Ausdruck kommen, fehlt, ist eine Diskussions- oder Streitkultur, welche die «Dysfunktionalität» von Strategien der polit-ökonomischen Gegenwart überhaupt in Frage stellt. Dysfunktional ist dann keine Übertreibung, was Howald ob dem «grossen Wort» befürchtet, wenn investiert werden muss trotz einem schlechteren Ergebnis. Das mag formelhaft klingen, würde allerdings gescheiter als äusserste Schmerzgrenze angenommen. Denn, und das kann man von der linken Denkerin lernen: Die Wirtschaft ist kein Hokuspokus, sondern eine politisch zu verstehende Materie, die letztenends auf Pragmatik und Vernunft basiert, welche zu selten angewandt werden.

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Brauchbare Analysen und Kritiken kommen jedoch selten aus der Schweiz, wie Madörin aufgrund reichhaltiger Erfahrung bemerkt. Und überhaupt: Wir sind längst nicht mehr auf dem Stand dessen, was wir wissen müssten zur Gegenwartsbewältigung. Im Falle Griechenlands müsse man schlichtweg von einer schlechten Ökonomie seitens der Trojka sprechen: Schäuble sei ein tragischer Fall vergleichbar mit Erich Honecker, der etwas verteidigt hatte, was nicht mehr verteidigt werden konnte. Man muss anders auftreten: «Zu sagen: ‹es ist ungerecht›, ist eine andere Sache, als zu sagen: ‹spinnt ihr!›».

Die Frauen packen es an…

Auch die Care-Ökonomie ist ein Thema, das allzulange kaum diskutiert wurde. Nun aber müsse man, stellt man die Finanzierungsfrage, unbedingt auch die Machtfrage stellen. Sonst bleibe die Arbeit einfach wieder an den Frauen hängen. Diese sind «erpressbar, weil sie wissen gelernt haben, dass es viele Dinge gibt, die einfach getan werden müssen, sollen Menschen leben können». Unter diesem Gesichtspunkt kritisiert sie auch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens.

Man vermisst dabei ein wenig die philosophische Ebene, denn Stichworte fallen dazu reichlich: So hätte zum Beispiel die zitierte Sowjetdissidentin Ágnes Heller mit ihrem Begriff der «Diktatur über die Bedürfnisse» Anlass geboten, das Verhältnis von Arbeit und Leben grundsätzlicher zu befragen, und den ökonomischen Primat als verblüffende Gemeinsamkeit von Vulgärmarxismus und Neoliberalismus zu dekonstruieren.

Doch lässt sie sich, und das ist das Kerngeschäft der feministischen Ökonomin, nicht weiter auf utopisches Theoretisieren ein. Stattdessen vermittelt sie in klarster Pragmatik, was so unglaublich schief läuft in der politischen Gegenwart: Kapitalismus ist ein Versprechen für eine Zukunft, jeder Kredit ist eine Investition in die Zukunft (oder sollte dazu dienen). Greift stattdessen die Perspektivenlosigkeit um sich, ist das System dysfunktional. Wir sägen am eigenen Ast. Das Politische steht also unweigerlich im Zentrum des Ökonomischen.

…und die Männer laufen Amok

Das Buch «Quer denken: Mascha Madörin» beginnt mit einem biographischen Grusswort des Soziologen Ueli Mäder und Erinnerungen der Ethnologin Barbara Müller an Madörins Anti-Apartheid-Engagement. Res Strehle definiert Mascha Madörin als Lionel Messi der FinanzplatzkritikerInnen, da sie zu den wenigen zählt, die alles kann. Dies als Einleitung zu äusserst lobenden Worten über ihre Zeit bei der AFP (Aktion Finanzplatz Schweiz) und die Erinnerung an eine Diskussionsveranstaltung in den neunziger Jahren, bei welcher die Ökonomin als eine der Ersten in der linken Szene «auf das gefährliche Amokpotential des in seinen Privilegien bedrohten Mannes» hingewiesen hat.

Autorin Annette Hug würdigt im Buch Madörins Beitrag zum Aufdecken blinder Stellen der Wirtschaftstheorie, und Woz-Redaktor Stefan Howald schliesst mit einem Portrait der Quer-Denkerin, die das Wesentliche nie aus den Augen verlor: «das soziale Glück der Menschen und die ihm entgegenstehenden Machtverhältnisse». Abgerundet wird der schöne Band mit einem längeren Interview und einer ausführlichen Bibliographie, die Madörins Studien, Zeitungsartikel und Bücher ab 1981 nachzeichnet. So ist die verdiente Würdigung eine Anregung zu kritischem Denken und nicht zuletzt: eine Geschichtslektion, deren Protagonistin mehr denn je dahin zeigt, wo es brennt.

«Quer denken: Mascha Madörin», herausgegeben von Bettina Dyttrich und Stefan Howald, Edition 8 Zürich 2016, Fr. 29.-. Erhältlich bei der Woz, beim Verlag Edition 8 und bei der Buchhandlung deines Vertrauens.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

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Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter