«Was ist mit der Welt los?»
Dorothy überflog innerlich eine ganze Reihe von Worten und Gefühlen und verstummte dann.
«Ich verstehe», sagte die Freundin.
Ein Jahr zuvor noch, als wir mit der Freundin über ihr altes Zuhause in Tibet gesprochen hatten, war da eine Distanz zwischen ihrer und unserer Lebenswelt gewesen, wir hatten Mühe gehabt, die richtigen Fragen zu finden.
Jetzt gab es zwischen ihr und Dorothy ein stilles Einverständnis.
Über mehrere Jahre hinweg hatten wir – aus der Schweiz und Hongkong, vermeintlich stabilen Weltgegenden, kommend – Menschen interviewt, die ihr Zuhause verloren hatten. Nun hatte sich Hongkong, Dorothys Zuhause, in kurzer Zeit stark verändert. Regierungskritische Menschen landeten im Gefängnis, immer mehr Bewohner:innen der Stadt entschieden sich, ihr Zuhause zu verlassen.
Während der Protestbewegungen war Dorothy zwischen den Strassen Hongkongs und Projekten in Taiwan und der Schweiz hin- und hergereist und hatte das Gefühl, einen wichtigen Teil des kollektiven Gedächtnisses ihrer Stadt verpasst zu haben. Sie wollte in ihre eigene Stadt zurückkehren, um sie und ihre Bewohner:innen in den wichtigen Momenten, die vor ihr liegen, zu begleiten. Benjamin, der Hongkong als Besucher aus der Schweiz kannte, wollte lernen zu verstehen, wie der Verlust demokratischer Rechte, die in der Schweiz oft als so selbstverständlich angesehen werden, das Zuhause von Hongkonger:innen verändert.
So entstand der Plan, ein Projekt in Hongkong zu beginnen. Wir wollten anwesend sein, um die Veränderungen dieser Stadt mit eigenen Augen zu sehen; um aufzuzeichnen, was es heisst, jetzt und hier in dieser Stadt zuhause zu sein. Eine Artist Residency im Hongkonger Museum Tai Kwun Contemporary gab uns die Gelegenheit dazu.
Doppelseite aus dem Audio-Foto-Buch 太陽下山後,可以帶我走一次你回家的路嗎 – Can you take me on your way home after sunset: Übertünchte Graffitis nach den Protesten in Hongkong
Als wir in Hongkong ankamen, war das Stadtbild geprägt vom Verstummen der Demokratiebewegung: übertünchte Graffiti, verschwundene Lennon-Walls. Viele Dinge waren plötzlich verboten: Offene Kritik an der Regierung konnte zu Konsequenzen führen; seit Beginn der Corona-Pandemie galt eine Versammlungsobergrenze von vier Personen – Protestzüge waren damit verunmöglicht. Was noch erlaubt war: das Gehen. Durch die Strassen gehen, um sich der eigenen Präsenz in dieser Stadt zu vergewissern, ihre Eigenheiten wiederzuentdecken und sich in Erinnerung zu rufen, was einen mit dieser Stadt verbindet, was einem das Gefühl von Zuhause gibt.
Der Gang, den alle täglich gehen, der gewöhnlichste und intimste, ist der Heimweg. So begannen wir Gespräche mit verschiedenen Freund:innen über ihre Erlebnisse auf dem Weg nach Hause durch die abendliche Dunkelheit. Einige erzählten von ihren Familienerinnerungen, andere von der Angst, im Dunkeln zu gehen, oder wie sie ihren Heimweg durch einen Spaziergang im Supermarkt verlängern, um im geschäftigen Alltag den eigenen Gedanken nachhängen zu können. Die Geschichten spielen in verschiedenen Stadtteilen wie Sai Kung, Ma On Shan, Tung Chung oder Sheung Shui; einige erzählten aber auch von einem Weg nach Hause, der nicht mehr da ist oder der sein Ziel verloren hat.
Dorothy Wong Ka Chung und Benjamin Ryser sind ein Künstler:innenduo aus Hongkong und der Schweiz. Ihre sozial engagierten Projekte bringen Medien- und Klangkunst in lokale Kontexte.
Beim Überlegen, wie wir die Geschichten weitergeben könnten, kam eine Erinnerung an Dorothys Kindheit hoch: Ihre Eltern liessen sie oft ein Bilderbuch aussuchen, zu welchem eine Kassette die Geschichte erzählte. So entstand die Idee, Fotobücher mit dazugehörigen Audio-Walks zu gestalten, die die Geschichten des Heimwegs erzählen. In Hongkong kann jedes Buch als eine Art Stadtführer benutzt werden, der die Leserin einlädt, den Spuren des Heimwegs einer anderen Person zu folgen und ihre eigene Stadt neu zu sehen.
Während einem unserer Interviews sagte eine Freundin: «Wenn ihr wirklich wissen wollt, wie sich mein Heimweg anfühlt, solltet ihr abends denselben Minibus nach Sai Kung nehmen und dabei dasselbe Lied hören, das ich immer gehört habe.»
Wir folgten ihrem Rat und es fühlte sich an, als reisten wir durch die Erinnerungen einer anderen Person. Der Weg begann im Feierabendverkehr an einem Minibus-Halt. Minibusse sind die schnellsten, aber auch die unberechenbarsten Verkehrsmittel in der Stadt. Es braucht Glück, sie an einer Haltestelle oder mitten auf der Strasse zu erwischen, und wer aussteigen möchte, ruft dem Fahrer den gewünschten Halt zu. Die Minibusse sind berühmt-berüchtigt für ihren rasanten Fahrstil, und während die Nacht vorbeiflitzt, mischen sich das Dröhnen des Motors und das Rumpeln der alten Sitze mit dem Radio des Fahrers:
Der Heimweg eines anderen Freundes begann an einer Strassenkreuzung. Um uns herum standen wie überall in dieser Stadt die hoch aufragenden Wohntürme. Vor uns führte eine Strasse in die Höhe; zweigeschossige Busse brachten ihre nächtlichen Fahrgäste mit aufheulenden Motoren den Hügel hinauf nach Hause. Von beiden Seiten ragten schattige Bäume in die Strasse. Vom Berg weiter oben strömte der Geruch von Wäldern und nasser Erde zu uns herab.
Unser schweigsamer Freund ging mit uns den Weg hinauf, den er seit seiner Kindheit immer gegangen war. So gaben wir später seine Geschichte wieder:
Eine andere Freundin traf uns bei einer U-Bahn-Station und lief mit uns im Eilmarsch, beinahe rennend, ihrem Zuhause entgegen. Es war ihr Reenactment einer ihrer einprägsamsten Erinnerung aus dem Protestjahr. Keine Busse fuhren mehr an jenem Abend; ihre Sorgen um Hongkongs Zukunft mischten sich mit dem Anblick von Strassenkämpfen und brennenden Geschäften und liessen nur einen Gedanken zu: so rasch wie möglich in die Sicherheit ihres Zuhauses zurückzukehren – ein beinahe dörfliches Zuhause mit einem kleinen Garten, eine ruhige Insel inmitten der Grossstadt, die, wie sie uns erklärte, in den kommenden Jahren den Überbauungsplänen der Regierung zum Opfer fallen wird.
Wir verdichteten ihre Erinnerungen in einem Hörstück, ein Ausschnitt daraus ist hier zu hören:
Der Weg nach Hause ist so gewöhnlich wie alltäglich. Wir alle in verschiedenen Welten, Städten und Erinnerungen haben einen Weg, zu dem nur wir zurückkehren können, und jeder Weg hat eine Geschichte, von der nur wir alleine wissen. Geschichten über die emotionale Bindung ans Zuhause, Familie, über Ängste und die glücklichsten Erinnerungen. Wenn wir alle diese Fragmente unserer Erinnerungen zusammensetzen, wird ein Bild davon erkennbar, vom Leben in dieser Zeit, unter dieser Geschichte und dieser Regierung.
Wieder in der Schweiz versuchen wir, diese persönlichen Geschichten zu übersetzen und für die Menschen hier erfahrbar zu machen. Es sind alltägliche Geschichten vom Heimweg in einer Stadt, wo die Selbstverständlichkeit eines stabilen Zuhauses in Frage gestellt ist.
PS: Während dieser Text geschrieben und gelesen wird, schreiten die Entwicklungen in Hongkong voran. Seit dem Ende der Proteste berichten die meisten deutschsprachigen Medien weniger regelmässig. Für Updates empfehlen wir die englischsprachige und redaktionell unabhängige News-Seite «Hong Kong Free Press»: hongkongfp.com
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Architektur Forum Ostschweiz, Davidstrasse 40, 9000 St.Gallen Dienstag bis Sonntag 14 bis 17 Uhr Vernissage: 11. November 18.30 Uhr oisland.co a-f-o.ch
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