Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der Weg nach Hause nach Sonnenuntergang in Hongkong

Aus dem Novemberheft: Flaschenpost samt Soundwalk aus Hongkong, wo das Stadtbild geprägt ist von einer verstummten Demokratie­bewegung. von Dorothy Wong Ka Chung und Benjamin Ryser
Von  Gastbeitrag

«Was ist mit der Welt los?»

Dorothy überflog innerlich eine ganze Reihe von Worten und Gefühlen und verstummte dann.

«Ich verstehe», sagte die Freundin.

Ein Jahr zuvor noch, als wir mit der Freundin über ihr altes Zuhause in Tibet gesprochen hatten, war da eine Distanz zwischen ihrer und unserer Lebenswelt gewesen, wir hatten Mühe gehabt, die richtigen Fragen zu finden.

Jetzt gab es zwischen ihr und Dorothy ein stilles Einverständnis.

Über mehrere Jahre hinweg hatten wir – aus der Schweiz und Hongkong, vermeintlich stabilen Weltgegenden, kommend – Menschen interviewt, die ihr Zuhause verloren hatten. Nun hatte sich Hongkong, Dorothys Zuhause, in kurzer Zeit stark verändert. Regierungskritische Menschen landeten im Gefängnis, immer mehr Bewohner:innen der Stadt entschieden sich, ihr Zuhause zu verlassen.

Während der Protestbewegungen war Dorothy zwischen den Strassen Hongkongs und Projekten in Taiwan und der Schweiz hin- und hergereist und hatte das Gefühl, einen wichtigen Teil des kollektiven Gedächtnisses ihrer Stadt verpasst zu haben. Sie wollte in ihre eigene Stadt zurückkehren, um sie und ihre Bewohner:innen in den wichtigen Momenten, die vor ihr liegen, zu begleiten. Benjamin, der Hongkong als Besucher aus der Schweiz kannte, wollte lernen zu verstehen, wie der Verlust demokratischer Rechte, die in der Schweiz oft als so selbstverständlich angesehen werden, das Zuhause von Hongkonger:innen verändert.

So entstand der Plan, ein Projekt in Hongkong zu beginnen. Wir wollten anwesend sein, um die Veränderungen dieser Stadt mit eigenen Augen zu sehen; um aufzuzeichnen, was es heisst, jetzt und hier in dieser Stadt zuhause zu sein. Eine Artist Residency im Hongkonger Museum Tai Kwun Contemporary gab uns die Gelegenheit dazu.

Doppelseite aus dem Audio-Foto-Buch 太陽下山後,可以帶我走一次你回家的路嗎 – Can you take me on your way home after sunset: Übertünchte Graffitis nach den Protesten in Hongkong

Als wir in Hongkong ankamen, war das Stadtbild geprägt vom Verstummen der Demokratiebewegung: übertünchte Graffiti, verschwundene Lennon-Walls. Viele Dinge waren plötzlich verboten: Offene Kritik an der Regierung konnte zu Konsequenzen führen; seit Beginn der Corona-Pandemie galt eine Versammlungsobergrenze von vier Personen – Protestzüge waren damit verunmöglicht. Was noch erlaubt war: das Gehen. Durch die Strassen gehen, um sich der eigenen Präsenz in dieser Stadt zu vergewissern, ihre Eigenheiten wiederzuentdecken und sich in Erinnerung zu rufen, was einen mit dieser Stadt verbindet, was einem das Gefühl von Zuhause gibt.

Der Gang, den alle täglich gehen, der gewöhnlichste und intimste, ist der Heimweg. So begannen wir Gespräche mit verschiedenen Freund:innen über ihre Erlebnisse auf dem Weg nach Hause durch die abendliche Dunkelheit. Einige erzählten von ihren Familienerinnerungen, andere von der Angst, im Dunkeln zu gehen, oder wie sie ihren Heimweg durch einen Spaziergang im Supermarkt verlängern, um im geschäftigen Alltag den eigenen Gedanken nachhängen zu können. Die Geschichten spielen in verschiedenen Stadtteilen wie Sai Kung, Ma On Shan, Tung Chung oder Sheung Shui; einige erzählten aber auch von einem Weg nach Hause, der nicht mehr da ist oder der sein Ziel verloren hat.

Dorothy Wong Ka Chung und Benjamin Ryser sind ein Künstler:innenduo aus Hongkong und der Schweiz. Ihre sozial engagierten Projekte bringen Medien- und Klangkunst in lokale Kontexte.

Beim Überlegen, wie wir die Geschichten weitergeben könnten, kam eine Erinnerung an Dorothys Kindheit hoch: Ihre Eltern liessen sie oft ein Bilderbuch aussuchen, zu welchem eine Kassette die Geschichte erzählte. So entstand die Idee, Fotobücher mit dazugehörigen Audio-Walks zu gestalten, die die Geschichten des Heimwegs erzählen. In Hongkong kann jedes Buch als eine Art Stadtführer benutzt werden, der die Leserin einlädt, den Spuren des Heimwegs einer anderen Person zu folgen und ihre eigene Stadt neu zu sehen.

Während einem unserer Interviews sagte eine Freundin: «Wenn ihr wirklich wissen wollt, wie sich mein Heimweg anfühlt, solltet ihr abends denselben Minibus nach Sai Kung nehmen und dabei dasselbe Lied hören, das ich immer gehört habe.»

Wir folgten ihrem Rat und es fühlte sich an, als reisten wir durch die Erinnerungen einer anderen Person. Der Weg begann im Feierabendverkehr an einem Minibus-Halt. Minibusse sind die schnellsten, aber auch die unberechenbarsten Verkehrsmittel in der Stadt. Es braucht Glück, sie an einer Haltestelle oder mitten auf der Strasse zu erwischen, und wer aussteigen möchte, ruft dem Fahrer den gewünschten Halt zu. Die Minibusse sind berühmt-berüchtigt für ihren rasanten Fahrstil, und während die Nacht vorbeiflitzt, mischen sich das Dröhnen des Motors und das Rumpeln der alten Sitze mit dem Radio des Fahrers:

[Track 1]

Der Heimweg eines anderen Freundes begann an einer Strassenkreuzung. Um uns herum standen wie überall in dieser Stadt die hoch aufragenden Wohntürme. Vor uns führte eine Strasse in die Höhe; zweigeschossige Busse brachten ihre nächtlichen Fahrgäste mit aufheulenden Motoren den Hügel hinauf nach Hause. Von beiden Seiten ragten schattige Bäume in die Strasse. Vom Berg weiter oben strömte der Geruch von Wäldern und nasser Erde zu uns herab.

Unser schweigsamer Freund ging mit uns den Weg hinauf, den er seit seiner Kindheit immer gegangen war. So gaben wir später seine Geschichte wieder:

[Track 2]

Eine andere Freundin traf uns bei einer U-Bahn-Station und lief mit uns im Eilmarsch, beinahe rennend, ihrem Zuhause entgegen. Es war ihr Reenactment einer ihrer einprägsamsten Erinnerung aus dem Protestjahr. Keine Busse fuhren mehr an jenem Abend; ihre Sorgen um Hongkongs Zukunft mischten sich mit dem Anblick von Strassenkämpfen und brennenden Geschäften und liessen nur einen Gedanken zu: so rasch wie möglich in die Sicherheit ihres Zuhauses zurückzukehren – ein beinahe dörfliches Zuhause mit einem kleinen Garten, eine ruhige Insel inmitten der Grossstadt, die, wie sie uns erklärte, in den kommenden Jahren den Überbauungsplänen der Regierung zum Opfer fallen wird.

Wir verdichteten ihre Erinnerungen in einem Hörstück, ein Ausschnitt daraus ist hier zu hören:

[Track 3]

Der Weg nach Hause ist so gewöhnlich wie alltäglich. Wir alle in verschiedenen Welten, Städten und Erinnerungen haben einen Weg, zu dem nur wir zurückkehren können, und jeder Weg hat eine Geschichte, von der nur wir alleine wissen. Geschichten über die emotionale Bindung ans Zuhause, Familie, über Ängste und die glücklichsten Erinnerungen. Wenn wir alle diese Fragmente unserer Erinnerungen zusammensetzen, wird ein Bild davon erkennbar, vom Leben in dieser Zeit, unter dieser Geschichte und dieser Regierung.

Wieder in der Schweiz versuchen wir, diese persönlichen Geschichten zu übersetzen und für die Menschen hier erfahrbar zu machen. Es sind alltägliche Geschichten vom Heimweg in einer Stadt, wo die Selbstverständlichkeit eines stabilen Zuhauses in Frage gestellt ist.

PS: Während dieser Text geschrieben und gelesen wird, schreiten die Entwicklungen in Hongkong voran. Seit dem Ende der Proteste berichten die meisten deutschsprachigen Medien weniger regelmässig. Für Updates empfehlen wir die englischsprachige und redaktionell unabhängige News-Seite «Hong Kong Free Press»: hongkongfp.com

Die oben beschriebene Arbeit ist zusammen mit weiteren Projekten vom 12. November bis 5. Dezember in der Ausstellung «遠來語 – flüstern von fern» im Architektur Forum Ostschweiz zu sehen.

Architektur Forum Ostschweiz,
Davidstrasse 40, 9000 St.Gallen
Dienstag bis Sonntag 14 bis 17 Uhr
Vernissage: 11. November 18.30 Uhr
oisland.co
a-f-o.ch

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze