«Die Beeinträchtigung ist das Talent», sagt Olli Hauenstein vor den Medien über seine Vision. «Egal ob sie ein Musikinstrument spielen, tanzen, singen oder sich sonstwie ausdrücken, Menschen mit Beeinträchtigung sprechen sehr gut auf Humor an.» Als Clown muss er es wissen. Er hat in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung Erfahrung und ist viele Jahre lang im In- und Ausland in Zirkusmanegen und auf Theaterbühnen aufgetreten. Zur Zeit tourt Hauenstein mit der Produktion Clown-Syndrom. Zusammen mit seinem Partner Eric Gadient, einem Schauspieler mit Down-Syndrom, hat er das parodistische Stück schon über 40 Mal aufgeführt, davon viermal in der St. Galler Lokremise.
Hauenstein will jetzt in St.Gallen ein Komiktheater auf die Beine stellen, das schweizweit und auch über die Landesgrenzen hinaus auf Tournee gehen und wie jeder andere Kulturbetrieb funktionieren soll. Die Produktionen will der umtriebige Clown seinen Protagonisten aber nicht als sein Konstrukt überstülpen. «Sie sollen daran mitarbeiten und sich im engen Zusammenspiel einbringen können», sagt er.
Erste Auftritte ab Mitte 2018
Als Mitspielerinnen und Mitspieler sind Menschen mit Beeinträchtigungen gesucht, die es geniessen zu tanzen, zu singen, zu musizieren und zu schauspielern. Die Castings im Mai und Juni konzentrieren sich laut Hauenstein nicht auf Vorsprechen und Körpergefühl, wie das bei solchen Anlässen üblich ist, sondern auf andere Werte, die die Beeinträchtigung speziell als Talent hervorheben.
In der Nähe des Zentrums Sonnenhalde Tandem hat das Projekt Räumlichkeiten angemietet, wo die Mimen professionell auf ihre Aufgabe vorbereitet werden und später auch die Proben für die Produktionen stattfinden sollen. Der Werkstattbetrieb startet im August 2017 und erste Auftritte sind für 2018 geplant. Die Künstlerinnen und Künstler werden vom Zentrum Sonnenhalde Tandem in ein Arbeitsverhältnis übernommen.
Marco Dörig, Roberto Picciano, Gee Hauser Olli Hauenstein (von links).
Gemäss Projektkoordinatorin Gee Hauser ist das erste Casting im Mai mit zehn Anmeldungen bereits ausgebucht. Die Interessierten kämen aus der ganzen Ostschweiz. Für Juni sind noch Anmeldungen möglich. Weitere Informationen zum Casting: komiktheater@sonnenhalde-ghg.ch oder Tel. 079 582 93 79.
«Geburtsstätte für Stars»
Roberto Picciano arbeitet im Zentrum Sonnenhalde Tandem. Er hat sich beim Komiktheater beworben. «Ich bin sehr motiviert», sagt er. An den Wochenenden sitzt er zu Hause, will aber unter die Leute. Da kommt ihm das Theaterspielen sehr gelegen. Er hat Mühe mit Lesen, ist aber in der Lage, Texte auswendig zu lernen, wenn das Stück, in dem er spielt, dies verlangt. Picciano hat ein Bühnen-Flair und bereits einen Zirkuskurs besucht. Für das Komiktheater hat ihn sein Bruder kurzentschlossen angemeldet.
Sonnenhalde-Tandem-Geschäftsführer Marco Dörig sieht in dem Projekt eine «Geburtsstätte für Stars». Die Arbeitsmöglichkeiten im Zentrum seien individuell. Im künstlerischen Bereich sei das nicht anders. Es sei aber sehr selten, dass eine Institution wie das Zentrum Sonnenhalde Tandem ein professionelles Angebot machen könne. Die Zusammenarbeit mit Olli Hauenstein sei in dieser Hinsicht ein Glücksfall. Laut Dörig ist ein grosser Teil der Finanzierung des Projektes gesichert. «Wir werden aber eine Dritt-Finanzierung trotzdem nötig haben.» Ihm ist es wichtig, dass bei dem Theaterprojekt die Würde der Menschen mit Beeinträchtigung im Vordergrund steht.
Sensibles Projekt
Professionelle Theaterprojekte mit Menschen mit Beeinträchtigung gibt es schon einige – Aufsehen erregte zuletzt das Schauspielhaus Zürich, wo Regisseur Milo Rau mit Spielern des Theater Hora Pasolini inszenierte. Im Kulturkonzept des Komiktheaters Sonnenhalden Tandem heisst es: «Es ist allen Beteiligten bewusst, dass mit dem Komiktheater aufgrund der erhöhten Aussenwirkung in der Öffentlichkeit ein sensibles Projekt in Angriff genommen wird. Die betreuten Menschen, die sich auf der Bühne präsentieren, möchten und müssen von den Zuschauenden positiv als Künstler und Künstlerinnen wahrgenommen werden können. Dies liegt in der Verantwortung des künstlerischen Leiters und des agogischen Personals.»
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