In allen Räumen arbeiten sich die Musiker ab. Das Ganze ist ein Wechselbad von akustischen und optischen Eindrücken. Immer tönt es. Instrumente, Maschinen in Mixtur. Das Auge bleibt an der glimmenden Esse hängen. Da ist eine Wagnertuba, die Maschine dahinter gleicht ihr. Da sind Metallteile, Gitter, Dosen, eine Flöte, eine Bassklarinette. Da ist ein Dirigent, der Metallteile beackert. Die Wahrnehmung wird permanent verschoben. Und zuhinterst kann, durch ein vollgestelltes Regal hindurch, Seniormeister Zwissler bei der Arbeit an der Werkbank beobachtet werden, begleitet durch sanfte Harfentöne.
Schmiede heisst das Werk von Carola Bauckholt, das hier als Uraufführung erklingt. Die anwesende Komponistin hat die Schmitte Zwissler vorgängig besucht und ihr Auftragswerk auf die gegebenen Räumlichkeiten hin verfasst. Herausgekommen ist eine begehbare Komposition. Mit einer Fassung für kleines Ensemble der Serenata per un satellite von Bruno Maderna im Hauptraum der Schmitte sind die Zuhörer zuvor auf Kommendes vorbereitet worden: Die Instrumentalisten, in festen Positionen aufgestellt, holen aus dem einen Blatt Partitur feine, kammermusikalische Töne heraus.
Industriemusik abseits der Musikindustrie
In Zusammenarbeit mit studio-klangraum Basel hat das Collegium Novum Zürich eine Schweizer-Tournee durch fünf verschiedene, industriell geprägte Areale entwickelt. Wie gehen musikferne Räume und zeitgenössische Musik zusammen? Wie beeinflusst die Architektur des Raumes die Wahrnehmung von Musik? Wie verändert Musik die Wahrnehmung des Raumes? Ins Programm aufgenommen wurden in der Folge Werke, die den verschiedenen räumlichen Begebenheiten angepasst werden können. Eingeladen wurden auch Komponisten und Komponistinnen, um neue, auf die jeweiligen Räume hin konzipierte Werke zu schaffen. Das Konzept schlägt ein: Eine grosse Zuhörerschaft folgt dem fast vierstündigen Rorschach-Parcours mit Spannung.
Oh wie schön tönt Heidelberg
Wunderschöne Druckmaschinen der Marke «Heidelberg» stehen in der Lehner Druck GmbH. Für die ästhetischen Meisterwerke konzipierte der Zürcher Komponist Moritz Müllenbach sein Werk Heidelberg. Mit Hilfe eines Computer-Interface steuert Müllenbach die Rhythmen dreier typengleicher Maschinen. In drei Gruppen können die Anwesenden sich auf den erstaunlichen Farbenreichtum der von der Mechanik erzeugten Klänge und Geräusche einlassen. Fertige Druckkarten mit den Aufschriften «recht», «glauben», «frei» gibt es auf die Hand.
Draussen wird, bei herrlichstem Wetter, Rorschacher Kornhausbier und Mineralwasser serviert. Open-Air-Stimmung breitet sich aus. Es wird gewartet und diskutiert. Dann geht es auf in die anliegenden Räumlichkeiten der Firma Lagero. Umrundet von den Zuhörern, liefert Urs Walker im Vorraum der Büros eine stupende Interpretation von Deuterium für Violine solo des polnischen Komponisten Tomas Skweres. Das an der Kernphysik inspirierte Werk kann in der Gestik des Violinisten geradezu körperlich nachvollzogen werden. Dass man vorhin dezent auf die Grenzen der betretbaren Zonen hingewiesen wird, vergisst man dabei.
In den Rorschacher Himmel
Draussen auf der Rampe der Firma haben sich inzwischen fünf Bläser zur Aufführung von Jorge E. Lopez Blechbläserquintett gerüstet. Gedacht war, mit diesem Werk den Industrieraum in einen Konzertsaal zu verwandeln. Die Umstände und das schöne Wetter führen aber zu einer Verlagerung an die Freiluft. Tatsächlich fällt es schwer, sich eine Aufführung dieses Stückes in einem Innenraum vorzustellen. Das sind dann schon teilweise heftige, abrupte Klänge, die sich unter Leitung von Peter Tilling in den Rorschacher Himmel entladen.
Die Einspielung konkreter Klänge bieten da etwas Hörhilfe, um dem sich an einer Traumlogik orientierten Quintett zu folgen. Bei aller Avantgardistik kann sich diese Musik dem Geschmack nach Harmoniemusik nicht gänzlich entledigen. Aber das ist vielleicht auch so gewollt.
Ein Klang ist ein Klang ist ein Klang
Eine enges Treppenhaus führt hinauf in die oberste Etage der ehemaligen Feldmühle. Einzig Absperrbänder, die an Tatorte erinnern, und einige gestapelte Paletten befinden sich noch in dieser riesigen Halle. Verteilt sind einige Stühle zum Sitzen, Wände zum Anlehnen gibt es mehr als genug oder man kann auch irgendwo im Raum stehen. Vorerst wird mit einer Version von John Cages Variation IV der Raum hörbar gemacht. Instrumentale Töne schweben mit langem Echo durch die Halle. Geräusche von zerrissenem Papier, rollende Kugeln bringen den Boden zum Klingen, ein Radio strahlt knisternde Laute hinaus. Ein Klang ist ein Klang ist ein Klang. Das ist Hörschulung à la Cage, sind Meditationen für das Ohr. Anything goes.
Wundersames musikalisches Babylon
Die Ausführung einer zweiten Version der Serenata per un satellite von Bruno Maderna, diesmal im grosses Ensemble interpretiert, entwickelt sich zu einem Meisterstück interpretatorischer Kunst. Im Setting perfekt, wird aus dem Partiturblatt die Balance zwischen Bestimmtem und Unbestimmten gefunden. Aufgespannt in die grosse Halle der Feldmühle gewinnt das Stück die intendierte Dreidimensionalität.
Die sich auf dem Blatt kreuzenden Notensysteme werden von den Musikern gleichsam abgeschritten. Monologe bleiben im Raum, bis zum Verklingen. Auf dem Weg finden Instrumente zusammen, dialogisierend. Musiker bilden Gruppen, die sich wieder auflösen. Am Ende verschwindet unser Satellit im All und der Raum ist offen für ein Entr’acte mit Ausschnitten aus Mauricio Kagels Der Turm zu Babel, ein Einwurf, den Contrapunkt-Präsidentin Barbara Camenzind als Vokalistin gleich selbst übernimmt.
Eine Art Abschiedskonzert
Leider ist das Fotografieren aus sicherheitstechnischen Gründen in der Feldmühle verboten. Allzu gerne würde man das grandiose Panorama der Halle und den Ausblick über die Stadt Rorschach auf den See hinaus festhalten.
Eigentlich weiss man, dass Musik eine Zeit-Kunst ist. Die Erfahrung lehrt das. Doch im Finale des Parcours mit James Tenneys Form I lernt man es neu. Das reine Fliessen des Klangs aus der Tiefe des Raums, in die Tiefe des Raums hinein lässt die Zeit kippen. Man wünscht sich, immer in diesem sonoren Klang verbleiben zu können. Für eine gute Viertelstunde darf man drin bleiben. Und am Ende ist nicht ganz klar, ob sich nicht auch ein Hauch von Wehmut in diese Töne eingeschlichen hat. Denn das im Gedächtnis an Edgar Varèse geschriebene Stück wird hier zu einer tönenden Verabschiedung eines Gebäudes, das demnächst abgerissen werden soll. Grossartig.
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.