Elf professionelle Orchester der Schweiz haben sich verpflichtet, zwischen 2014 und 2016 je drei Werke von zeitgenössischen Schweizer Komponisten und Komponistinnen zur Uraufführung zu bringen. Die Pro Helvetia unterstützt diese konzertierte Aktion mit grosszügigen Beiträgen. Entstehen soll am Ende ein Katalog Oeuvres suisses mit 33 Werken, die das gegenwärtige Schaffen repräsentieren sollen. Das Sinfonieorchester St.Gallen leistete seinen Beitrag mit der Uraufführung von Unter dem Grabhügel von Alfons Karl Zwicker und der Rauhnächte von Paul Giger. Die Première des dritten Werks, Skan der Schaffhauser Komponistin Helena Winkelmann, ist für Oktober 2016 angesagt.
Jetzt konnte das hiesige Publikum zusätzlich über neue Musik diskutieren. «Ohren auf» hiess die Devise in der Tonhalle.
Weite Landschaften
In der Komposition Vergessene Lieder des Tessiners Nadir Vassena (1970) wurde das Ohr mit klagenden und wuchtigen Klängen konfrontiert: ein gut zwölfminütiger, wabernder Orchesterklang, dem sich eine Nähe zum Werk Giacinto Scelsis nicht absprechen lässt. So war es auch nicht zufällig, dass ein Zuhörer sich in die asiatischen Höhen des Himalayas versetzt fühlte, sich assoziativ an tibetanische Klostermusik erinnerte.
Die Frage nach dem Titel des Stücks, wo denn die vergessenen Lieder seien, beantwortete Dirigent Hermann Bäumer, in Vertretung des Komponisten, das müsse jeder selber entscheiden. Viel Landschaft vermag diese Musik tatsächlich aufzuspannen, wenngleich man diese auch ohne Bilder, nur klanglich, hören könnte: flüssig, fest, gasförmig, in Aggregatszuständen.
Gehen im Park
Einen wesentlich schwächeren Eindruck hinterliess Im Park meines Vaters der in Zürich arbeitenden Iris Szeghy (1956). Interessant präsentierte sich das Werk dort, wo die Komponistin auf einen teilweise zum Äussersten reduzierten Orchesterklang hin notiert. Vermutlich ist Szeghy ihr ungarischer Landsmann György Kurtag Pate gestanden. Das tut dem Werk gut! Die Tutti-Ausbrüche hingegen wirken banal. Eine Zuhörerin wird später davon reden, sie hätte beim Hören Wut gespürt. Das ist nachvollziehbar.
Im Publikum wurde wiederum assoziiert, was das Zeug hielt: Da wurden Vögel gehört, Bären gesehen, der ganze Zoo. Erst im Anschluss an die Aufführung gab Dirigent Hermann Bäumer bekannt, dass es bei der Titelung des vielteiligen Werks um Bäume geht. Drei der «Bäume» wurden nochmals gespielt, und eine Zuhörerin konnte anschliessend «Trauerweide», «Birke» und «Eiche» nach Gehör in die richtige Reihenfolge bringen – was für die Komposition sprechen mag.
Schöne Neue Musik
Ezko Kikoutchi (1968) stammt aus Japan und kam in die Schweiz, um Orgel zu studieren. Sie amtet heute in der Westschweiz als Organistin und hat sich 2011 erstmals als Komponistin geoutet. Mirai heisst ihr Beitrag zu den Oeuvres suisses. Nach der Aufführung hatte die anwesende Zuhörerschaft die Möglichkeit, eine Wiederholung jenes der drei präsentierten Werke zu bestimmen, dass am besten angekommen ist. Nicht verwunderlich, dass die Wahl zu Gunsten von Mirai ausfiel. Drei Sätze, geschrieben von einer Komponistin, die weiss, was sie vom Orchester will. Da ist sie plötzlich da, die Lust auf den Klang. Da stimmt die Dramaturgie, die das Ohr durch die Musikzeit führt. Bemerkenswerterweise fragte hier niemand nach der Bedeutung des Titels. So schön kann Neue Musik sein.
Wir sprechen darüber
Ein Orchestermusiker aus der Sektion des Schlagzeugs nutzte die Gelegenheit, dem Publikum eine technische Seite bei der Aufführung Neuer Musik aufzuzeigen. Umgeben von fünfzig Instrumenten sei die Organisation der Abläufe die grösste Herausforderung. Ein zweite Stimme aus dem Orchester warf Gedanken zu Fragen nach der Schönheit auf. Fragen, die an diesem Abend von Beginn an im Raum standen. Nur, mit einem Verständnis à la Goethe lassen sich diese, auch angesichts der heutigen Zeit, sicherlich nicht lösen. Dafür bot das Gesprächskonzert auch nicht den entsprechenden Rahmen.
Wer Ohren hat, der höre
Die Komponisten und Komponistinnen haben einen unverkrampften Zugang zur Vergangenheit. Grosse Emotionen sind zulässig, Fragen über Sinn und Unsinn von Sprache scheinbar gelöst. Wir haben es mit einer Generation zu tun, die auch wieder Sinfonien schreibt oder Konzerte für Soloinstrumente. Die Avantgarde von einst ist Schnee von gestern.
Doch halten wir es am Ende trotzdem mit John Cage: «Nichts ist erreicht mit dem Schreiben eines Musikstücks. Nichts ist erreicht mit dem Hören eines Musikstücks. Nichts ist erreicht mit dem Spielen eines Musikstücks. Unsere Ohren sind jetzt in ausgezeichneter Verfassung.»
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