Kategorie
Autor:innen
Jahr

Happy New Ears

Ohren auf! In der Tonhalle stellte das Sinfonieorchester St.Gallen in einer moderierten Aufführung Neue Musik schweizerischer Herkunft zur Diskussion. von Daniel Fuchs.
Von  Gastbeitrag , 

Elf professionelle Orchester der Schweiz haben sich verpflichtet, zwischen 2014 und 2016 je drei Werke von zeitgenössischen Schweizer Komponisten und Komponistinnen zur Uraufführung zu bringen. Die Pro Helvetia unterstützt diese konzertierte Aktion mit grosszügigen Beiträgen. Entstehen soll am Ende ein Katalog Oeuvres suisses mit 33 Werken, die das gegenwärtige Schaffen repräsentieren sollen. Das Sinfonieorchester St.Gallen leistete seinen Beitrag mit der Uraufführung von Unter dem Grabhügel von Alfons Karl Zwicker und der Rauhnächte von Paul Giger. Die Première des dritten Werks, Skan der Schaffhauser Komponistin Helena Winkelmann, ist für Oktober 2016 angesagt.

Jetzt konnte das hiesige Publikum zusätzlich über neue Musik diskutieren. «Ohren auf» hiess die Devise in der Tonhalle.

Weite Landschaften

In der Komposition Vergessene Lieder des Tessiners Nadir Vassena (1970) wurde das Ohr mit klagenden und wuchtigen Klängen konfrontiert: ein gut zwölfminütiger, wabernder Orchesterklang, dem sich eine Nähe zum Werk Giacinto Scelsis nicht absprechen lässt. So war es auch nicht zufällig, dass ein Zuhörer sich in die asiatischen Höhen des Himalayas versetzt fühlte, sich assoziativ an tibetanische Klostermusik erinnerte.

Die Frage nach dem Titel des Stücks, wo denn die vergessenen Lieder seien, beantwortete Dirigent Hermann Bäumer, in Vertretung des Komponisten, das müsse jeder selber entscheiden. Viel Landschaft vermag diese Musik tatsächlich aufzuspannen, wenngleich man diese auch ohne Bilder, nur klanglich, hören könnte: flüssig, fest, gasförmig, in Aggregatszuständen.

Gehen im Park

Einen wesentlich schwächeren Eindruck hinterliess Im Park meines Vaters der in Zürich arbeitenden Iris Szeghy (1956). Interessant präsentierte sich  das Werk dort, wo die Komponistin auf einen teilweise zum Äussersten reduzierten Orchesterklang hin notiert. Vermutlich ist Szeghy ihr ungarischer Landsmann György Kurtag Pate gestanden. Das tut dem Werk gut! Die Tutti-Ausbrüche hingegen wirken banal. Eine Zuhörerin wird später davon reden, sie hätte beim Hören Wut gespürt. Das ist nachvollziehbar.

Im Publikum wurde wiederum assoziiert, was das Zeug hielt: Da wurden Vögel gehört, Bären gesehen, der ganze Zoo. Erst im Anschluss an die Aufführung gab Dirigent Hermann Bäumer bekannt, dass es bei der Titelung des vielteiligen Werks um Bäume geht. Drei der «Bäume» wurden nochmals gespielt, und eine Zuhörerin konnte anschliessend «Trauerweide», «Birke» und «Eiche» nach Gehör in die richtige Reihenfolge bringen – was für die Komposition sprechen mag.

Schöne Neue Musik

Ezko Kikoutchi (1968) stammt aus Japan und kam in die Schweiz, um Orgel zu studieren. Sie amtet heute in der Westschweiz als Organistin und hat sich 2011 erstmals als Komponistin geoutet. Mirai heisst ihr Beitrag zu den Oeuvres suisses. Nach der Aufführung hatte die anwesende Zuhörerschaft die Möglichkeit, eine Wiederholung jenes der drei präsentierten Werke zu bestimmen, dass am besten angekommen ist. Nicht verwunderlich, dass die Wahl zu Gunsten von Mirai ausfiel. Drei Sätze, geschrieben von einer Komponistin, die weiss, was sie vom Orchester will. Da ist sie plötzlich da, die Lust auf den Klang. Da stimmt die Dramaturgie, die das Ohr durch die Musikzeit führt. Bemerkenswerterweise fragte hier niemand  nach der Bedeutung des Titels. So schön kann Neue Musik sein.

Wir sprechen darüber

Ein Orchestermusiker aus der Sektion des Schlagzeugs nutzte die Gelegenheit, dem Publikum eine technische Seite bei der Aufführung Neuer Musik aufzuzeigen. Umgeben von fünfzig Instrumenten sei die Organisation der Abläufe die grösste Herausforderung. Ein zweite Stimme aus dem Orchester warf Gedanken zu Fragen nach der Schönheit auf. Fragen, die an diesem Abend von Beginn an im Raum standen. Nur, mit einem Verständnis à la Goethe lassen sich diese, auch angesichts der heutigen Zeit, sicherlich nicht lösen. Dafür bot das Gesprächskonzert auch nicht den entsprechenden Rahmen.

Wer Ohren hat, der höre

Die Komponisten und Komponistinnen haben einen unverkrampften Zugang zur Vergangenheit. Grosse Emotionen sind zulässig, Fragen über Sinn und Unsinn von Sprache scheinbar gelöst. Wir haben es mit einer Generation zu tun, die auch wieder Sinfonien schreibt oder Konzerte für Soloinstrumente. Die Avantgarde von einst ist Schnee von gestern.

Doch halten wir es am Ende trotzdem mit John Cage: «Nichts ist erreicht mit dem Schreiben eines Musikstücks. Nichts ist erreicht mit dem Hören eines Musikstücks. Nichts ist erreicht mit dem Spielen eines Musikstücks. Unsere Ohren sind jetzt in ausgezeichneter Verfassung.»

 

 

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love