Kategorie
Autor:innen
Jahr

Die Kellerin

Aus dem Novemberheft: Wer ist die Kellerin? Sie zapft die alten Fässer der Geschichte frisch an, denn sie verabscheut das Abgestandene. von Hildegard E. Keller
Von  Gastbeitrag

In mittelalterlichen Klöstern hatte eine Nonne das Amt der Kellerin, Kellnerin oder Kellererin inne. Das konnte nicht irgendein Nönnlein sein, denn die Kellerin hatte die Schlüssel zu den Vorratskellern, zapfte Weinfässer an und füllte ihren Mitschwestern das Krüglein. Das verantwortungsvolle Amt, in einer Handschrift um 1450 beschrieben, erforderte ein unbestechliches Herz. Solche Erkenntnisse gewann ich auf Expeditionen ins Mittelalter, die mich zur Professur in Amerika führten.

In unserer Bloomingtoner Universitätsbibliothek bestaunte ich sehr oft die Pergamentseiten dieser Handschrift. Es ist das erste erhaltene Pflichtenheft für Frauen, schön illustriert und in süddeutschem Dialekt verfasst. Wie die Handschrift in die USA kam? Durch eine Serie von Zufällen, die spannend sind, doch führen sie vom Amt der Kellerin weg. An der Indiana University war ich Professorin für mittelalterliche Literatur. Wer an die Vorsehung glaubt, behauptet, dass ich als in St.Gallen geborenes, auf den Namen Hildegard getauftes Mädchen dazu prädestiniert gewesen sein muss.

Ich glaube, dass meine Neugier an Kellern mitverantwortlich ist. Für all das, was man in ihnen ver- und manchmal auch entsorgt, hatte ich stets eine treffliche Nase. Schon als Kind stieg ich gern in Keller hinunter, um in die Fülle der Vergangenheit einzutauchen. Manchmal roch es nach saurem Most, nach Militärkleidung oder nach Verpackungskartons von Haushaltsgeräten.

Hildegard E. Keller, 1960, Schriftstellerin und Dozentin für Storytelling an der Universität Zürich, ist Geschäftsführerin der bloomlightproductions.ch. Die in Amerika gegründete Firma ist seit 2017 ein Zürcher Jungunternehmen. hildegardkeller.ch editionmaulhelden.com maulhelden.ch

Tatsächlich zählen Kellergerüche zu meinen frühen Erinnerungen. Der Keller im Häuschen mit der steilsten aller Wendeltreppen, in dem meine Grossmutter Sauerkraut in Steinguttöpfen und Grundbirnen lagerte, die so verschrumpelt wie ihre Hände waren. Der Kohlekeller des Mietshauses, in dem wir wohnten und aufpassen mussten wie Häftlimacher, dass die böse Abwartin uns nicht erwischte. Der Keller im Alleeschulhaus von Wil, wo wir Erstklässler die Griffel spitzen mussten, bis die Schiefertafel ein Jahr später ausrangiert wurde. Der Keller meines Hauses in Amerika, die Wände mit grossen Sandsteinquadern aus den Indiana-Quarries gebaut, war bei Tornado-Alarm überlebenswichtig. Die Keller auf der ganzen Welt gehören zur selben Familie. Sie riechen alle ähnlich.

Ich liebe die Keller von Archiven und Bibliotheken. Besonders gern steige ich zu Gottfried Kellers Nachlass hinunter, der im vielleicht sechsten Kellergeschoss unter der Zürcher Altstadt liegt. In den Schachteln liegen auch Kellers Portemonnaies. In einem sah ich ein winziges Zehnernötli, säuberlich gefaltet, als hätte Keller sein Geld nur in Puppenstuben und Zwergenkneipen ausgegeben. Die Leute von Seldwyla, das ist eine kleine Welt, die Keller erschaffen hat. Noch heute erzählen seine verschrumpelten Figuren so grandios von verpasster Grösse, dass man sich lebhaft ausmalen kann, was für ein Kleinkaff er mit dem Stoff, den er in der aktuellen Schweiz fände, basteln würde. Wie die wahren Meister wächst Keller über seine Zeit hinaus. Er zeigt, dass der Keller der Geschichte ein fantastisches Labor ist.

Und schon ist der Keller eine Metapher geworden, schliesslich ist ein Dichter ins Spiel gekommen. Brückenschläge machen das dichterische Denken aus, hatte Hannah Arendt gesagt. Dieser Keller der Geschichte ist ein Bild, das beim Denken hilft. Warum verschwinden die einen im Dunkel, während andere im Bewusstsein und präsent sind, mehr als zu Lebzeiten? Bei meinen Grabungen, die ich seit rund 30 Jahren mache, habe ich viele gefunden, die ans Licht zurückwollen. Nur wir Lebenden können ihnen die Chance geben, dass sie uns begegnen.

In Amerika outete ich mich als Künstlerin. Seither grabe ich freier. Früher oder später, so glaube ich aus Erfahrung, drängt etwas Ureigenes aus dem Verborgenen ans Licht. Die eigene Farbe will ins Hier und Jetzt.

Unter Staub und Schutt fand ich Juwelen wie die aus dem Tessin stammende argentinische Schriftstellerin Alfonsina Storni, deren Werkausgabe ich in der Edition Maulhelden erstmals ins Deutsche übersetzt habe. Und auch bei der Intellektuellen Hannah Arendt hält man das, was im grellen Licht der Öffentlichkeit steht, schon für die ganze Arendt, dabei blieben relevante Kräfte in ihrem Wesen und Werk praktisch unbeachtet. Im Roman Was wir scheinen bin ich mit ihr ins Dunkel hinabgestiegen, in aller Freiheit der Fantasie, die das narrative Auffrischen einer Geschichte unterstützt.

Im Keller der Geschichte konnte ich Schätze finden, zuerst als Wissenschaftlerin und heute mehr als Künstlerin. Diese Arbeit hat eine politische Dimension. Es ist ja kein Zufall, wer oder was (und auch, was von wem) vergessen geht. Dazu gehören Künstlerinnen und Denkerinnen, deren Dichten, Denken und Handeln in ihrer Zeit weder wünsch- noch denkbar waren. Aber das ist ein eigenes Thema, ebenso spannend wie die Frage, was geschieht, wenn man im Keller der Geschichte Fässer anzapft, deren Existenz man vergessen wollte, und den Trank als neuen Wein in neuen Krügen serviert. Ich zapfe gern alte Fässer frisch an. Ich bin durch und durch Kellerin der Geschichte und verabscheue das Abgestandene.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V