In mittelalterlichen Klöstern hatte eine Nonne das Amt der Kellerin, Kellnerin oder Kellererin inne. Das konnte nicht irgendein Nönnlein sein, denn die Kellerin hatte die Schlüssel zu den Vorratskellern, zapfte Weinfässer an und füllte ihren Mitschwestern das Krüglein. Das verantwortungsvolle Amt, in einer Handschrift um 1450 beschrieben, erforderte ein unbestechliches Herz. Solche Erkenntnisse gewann ich auf Expeditionen ins Mittelalter, die mich zur Professur in Amerika führten.
In unserer Bloomingtoner Universitätsbibliothek bestaunte ich sehr oft die Pergamentseiten dieser Handschrift. Es ist das erste erhaltene Pflichtenheft für Frauen, schön illustriert und in süddeutschem Dialekt verfasst. Wie die Handschrift in die USA kam? Durch eine Serie von Zufällen, die spannend sind, doch führen sie vom Amt der Kellerin weg. An der Indiana University war ich Professorin für mittelalterliche Literatur. Wer an die Vorsehung glaubt, behauptet, dass ich als in St.Gallen geborenes, auf den Namen Hildegard getauftes Mädchen dazu prädestiniert gewesen sein muss.
Ich glaube, dass meine Neugier an Kellern mitverantwortlich ist. Für all das, was man in ihnen ver- und manchmal auch entsorgt, hatte ich stets eine treffliche Nase. Schon als Kind stieg ich gern in Keller hinunter, um in die Fülle der Vergangenheit einzutauchen. Manchmal roch es nach saurem Most, nach Militärkleidung oder nach Verpackungskartons von Haushaltsgeräten.
Hildegard E. Keller, 1960, Schriftstellerin und Dozentin für Storytelling an der Universität Zürich, ist Geschäftsführerin der bloomlightproductions.ch. Die in Amerika gegründete Firma ist seit 2017 ein Zürcher Jungunternehmen. hildegardkeller.ch editionmaulhelden.com maulhelden.ch
Tatsächlich zählen Kellergerüche zu meinen frühen Erinnerungen. Der Keller im Häuschen mit der steilsten aller Wendeltreppen, in dem meine Grossmutter Sauerkraut in Steinguttöpfen und Grundbirnen lagerte, die so verschrumpelt wie ihre Hände waren. Der Kohlekeller des Mietshauses, in dem wir wohnten und aufpassen mussten wie Häftlimacher, dass die böse Abwartin uns nicht erwischte. Der Keller im Alleeschulhaus von Wil, wo wir Erstklässler die Griffel spitzen mussten, bis die Schiefertafel ein Jahr später ausrangiert wurde. Der Keller meines Hauses in Amerika, die Wände mit grossen Sandsteinquadern aus den Indiana-Quarries gebaut, war bei Tornado-Alarm überlebenswichtig. Die Keller auf der ganzen Welt gehören zur selben Familie. Sie riechen alle ähnlich.
Ich liebe die Keller von Archiven und Bibliotheken. Besonders gern steige ich zu Gottfried Kellers Nachlass hinunter, der im vielleicht sechsten Kellergeschoss unter der Zürcher Altstadt liegt. In den Schachteln liegen auch Kellers Portemonnaies. In einem sah ich ein winziges Zehnernötli, säuberlich gefaltet, als hätte Keller sein Geld nur in Puppenstuben und Zwergenkneipen ausgegeben. Die Leute von Seldwyla, das ist eine kleine Welt, die Keller erschaffen hat. Noch heute erzählen seine verschrumpelten Figuren so grandios von verpasster Grösse, dass man sich lebhaft ausmalen kann, was für ein Kleinkaff er mit dem Stoff, den er in der aktuellen Schweiz fände, basteln würde. Wie die wahren Meister wächst Keller über seine Zeit hinaus. Er zeigt, dass der Keller der Geschichte ein fantastisches Labor ist.
Und schon ist der Keller eine Metapher geworden, schliesslich ist ein Dichter ins Spiel gekommen. Brückenschläge machen das dichterische Denken aus, hatte Hannah Arendt gesagt. Dieser Keller der Geschichte ist ein Bild, das beim Denken hilft. Warum verschwinden die einen im Dunkel, während andere im Bewusstsein und präsent sind, mehr als zu Lebzeiten? Bei meinen Grabungen, die ich seit rund 30 Jahren mache, habe ich viele gefunden, die ans Licht zurückwollen. Nur wir Lebenden können ihnen die Chance geben, dass sie uns begegnen.
In Amerika outete ich mich als Künstlerin. Seither grabe ich freier. Früher oder später, so glaube ich aus Erfahrung, drängt etwas Ureigenes aus dem Verborgenen ans Licht. Die eigene Farbe will ins Hier und Jetzt.
Unter Staub und Schutt fand ich Juwelen wie die aus dem Tessin stammende argentinische Schriftstellerin Alfonsina Storni, deren Werkausgabe ich in der Edition Maulhelden erstmals ins Deutsche übersetzt habe. Und auch bei der Intellektuellen Hannah Arendt hält man das, was im grellen Licht der Öffentlichkeit steht, schon für die ganze Arendt, dabei blieben relevante Kräfte in ihrem Wesen und Werk praktisch unbeachtet. Im Roman Was wir scheinen bin ich mit ihr ins Dunkel hinabgestiegen, in aller Freiheit der Fantasie, die das narrative Auffrischen einer Geschichte unterstützt.
Im Keller der Geschichte konnte ich Schätze finden, zuerst als Wissenschaftlerin und heute mehr als Künstlerin. Diese Arbeit hat eine politische Dimension. Es ist ja kein Zufall, wer oder was (und auch, was von wem) vergessen geht. Dazu gehören Künstlerinnen und Denkerinnen, deren Dichten, Denken und Handeln in ihrer Zeit weder wünsch- noch denkbar waren. Aber das ist ein eigenes Thema, ebenso spannend wie die Frage, was geschieht, wenn man im Keller der Geschichte Fässer anzapft, deren Existenz man vergessen wollte, und den Trank als neuen Wein in neuen Krügen serviert. Ich zapfe gern alte Fässer frisch an. Ich bin durch und durch Kellerin der Geschichte und verabscheue das Abgestandene.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun