Dem Bau und seinem Zeitgeist am nächsten ist frau, wenn sie im geschwungenen Schaufenster des Cafés Barista sitzt, was jetzt wieder möglich und doppelt geschätzt ist. Obschon im Innern, überwiegt das Gefühl, Teil des Stadtraumes zu sein. Die Busse und Autos sind nah, noch näher die Passantinnen, und ab und zu betritt jemand hinter dem Rücken die Obergeschosse der sogenannten Brückenwaage.
Spannungsreich gegen den Blumenbergplatz
Das Wohn- und Geschäftshaus wurde 1933 vom Architekten Anton Aberle erstellt, es war der erste Stahlskelettbau der Stadt St.Gallen, sechsstöckig, mit Hauptfassade zur Bahnhofstrasse hin. Eine Steinverkleidung prägt das geschäftlich genutzte Sockelgeschoss, darauf folgen vier Wohngeschosse und ein zurückversetztes Dachgeschoss. Lochfenster sind paarweise angeordnet, Balkone abgerundet und vollbrüstig, der Verputz glatt.
Interessanter und dynamischer ist die Ostfassade, wo sich heute das Café Barista befindet: Hier hat der Bau eine konvexe Krümmung und geht mit abnehmenden Schaufensterhöhen auf die Topografie ein. Mit ihrer geschwungenen Form nimmt die Ostfassade die Dynamik des motorisierten Verkehrs auf.
Samuel Teitler, SP-Gemeinderat, war die treibende Kraft hinter dem Bau an städtebaulich markanter Lage. Er überzeugte den Stadtrat, die Parzelle zu verkaufen und neu zu überbauen. Teitler führte mehrere Gründe an: eine Strassenverbreiterung zum Blumenbergplatz und die Verbesserung der Verkehrssituation sowie die Modernisierung des Stadtbildes. Überdies würde ein Neubau Arbeit schaffen. Teitler und die Stadt einigten sich im Januar 1932 auf den Kaufpreis von 175’000 Fr., wobei die Politische Gemeinde eine Hypothek über 150’000 Fr. übernahm. Für den Ankauf der Liegenschaft gründete Teitler die Baugenossenschaft Brückenwaage. Er stand ihr als Präsident vor und lancierte unter fünf St.Galler Architekturbüros einen Wettbewerb für den Neubau, der nicht überliefert ist.[1]
Im Mai sollte sie im Linsebühl-Bau eröffnet werden: die Ausstellung «Die Moderne im Kleinen», eine Zeitreise zu den Anfängen moderner Architektur in St.Gallen. Wegen Corona musste der Termin verschoben werden – die Eröffnung findet jetzt am 20. Juni statt, Dauer der Ausstellung: bis 18. Juli.
Nina Keel ist Kunsthistorikerin und Kuratorin in St.Gallen.
Optimismus und «geistige Misere»
Im krisengeplagten St.Gallen sorgte die Vergabe der Abbrucharbeiten an eine Zürcher Firma für Aufruhr. In der «Ostschweiz» findet sich ein Artikel, worin sich Teitler verteidigt: «Dem Konsortium [Baugenossenschaft Brückenwaage] gehört eine Zürcher und eine Basler Firma an. Sie glauben nicht an das Märchen von der ‘sterbenden Stadt St.Gallen’. Sie setzen Hoffnung und Optimismus in unsere Stadt und verwirklichen durch diese die Tat, voller Risiken. Wir sollten uns hüten, durch kleine und kleinliche Argumente und Stimmungsmachereien solchen Optimismus zu lähmen und zu unterbinden, sonst tragen wir selbst die Schuld, wenn sich dieses Märchen verwirklicht. Und das ist doch, was wir alle vermeiden wollen!»[2]
Die Krise der 1930er Jahre in St.Gallen begann finanzieller Art, doch verschärfte sich zunehmend auch zu einer geistigen Misere, welche die Tatkräftigkeit und das Selbstbewusstsein der Städterinnen und Städter trübte.
Schibenertor heute, mit Brückenwaage (links) und Palace (hinten). (Bild: Nina Keel)
Vor Baubeginn hatten die Genossenschaft und der Bauvorstand über den Einbau einer Wohnung – neben dem bereits erlaubten Fotografen-Atelier – im Dachgeschoss gerungen. Aufgrund der Krise erklärte sich die Baupolizeisektion schliesslich zum Einbau der Dachwohnung bereit. Teitler gelang es somit, die Bauordnung unter Erwähnung der Depression zu seinen Gunsten auszuweiten. Es ging ihm nicht um gestalterische Gesichtspunkte, sondern um die Erhöhung der Rentabilität der Brückenwaage. Die moderne Formensprache scheint im krisengeplagten St.Gallen nebensächlich gewesen zu sein; was zählte, war jede Gelegenheit zu Arbeit.
Flirrendes Nachtleben Wer in den 1930er Jahren am Blumenbergplatz einen Kaffee wollte, der ging auf die andere Strassenseite, ins Café Biland. Das gerundete Fenster der Brückenwaage gehörte damals zu einem Fotofachgeschäft. 1929 machte Anton Aberle – der übrigens 1930 auch die erste Villa mit Flachdach in St.Gallen erbaute – mit dem Café Biland einen ersten Schritt zur Modernisierung des Zentrums. Er baute ein Altstadthaus (Unterer Graben 7) um und ergänzte es um einen schlichten, eingeschossigen Anbau.
Café Biland & Restaurant Blumenberg von Anton Aberle, Unterer Graben 7, 1929. (Bild: Ausschnitt einer Aufnahme von Foto Gross, 1932, Stadtarchive St.Gallen)
Moderne, sachliche Typografie prägte die Fassade – Café Biland & Restaurant Blumenberg. Grossflächige Schaufenster luden ein ins Café, auf der Dachterrasse weckten Palmen das Fernweh. Und nachts verströmte der Bau moderne Urbanität: Beim Vordach leuchtete ein Lichttransparent. Vermutlich in Rot machte es die vorbeirauschenden Autofahrer auf sich aufmerksam.
Wenige Meter weiter oben leuchtete es noch heller: Ein Leuchtschriftzug auf dem Dach bewarb das Cinema Palace, 1924 von Moritz Hauser erbaut – das Nachtleben von St.Gallen erhellt es bis heute.
[1]Auszug aus dem Kaufbriefprotokoll, 20. Mai 1932 (Baudokumentation St.Gallen, Dossier Bahnhofstrasse 2).
[2] Samuel Teitler: Zum Neubau ‘Brückenwaage’, in: Die Ostschweiz, 7. November 1932, Abendblatt.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.