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Erbstück: Die Pastamaschine

Ob materiell oder immateriell, individuell oder kollektiv, ausgeschlagen, vergessen, verdrängt oder freudig akzeptiert. Erbstücke haben ihre eigene Geschichte. Hier eine Hommage an La mamma. von Valérie Hug
Von  Gastbeitrag , 

«Mangiare!» ruft es aus der Küche, und sofort ist sämtliches Interesse fürs Spielen bei mir und meiner kleinen Schwester wie weggeblasen. Wer zuerst am Esstisch sitzt, hat gewonnen. Es gibt Tagliatelle, dazu eine Salsa di pomodoro mit Vongole.

Oh, wie wir dieses Essen geliebt haben. Doch nicht nur das, auch das ganze Prozedere drum herum. Sei es der Besuch beim Italiener Aldo und seiner Frau Anna in ihrer Cantina in der Arboner Altstadt mit Papa, weil wir dort zu unserem Vongole-Einkauf immer eine Gratisscheibe Mortadella bekamen. Oder das Herumgealbere und Limbospielen unter dem Besenstiel hindurch, wenn unsere Mutter darüber die selbstgemachte Pasta in der Küche zum Trocknen aufhängte und dabei Lucio Battistis Arrivederci a questa sera zum Besten gab. Sie gehören mit zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen: die Cantina, unsere alte Wohnung in Arbon, der mit Pasta behängte Besenstiel, italienische Musik und natürlich die Pastamaschine mit ihrem unverkennbaren Klackern.

Die Pastamaschine – so erzählt meine Mamma – hat sie seit ihrer Hochzeit. «Damals, zu unserer Zeit, haben wir noch von Hand einen Wunschzettel geschrieben und diesen mit einer Kordel zusammengeschnürt. Meist hat man sich exklusivere Küchenartikel oder Haushaltsgeräte gewünscht».

Neben einem Chromstahl-Pfannenset, einer Glasbowle und einem Wallholz aus Marmor hat meine Mutter also auch die Pastamaschine zu ihrer Hochzeit geschenkt bekommen. Italienisches Original, versteht sich. Kein Schnick-Schnack. Kein Plastik. Kein Motor. Lediglich drei verschiedene Walzen – eine für Linguine, eine für Tagliatelle und eine verstellbare mit sechs Stufen, um den Pastateig dünn genug hinzubekommen. Mehr brauchts nicht.

Ausser vielleicht den Pastateig selbst. Und der soll ja bekanntlich il segreto – das Geheimnis – einer jeden guten Pasta sein. Das weiss auch meine Mamma. Schliesslich macht sie Pasta wie keine Zweite, und das schon seit jeher. «Nicht ganz», korrigiert sie mich. Auch sie hätte zuerst lernen müssen, Eier, Mehl, Wasser, Salz und Olivenöl im richtigen Verhältnis zusammenzubringen.

In diesem Punkt habe ich etwas mehr Glück als sie, denn als mir meine Eltern zu Beginn dieses Jahres eine Pastamaschine schenkten, lag da auch ein handgeschriebener Zettel mit dabei. Darauf das Rezept für den Pastateig, verfasst von meiner Mutter. Che fortuna! Wenige Tage später war die Macchina per la pasta bereits im Einsatz, meine Küche gefüllt mit Freunden, und aus dem Lautsprecher erklang Ricchi e Poveris Mamma Maria – mehr brauchts nicht. Grazie Mamma per questo cimelio.

Dieser Text ist ein Erbstück. Noch mehr davon gibts in der Septemberausgabe von Saiten.
Valérie Hug ist Redaktorin und Studentin der Kulturpublizistik an der ZHdK.

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