Nichts auf dieser Welt wurde so oft beschreiben wie die Liebe. Mit der Liebe scheinen wir Menschen einfach nicht fertig zu werden. Ungezählte Romane, Lieder, Theaterstücke und sonstige Abhandlungen wurden geschrieben über die Liebe in all ihren Facetten, und natürlich ist sie auch wissenschaftlicher Gegenstand. Aber gleich eine Doktorarbeit über die Liebe schreiben? Tönt einigermassen ambitioniert. Doch genau das wollte Veronika Fischer, Philosophin und Autorin aus Konstanz. Nach einigen Jahren hat sie ihre Promotion jedoch guten Gewissens abgebrochen und ihr gesammeltes Material stattdessen zwischen zwei Buchdeckel gepresst: Liebe ist am 24. Januar bei Kremayr & Scheriau in der Essayreihe «übermorgen» erschienen.
Ist das 128-seitige Werk nun eine Hommage oder eine Abrechnung mit der Liebe? «Beides!», schreibt Fischer. In ihr liege die Kraft, «uns in die höchste Euphorie zu katapultieren, die Welt aus den Fugen zu heben und Berge zu versetzen. Durch genau dieselbe Kraft können aber auch ganze Lebensentwürfe vernichtet, Familien zerstört und Existenzen ausgelöscht werden. Wir benennen es immer gleich: ‹Liebe›».
Fischer geht also der Frage nach, was Liebe bedeuten kann und wie man mit dem Begriff achtsam umgeht. Sie will ihn «zerdenken» und «zerlegen» und ihn neu zusammensetzen. «Unlearning & relearning love» heisst ihre Mission. Und das gelingt ihr auf recht unterhaltsame Weise, von Aristoteles bis zu Miley Cyrus, die sich offenbar gut verstanden hätten, wären sie in derselben Epoche geboren.
Liebe ist Handarbeit
Aufgebaut ist das Buch anhand verschiedener Liebesfacetten. Die Kapitel heissen «Liebe als Idee», «Liebe als Aktion», «Liebe als Institution» oder «Liebe als Utopie». In «Liebe als Idee» thematisiert Fischer den Unterschied zwischen dem Lieben und dem Verliebtsein. Was Letzteres mit Dönerfleisch zu tun hat? Die Antwort findet sich auf Seite 22. In «Liebe als Aktion» geht es um die Selbstliebe – Miley lässt grüssen – und um die Erkenntnis, dass das Lieben, zumindest im Beziehungskontext, eine «Gefühlsaktivität» und somit eine bewusste Entscheidung ist. Was auch heisst, dass Liebe lernbar, ausbaufähig und entwickelbar ist, ähnlich einem Handwerk.
Veronika Fischer: Liebe. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2024.
Die Verantwortung für sein Lieben zu übernehmen allein reicht natürlich noch nicht, um gelingende Beziehungen zu führen, schliesslich sind sie nicht frei von äusseren Einflüssen, seien sie gesellschaftlicher, kultureller oder politischer Natur. Auch das macht Fischer in ihrem Buch immer wieder deutlich. Sie zerpflückt unter anderem Walt Disney, Pärchen-Funktionskleidung, abgegriffene Liebesbeweise, sexuelle Konditionierung, binäre Rollenbilder, Kapitalismus und Patriarchat, aber auch «militante Feministinnen», die alles Männliche grundsätzlich als «toxisch» brandmarken.
Nach der Zerlegung des Liebesbegriffs auf theoretischer Ebene folgt im letzten Kapitel der «Reality Check», um die Teile wieder neu zusammenzusetzen. Dafür gebe es allerdings kein Allgemeinrezept, warnt Fischer vor. «Jede Person hat einen eigenen Liebesbegriff. Dieser hängt von der autobiografischen Geschichte, von der kulturellen Prägung und von der Zeit, in der man lebt, ab.» Die Vorstellung von Liebe sei von diversen Faktoren geprägt. Im Fall «unserer» Gesellschaft seien das die Demokratie, das kapitalistische Wirtschaftssystem und ein Zeitgeist der Digitalisierung, Globalisierung und Psychologisierung.
Fragen über Fragen
Fischer geht der Reihe nach auf diese Faktoren ein und bietet als Lösungsansatz vor allem Fragen an: Welche Beziehungsmodelle wurden mir vorgelebt? Wie viel investiere ich in die Liebe und welche Dinge habe ich mir gekauft, um meinen «Marktwert» zu steigern? Was passiert mit meiner Liebe, wenn ich mein Handy ausschalte? Musste für jede Kurznachricht zwischen Cäsar und Kleopatra einer mit dem Pferd durch die Wüste jagen? Wo lassen wir jemand anderen ganz nah sein, wo spüren wir Grenzen?
Buchvernissage und Amore-Party: 14. Februar, 18:30 Uhr, Apollo Kreuzlingen
apollokreuzlingen.ch
Die vorgestellte Begriffsvielfalt und die Erörterungen der Liebe seien eine Einladung, «das eigene Leben und Lieben neu zu verstehen und Dinge zu entdecken, die in einem anderen Licht eine ganz neue Strahlkraft entwickeln», schreibt Fischer zum Schluss. Es gebe unzählige Fragen, die sich nach dieser begrifflichen Neuordnung stellen liessen. Und für sie alle gelte: «Love is the answer – no matter the question.»
Es ist nicht diese etwas schmale Erkenntnis, die das Buch wertvoll macht, sondern Fischers süffige Schreibe und ihre jahrelange Auseinandersetzung mit dem Thema, die auf jeder Seite spürbar ist. Liebe ist eine Art Proseminar und ein buchgewordener Hyperlink: Bei jedem Umblättern zupft Fischer neue Fäden aus dem Liebesknäuel, denen man nachgehen will und dank Quellenverzeichnis auch kann. Sie zitiert unzählige Philosoph:innen, Autor:innen, Künstler:innen und Aktivist:innen von der Antike bis zur Gegenwart. Und sie verpackt diese zum Teil schwer intellektuellen Diskurse sprachlich mit einer Leichtigkeit, die man allen auch in der Liebe wünschen würde.
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