Das Team, das jetzt ausgewählt worden ist und unter der Leitung von Marietta Meier steht, habe sich selbst aufgrund der Ausschreibung des Forschungsauftrages zu den Münsterlinger Medikamentenversuchen zusammengefunden und sei hochkarätig, sagt Staatsarchivar André Salathé. Salathé leitet die vom Thurgauer Regierungsrat im August eingesetzte Projektgruppe. Dem Forschungsteam gehören ferner Magaly Tornay und Mario König an. Tornay hat ihre Dissertation über einen Teilaspekt der Psychopharmakaforschung geschrieben und dabei ebenfalls auf Münsterlinger Quellenmaterial zurückgegriffen. Der Historiker König ist im Thurgau durch seine Studie über die Firma Saurer und die Huggenberger-Biografie, die er zusammen mit Rea Brändli verfasste, bekannt geworden. In das Team eingebunden ist auch Francesco Spöring, der über ein Spezialthema der Psychopharmakaforschung eine Habilitationsschrift verfasst hat.
Die Forschungsarbeiten, für die 750’000 Franken aus dem Lotteriefonds zur Verfügung stehen, sollen drei Jahre dauern und in Buchform veröffentlicht werden. Ausser der Hauptstudie werden durch das Forschungsprojekt zwei akademische Schriften entstehen.
Kuhn hat in den 1950er bis 1970er Jahren rund 1600 Patientinnen und Patienten, darunter auch Kinder, mit nicht zugelassenen Medikamenten behandelt, ohne dass sie darüber informiert worden sind. Die Tests waren als Psychopharmakaforschung deklariert und fanden in Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie statt. Bei den Menschenversuchen soll es auch Todesfälle gegeben haben, und ein Teil der Patientinnen und Patienten hat mutmasslich bleibende Schäden erlitten.
Mit der Psychiatrie-Problematik vertraut
Forschungsteam-Leiterin Meier ist eine profunde Kennerin der Psychiatrie-Problematik. In ihrer Habilitationsschrift, die kürzlich im Wallstein Verlag unter dem Titel Spannungsherde erschienen ist, befasst sie sich mit der Lobotomie. Die Methode zur Behandlung psychischer Störungen mittels Hirnoperationen wurde 1935 entwickelt. Sie rief bei den Patienten starke Persönlichkeitsveränderungen hervor und fiel auch durch eine hohe Sterberate auf. Trotz harscher Kritik der Fachwelt setzte sich das psychiatriechirurgische Verfahren aber nach Ende des Zweiten Weltkrieges breit durch. Erst um 1970 wurden diese für die Patienten verheerenden Eingriffe eingestellt. Für ihre Publikation hat Meier auch Quellenmaterial aus dem Thurgauer Staatsarchiv ausgewertet.
Öffentlicher Druck
Die Vorgänge in Münsterlingen sind in den letzten Jahren durch verschiedene Medienberichte bekannt geworden. Der Skandal löste einen riesigen Wirbel aus und bewog die Kantonsregierung dazu, die Angelegenheit wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Staatsarchivar Salathé hat die Nachlässe von Kuhn und seiner Gattin, die ebenfalls in Münsterlingen Psychiatrieärztin war, für die Forschung gesichtet, geordnet und strukturiert sowie eine Projektskizze verfasst. Das Material, das von den Hinterbliebenen der Kuhns dem Staatsarchiv übergeben worden ist, misst etwa 50 Laufmeter und lagert in rund 800 Kisten.
Kuhn gilt als «Vater der Antidepressiva» und war ein international bekannter und geachteter Mediziner sowie im Thurgau eine hochgeschätzte Persönlichkeit. Das grosse Interesse an den Fragen, die durch die Psychopharmakaforschung in Münsterlingen aufgeworfen worden sind, ist unbestritten. Ihre Beantwortung wird ein wenig rühmliches Kapitel der Medizingeschichte ausleuchten.
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