Dass ausgerechnet jemand, der «Hitzfeld» heisst, sich lautstark darüber empört, dass er auf Brasiliens heissen Feldern tschutten lassen muss, mag erstaunen. Ob das für seine Voralpenkicker einen Nachteil darstellt, wen kümmerts? Oder ist Fussball dermassen europäisch, dass sogar das Klima sich den Fussballgöttern beugen müsste? Ist Fussball dermassen krank, dass man katarische Wüsten runterkühlen muss auf westeuropäische Konformitätsstandards? Das ist Hybris in Reinform.
Das ganze pathetische Blabla um die neokolonialen Blatter-Games nervt sowieso. «Fussball verbindet Menschen!» Ja klar! Das tun die Demonstrationen auch. Das tun die Streiks auch, die derweil von dem Militärpolizeikorps «Choque» zusammengeprügelt werden. Fussball sei stärker als die Unzufriedenheit einer Handvoll Brasilianerinnen und Brasilianer, so die Stellungnahme des Sonnenkönigs Blatter zu den Millionenprotesten im vergangenen Sommer. Wenn der Ball einmal rolle, werde das aufhören.
Mit einem lebensweltlichen, erweiterten Kulturbegriff kann man allgemein sagen, dass «Kultur» die Menschen zusammenbringt und verbindet; dazu gehören im Prinzip auch popkulturelle Phänomene wie eine Fussball-Weltmeisterschaft. Allerdings lässt die Arroganz der Fifa-Funktionäre dies stark bezweifeln, sie reproduzieren damit vielmehr eine Zwei-Klassen-Welt. So polterte der Fifa-Generalsekretär, wie man in der Tageswoche lesen kann, man müsse die Brasilianer in den Hintern treten, damit die Stadien rechtzeitig fertig werden. Primär dient die Fussball-WM dazu, fiktiv geschlossene Lebenswelten gegeneinander auszuspielen. Fussball sei wie Krieg, wird häufig verglichen.
Wie andere Kulturerzeugnisse leidet auch die Weltfussballparty zudem an einem starken Eurozentrismus, obwohl das Spiel vermutlich schon vor 4000 Jahren in China gespielt wurde, um die Soldaten zu ertüchtigen. Dass Brasilien keinen Spass an dieser Geschichte hat, ist verständlich: Es ist, wie wenn man in der Wohnung des Nachbars eine Party schmeisst (dabei viel Geld verdient) und ihn mit Beleidigungen vor die Türe stellt. Den Dreck muss er dann aber selbst aufräumen.
Und wo bleiben eigentlich die Frauen? – Auf den Rängen. Mit dem Telefon im Ausschnitt (das wohl berühmteste Bild der WM 2010, mit dem Model Larissa Riquelme) dürfen sie den Soldaten auf dem Feld zujubeln: sexy aussehen, laut kreischen und sich nachher für Playboy ausziehen. Grossartig: Der Fussball reproduziert einen überholten Nationalismus, fungiert als europäisches Medium eines Kolonialismus 2.0, um nebenbei noch machohafte Geschlechtsbilder zu feiern, als hätt’s Emanzipations-Diskurse nie gegeben. «Wer noch irgendwelche Sympathien für Fifa und WM hat, soll sich bitte sofort beim nächsten Psychiater melden», schrieb der Zürcher Stadtblogger Reda el Arbi unlängst auf seinem Facebook-Profil.
Die meisten popkulturellen Phänomene umgibt eine Faszination, die man mit rationalen Argumenten kaum erklären kann. So auch den Fussball: Leute, die sonst «Nationalismus» schreien und diesem kritisch gegenüberstehen, wissen plötzlich haargenau, welches Land sie unterstützen und welches nicht. Leute, die sonst Mc-D und Coca Cola boykottieren, ziehen sich plötzlich Abende lang das neueste Produkt der Fifa rein. Argumentieren kann man da nur noch auf der Gefühlsebene: mit dem schwammigen Begriff «Liebe».
So kann man vielleicht verstehen, warum das St.Galler Kulturlokal Palace erst einen kritischen Vortrag zu Blatters Brasilien organisiert, nachher dann aber trotzdem dessen Spiele zeigt. Liebe ist tatsächlich unter anderem dafür bekannt, Menschen zu verbinden. Von mir aus die Liebe zum Fussball dännhalt auch. Ein breiter Boykott, laute Solidaritätsbekundungen hätten denselben Effekt gehabt, allerdings ohne den faulen Beigeschmack.
PS. Die Idee des deutschen Bundesrats, in den Fanmeilen Partylärm bis tief in die Nacht zu tolerieren, stimmt nachdenklich. Eine solche Sonderregelung wäre dringendst für sympathischere Kulturveranstaltungen zu fordern.
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