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Fussball verbindet: eine Blattitude

Der Diskurs um die Fussball-WM nervt: Michael Felix Grieder mit einigen kulturtheoretischen Flankenbällen zu den neokolonialen Blatter-Games.
Von  Michael Felix Grieder , 

Dass ausgerechnet jemand, der «Hitzfeld» heisst, sich lautstark darüber empört, dass er auf Brasiliens heissen Feldern tschutten lassen muss, mag erstaunen. Ob das für seine Voralpenkicker einen Nachteil darstellt, wen kümmerts? Oder ist Fussball dermassen europäisch, dass sogar das Klima sich den Fussballgöttern beugen müsste? Ist Fussball dermassen krank, dass man katarische Wüsten runterkühlen muss auf westeuropäische Konformitätsstandards? Das ist Hybris in Reinform.

Das ganze pathetische Blabla um die neokolonialen Blatter-Games nervt sowieso. «Fussball verbindet Menschen!» Ja klar! Das tun die Demonstrationen auch. Das tun die Streiks auch, die derweil von dem Militärpolizeikorps «Choque» zusammengeprügelt werden. Fussball sei stärker als die Unzufriedenheit einer Handvoll Brasilianerinnen und Brasilianer, so die Stellungnahme des Sonnenkönigs Blatter zu den Millionenprotesten im vergangenen Sommer. Wenn der Ball einmal rolle, werde das aufhören.

Mit einem lebensweltlichen, erweiterten Kulturbegriff kann man allgemein sagen, dass «Kultur» die Menschen zusammenbringt und verbindet; dazu gehören im Prinzip auch popkulturelle Phänomene wie eine Fussball-Weltmeisterschaft. Allerdings lässt die Arroganz der Fifa-Funktionäre dies stark bezweifeln, sie reproduzieren damit vielmehr eine Zwei-Klassen-Welt. So polterte der Fifa-Generalsekretär, wie man in der Tageswoche lesen kann, man müsse die Brasilianer in den Hintern treten, damit die Stadien rechtzeitig fertig werden. Primär dient die Fussball-WM dazu, fiktiv geschlossene Lebenswelten gegeneinander auszuspielen. Fussball sei wie Krieg, wird häufig verglichen.

Wie andere Kulturerzeugnisse leidet auch die Weltfussballparty zudem an einem starken Eurozentrismus, obwohl das Spiel vermutlich schon vor 4000 Jahren in China gespielt wurde, um die Soldaten zu ertüchtigen. Dass Brasilien keinen Spass an dieser Geschichte hat, ist verständlich: Es ist, wie wenn man in der Wohnung des Nachbars eine Party schmeisst (dabei viel Geld verdient) und ihn mit Beleidigungen vor die Türe stellt. Den Dreck muss er dann aber selbst aufräumen.

larissa-riquelme-world-cup4Und wo bleiben eigentlich die Frauen? – Auf den Rängen. Mit dem Telefon im Ausschnitt (das wohl berühmteste Bild der WM 2010, mit dem Model Larissa Riquelme) dürfen sie den Soldaten auf dem Feld zujubeln: sexy aussehen, laut kreischen und sich nachher für Playboy ausziehen. Grossartig: Der Fussball reproduziert einen überholten Nationalismus, fungiert als europäisches Medium eines Kolonialismus 2.0, um nebenbei noch machohafte Geschlechtsbilder zu feiern, als hätt’s Emanzipations-Diskurse nie gegeben. «Wer noch irgendwelche Sympathien für Fifa und WM hat, soll sich bitte sofort beim nächsten Psychiater melden», schrieb der Zürcher Stadtblogger Reda el Arbi unlängst auf seinem Facebook-Profil.

Die meisten popkulturellen Phänomene umgibt eine Faszination, die man mit rationalen Argumenten kaum erklären kann. So auch den Fussball: Leute, die sonst «Nationalismus» schreien und diesem kritisch gegenüberstehen, wissen plötzlich haargenau, welches Land sie unterstützen und welches nicht. Leute, die sonst Mc-D und Coca Cola boykottieren, ziehen sich plötzlich Abende lang das neueste Produkt der Fifa rein. Argumentieren kann man da nur noch auf der Gefühlsebene: mit dem schwammigen Begriff «Liebe».

So kann man vielleicht verstehen, warum das St.Galler Kulturlokal Palace erst einen kritischen Vortrag zu Blatters Brasilien organisiert, nachher dann aber trotzdem dessen Spiele zeigt. Liebe ist tatsächlich unter anderem dafür bekannt, Menschen zu verbinden. Von mir aus die Liebe zum Fussball dännhalt auch. Ein breiter Boykott, laute Solidaritätsbekundungen hätten denselben Effekt gehabt, allerdings ohne den faulen Beigeschmack.

PS. Die Idee des deutschen Bundesrats, in den Fanmeilen Partylärm bis tief in die Nacht zu tolerieren, stimmt nachdenklich. Eine solche Sonderregelung wäre dringendst für sympathischere Kulturveranstaltungen zu fordern.

Ern­ten in der Grau­zo­ne

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Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

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Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

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Von Viviane Sonderegger,
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Es kratzt, knallt und schep­pert

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Von Lilli Kim Schreiber,
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Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
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Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

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Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
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Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights