Ein wackelig anmutendes Gerüst aus Metallstäben steht mitten im Foyer der Lokremise. Flauschiges Fell hier, ein überdimensionaler Zahn aus Draht dort und kornblumenblaue Dildos da. Schwarze, blonde und geflochtene Haarteile stecken in einem Plexiglaspanel. Riesige, abgekappte Fingernägel baumeln mobileartig an einem Fadengeflecht, welches an einem Metallpanel befestigt ist. Als Träger für all diese Objekte halten die Standelemente aus Metall her. Sie fügen sich zu einem Paravent aus Wänden zusammen und bilden, erst durch ihre Anzahl, ein installatives Arrangement.
Es ist die Arbeit von Kasia Fudakowski, die sich mit Phänomenen des Datings beschäftigt. Die Londoner Künstlerin, Jahrgang 1985, analysiert die Profile der Akteurinnen und Akteure und versucht die realen Personen aus ihnen herauszuschälen. In Profilen auf Dating-Plattformen oder in Gesprächen bei romantischen Treffen werden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern persönliche Mängel, ob charakterliche oder auch das Aussehen betreffende, geschickt getarnt.
Die inszenierten Haarteile versinnbildlichen einerseits das optimierte Profil, andererseits die nackte Wahrheit. Von vorne betrachtet schimmert die füllige Haarpracht – tritt man an die Rückseite des Haar-Panels, werden die kleinen Haken, mit welchen die Haarteile befestigen sind, sichtbar. Was ist nur Performance und was ist Realität?
Das Wort im Bild
Der Konzeptkünstler Zin Taylor, Jahrgang 1978, bringt seine auf Stadtspaziergängen gesammelten Eindrücke mit einem dicken Marker auf die weissen Wände. Der Künstler aus Calgary hat eine nonverbale Sprache kreiert, die mit grafischen Symbolen statt mit Buchstaben funktioniert. Durch die Einfachheit der Ausführung erinnern seine Illustrationen an überdimensionale Kritzeleien. Sein Alphabet besteht aus Punkten, Winkeln, Kurven und Zickzacklinien.
Neue Zeichensprache: Zin Taylors «Thougths of a dot as it travels a surface» in der Lokremise.
Mit diesen Symbolen schafft er zeichnerisch neue Narrative. Für die Ausstellung in der Lokremise hat er auf einem Spaziergang durch St. Gallen Eindrücke gesammelt. Die Suche nach repräsentativen Objekten wie der Stiftsbibliothek oder dem Waaghaus ist in seinem Index «Void Flowers», dem Verzeichnis der gesammelten Eindrücke, vergebens. Es findet sich vermeintlich Unscheinbares wie Mondstein, Birkenstock, Pyramide, Flöte oder Kaktus.
Camouflage: bis 16. Juni, Lokremise St.Gallen
kunstmuseumsg.ch
Diese Begriffe übersetzt er mithilfe seines Alphabets in Zeichnungen. Die Übersetzung vom Wort ins Bild ermöglicht eine andere Betrachtungsweise und damit eine Erweiterung der Interpretation und Leseart. Dieser neu geschaffene Leerraum kann Bereicherung und Veränderung bedeuten und dazu einladen, statt alteingefahrener Muster neue gedankliche Wege durch die Stadt zu gehen.
Ziviler Ungehorsam
Während die Gedanken noch um Zin Taylors Kakteen und Mondsteine kreisen, ist in einer Ecke ein hämisch-hysterisches Lachen zu hören, das in einer Endlosschlaufe abgespielt wird. Der Blick hinter die fünf Meter hohe Leinwand im hinteren Teil des Ausstellungsraums zeigt eine skurrile Animation: Ein lachender Fliegenpilz sitzt in einem Bücherregal, eine abgehackte Hand baumelt in der oberen Ecke, und Blutspuren sind am Boden zu sehen. Repetitiv fällt ein Buch aus dem Regal und zeigt Textfragmente von Joe Hill, einem Liedermacher und Gewerkschaftsaktivisten, der 1915 in den USA zum Tod verurteilt wurde.
Die abgehackte Faust dient als Symbol eines unterdrückten Widerstands, das stete Tropfen des Bluts symbolisiert die Spuren, die die Existenz des zivilen Ungehorsams trotz Beseitigung sichtbar machen. Die Künstlerin Catherine Biocca aus Rom, Jahrgang 1984, arbeitet mit bewegtem Bild, vertauscht Zweidimensionales mit Dreidimensionalem und versucht mit diesem Positionswechsel ihrerseits Denkmuster aufzulösen.
Die Entlarvung der Mimikry
Kurator Lorenzo Benedetti spricht von zwei Linien, die sich durch die Ausstellung ziehen. Die eine befriedigt den ästhetischen Anspruch, die andere zeigt den Weg zu den getarnten Botschaften.
Blick in den Vorhang: «Curtain» der deutschen Künstlerin Grace Schwindt.
Die Entlarvung der Mimikry – die Fähigkeit der Täuschung oder Anpassung zum eigenen Schutz – erschliesst sich der Betrachterin und dem Betrachter nur, wenn ein durchdringender Blick hinter die Gegebenheiten gewagt wird. Ein neugieriger, mutiger und beharrlicher Schritt durch die projizierte Konstruktion der Ausstellungswirklichkeit und deren Oberfläche hindurch lohnt sich allemal, da die Kunst viel mehr ist als nur Platzhalter für den winzigen Moment des ästhetischen Genusses.
Beim dritten Sparpaket des Kantons St.Gallen Ende Juni soll nicht zuletzt die Kultur zur Kasse kommen. Worum es geht – und wo der Widerstand bleibt.
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.