Am Anfang war eine grosse Naivität. Oder Optimismus. Das ist die beschönigte Formulierung. Im Nachhinein passt sie glücklicherweise sehr gut. Wenn aber zu Beginn all die Problemchen und Herausforderungen bekannt gewesen wären, die mit der Zwischennutzung eines älteren Kinos einhergehen – es wäre vielleicht weise gewesen, nur von diesem Projekt zu träumen.
Bei uns war es andersrum. Wir hatten uns nie erträumt, was alles möglich sein wird im EXREX. Schon bei der Inbetriebnahme des Gebäudes, beim Erstellen des Sicherheitskonzepts und bei der Ingangsetzung der Heizung – immer tut sich eine Lösung auf. Immer kennt man jemanden, der oder die den passenden Stecker hat, die richtige Telefonnummer kennt oder weiss, wo der Gashahn ist. Nur durchs Machen entstehen Sachen. Das gilt natürlich auch für die Inhalte.
Saiten hat früh einen Aufruf an verschiedene Kulturtäterinnen und Veranstalter in und um St.Gallen gemacht. Dabei haben wir sowohl die Räume zur Nutzung angeboten als auch um Material gebeten. Auf einmal hatten wir Tontechnik, Bühnenelemente, Barmöbel, Lichtequipment und ein paar Menschen, die sich engagierten. All diese Erfahrungen machen Mut, um auch in Zukunft eine Idee mit einer gesunden Naivität anzugehen.
Erfreulich war auch, dass für fast alle Interessierten ein Platz gefunden wurde, sodass während elf Wochen über 30 Anlässe stattfinden konnten. Alle Veranstaltenden bezahlten einen tiefen Selbstkostenpreis als Miete. Dafür standen Ton- und Lichtequipment, Bar, Getränke und Kühlschränke zur Verfügung.
Gefragt sind Eigeninitiative und Selbstverantwortung
Die Palette reichte von Workshops mit Jugendlichen über Vorträge, Theater und Lesungen bis zu Konzerten, Partys und Versammlungen. Es wurden auch Transparente gemalt, gestreikt und geprobt. Das EXREX bot Freiräume an, die unkompliziert bespielt werden konnten.
Die Zwischennutzung war nicht nur Plattform, sondern auch Motor und Entstehungsort. Am allermeisten war sie jedoch Begegnungsort. Von Menschen. Und auch von Umständen. Zwischennutzungen sind Möglichkeitsräume und geben Impulse für Projekte, die sonst nie stattfinden würden. Sie verstärken die Eigeninitiative. Deshalb: Wann immer sich die Möglichkeit für eine Zwischennutzung ergibt – ergreift sie! Unbedingt und grundsätzlich!
Im EXREX wurde allen Nutzerinnen und Besuchern ein gesundes Mass an Selbstverantwortung für Gebäude und Equipment übertragen. Technik und Getränke waren frei zugänglich. Das wurde nicht missbraucht. Alle Mikrophone sind noch vorhanden, keine Harasse fehlen, alle Geräte funktionieren noch. Obwohl ganz viele unterschiedliche Menschen damit hantierten.
Bestehende Räume öffnen
Diese positiven Erfahrungen mit offenen Veranstaltungsräumen könnten auch für etablierte Veranstaltungsorte spannende Inputs geben. Theater, Kunstmuseum, Palace, Tonhalle oder in der Region z.B. Treppenhaus, Eisenwerk, Phönix, Chössi, Fabriggli, Alte Fabrik und und und… Wenn man die Türen öffnet und reinlässt, was da draussen wartet, ergeben sich spannende Synergien und das Haus wird automatisch lebendiger. Der Einbezug dieses Potentials führt zu neuen Bezugslinien, Erkenntnissen und letztlich auch zu einer Qualitätssteigerung des Kulturangebots.
Das entspricht auch einem zeitgemässen Kulturbegriff, der das Gemeinsame vermehrt in den Fokus rückt. Heutzutage ist Kultur kooperationsfähig und pflegt einen konstruktiven Umgang mit Widersprüchen. Damit reagiert sie auch auf ein gesellschaftliches Bedürfnis. Das geniale Einzelkämpfertum ist immer weniger gefragt. Das sieht man auch politisch, wo Trump und Konsorten nur noch eine eigenbrötlerische Klientel bedienen können. Impulse für eine offene Gesellschaft und Lösungsansätze für die Herausforderungen der Zukunft sind aus dieser Ecke keine zu erwarten.
So könnte man auch kulturpolitisch anders denken. Anstatt neue Räume und Häuser zu fordern, wäre es reizvoll, das bestehende Potential besser zu nutzen und punktuell zu ergänzen. Geteilte Ressourcen bringen viel mehr als das ängstliche Verteidigen von Pfründen und das Gärtlidenken. Räume, Equipment, Publikum, Gelder, Netzwerke – wäre das alles Open Source, die Dynamik wird eine ganz andere. Aber Achtung, hier geht es nicht um Optimierung – sondern um Kooperation. Was trotzdem weiterhin nötig ist: Eine gute, wirkungsvolle Kultur muss seriöser alimentiert werden!
Im EXREX wurde diese Offenheit unter anderem dann spürbar, wenn zwei Veranstaltungen mehr oder weniger zeitgleich stattfanden. Vor dem Haus und in den Räumen war das Publikum auf einmal bunt gemischt. Grenzen wie Jazzhörerin und Theaterbesucher, Organisatorin und Kunstschaffende lösten sich auf. Der Abend wurde durch die Anwesenden geprägt.
Modelle gegen das Renditedenken
Latent anwesend war aber auch die zeitlich beschränkte Nutzung. Schön, dass mit dieser «Jetzt-oder-nie-Stimmung» eine Normalität mit all ihren Herausforderungen verhindert wurde. Es war immer klar, dass irgendwann die Bagger kommen. Nun entsteht dort Gewerbe und Wohneigentum. Erinnern wir uns an die Situation beim Kugl, als Zuzüger den Club mit Lärmklagen in arge Bedrängnis brachten. Eine solche Dynamik wäre verheerend für Palace und Grabenhalle.
Die jetzige Besitzerin des Gebäudes, die Firma HRS, hat uns das Kino Rex für die Zwischennutzung unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Trotz diesem Engagement ist der Totalunternehmer eher bekannt für Renditemaximierung.
Man kann einer Firma jedoch nur bedingt den Vorwurf machen, möglichst gewinnbringend zu wirtschaften. Hingegen darf man einer Gesellschaft und ihren Politikern durchaus vorwerfen, dass sie der städtebaulichen Gentrifizierung und dem hochproblematischen omnipräsenten Renditedenken, das unseren Lebensraum immer mehr vereinnahmt, keinen Begrenzungsrahmen setzen.
Für solches Handeln brauchen wir aber immer auch Modelle, die dabei helfen, sich Alternativen vorzustellen. Genau ein solches alternatives Modell war das EXREX. Gelebte und lebendige Nichtrendite, die durch die Kraft der Kollaboration aufblühte. So gesehen war das auch ein nachhaltiges politisches Statement.
Politik und Gesellschaft sind angewiesen auf Menschen, die mit einer gesunden Portion Naivität etwas wagen, das auch mal scheitern darf. Das ist eine der Aufgaben von Kultur. Dass die Zwischennutzung nicht gescheitert ist, verdanken wir allen, die konstruktiv mitgewirkt haben und diesen Ort für ein paar Wochen zu dem nachhaltigen Begegnungsort gemacht haben, den wir so euphorisch in Erinnerung halten werden. Goodbye EXREX und Danke!
Marc Jenny ist Musiker und Saiten-Co-Verlagsleiter.
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht